Jiao-Konzert mit Ding Hang
Symphonische Klangräume

„Ost trifft West“: Jahrhundertakkordeonist im Stadtmuseum Ingolstadt

10.06.2024 | Stand 10.06.2024, 17:00 Uhr |

Ausnahme-Akkordeonist im Barocksaal: Ding Hang. Foto: Luff

Diesmal fand das Jiao-Konzert im repräsentativen Barocksaal des Stadtmuseums statt und dabei trafen sich Ost und West gleich mehrfach. Denn mit dem landläufig unterschätzten Akkordeon stand ein „westliches Instrument mit östlichem Blut“ im Mittelpunkt des Konzerts. Ein österreichischer Missionar entdeckte nämlich vor rund hundert Jahren in China die Cheng, einen Vorläufer des Instruments, und entwickelte daraus das Akkordeon. Dies alles erläuterte ein wahrer Meister seines Fachs: Der erst 21-jährige Ding Hang gilt in der Fachwelt bereits als nahezu unübertroffener Virtuose des Tastenakkordeons. Man nennt ihn den „Meister mit 20 Fingern“. Ihn für ein Konzert in Ingolstadt zu gewinnen, erfüllte Peter Augsdörfer, den deutschen Direktor des Audi Konfuzius Instituts, sichtlich mit Freude. Und tatsächlich bot Ding Hang ein außergewöhnliches Konzert mit sechs westlichen und drei chinesischen Stücken.
Dass im abendländischen Block barocke, aber auch romantische und moderne Kompositionen geboten wurden, machte seine Vielfalt aus und passte auch gut zum Barocksaal und seinen überdimensionalen Gemälden. Dabei eröffnete Johann Sebastian Bachs zweiteilige „Fantasie & Fuge in A-Moll BWV 944“ den barocken Reigen, indem Ding Hang eine filigrane Akkord-Fantasie in den Raum zauberte, die im zweiten Teil, der Fuge, variantenreich gespiegelt wurde und mit unglaublicher Leichtigkeit die Pracht der Epoche inszenierte. Einen reizvollen südländischen Kontrast dazu bot dann Domenico Scarlattis „Sonate in E-Dur K135“, die ein klares und verspieltes, zugleich aber lebhaft pastorales Thema in unendlicher Vielfalt zeichnete.
Dunkler und melancholischer nahmen sich die beiden romantischen Werke aus, die Ding Hang – wie alle anderen Stücke – in atemberaubender Präzision und ganz ohne Noten vortrug: Die „Valse Triste“ von Jean Sibelius tastete sich filigran in eine lyrische Stimmung hinein, um dann plötzlich in aufgeregter Dynamik zu wahrhafter Orchesterlautstärke anzuschwellen. Wenn man die Augen schloss, war die Illusion perfekt, dann waren vermeintlich symphonische Streicher und Bläser zu hören. Und Franz Liszts „Tarantella“ geht ursprünglich auf einen süditalienischen Tanz zurück, mit dem man der Legende nach sogar einen Schlangenbiss überlebt, wenn man nur unablässig tanzt. Die enorme Dynamik und die changierenden Tempi des kraftvollen Hauptthemas forderten Ding Hangs ganzes Geschick.
Doch der eigentliche Höhepunkt des Konzerts waren die modernen Stücke: Ole Schmidts „Toccata No.1“ und Vladislav Andreyevich Zolotaryovs „Sonate No. 3“ wurden beide exklusiv für das moderne Akkordeon komponiert und die komplexe mehrsätzige, in Bereiche der Atonalität vordringende Sonate des russischen Akkordeonkomponisten gilt gar als kaum spielbar. Ding Hang spielte sie dennoch und wuchs in dem 30-minütigen Stück über sich hinaus. Denn die moderne Kompositionstechnik setzt disharmonische Nadelstiche, die man als Ausbruchsversuche und Hilfeschreie des depressiven Komponisten interpretierte, der in der Tat einen Suizidversuch unternahm. Ding Hang spielte sich mit geschlossenen Augen emphatisch in die Brechungen und unendlichen Variationen der disparaten Themen ein und meisterte so die willkürlichen Klangkaskaden souverän. Der Dank dafür war ein nicht enden wollender Zwischenapplaus.
Natürlich baute er aber auch eine musikalische Brücke nach China, in die Volks- und Filmmusik und in die Peking-Oper. In Lo Yuqius „Göttinnen streuen Blüten“ ahmte das Akkordeon die Klänge traditioneller chinesischer Volksinstrumente nach und nahm das Publikum mit auf eine fulminante Reise durch den Frühling im Reich der Mitte. Dramatisch und heroisch wurde es dann in den beiden letzten Stücken des Abends: „Mein liebes Liuqin spielen“ ist die Filmmusik zu einem Kriegsfilm, in dem chinesische Guerillakämpfer den japanischen Feind erfolgreich in einen Hinterhalt locken. Der Sieg des ruhigen harmonisch-kräftigen Themas über archaisch-schrille Akkorde ist auch ein musikalischer. Und in Yang Zhihuas „Gegen den Tiger auf dem Berg kämpfen“ inszenierte Ding Hang einen chinaweit bekannten Hit der Peking-Oper in himmelsstürmender, optimistischer Bewegung. Begeisterung pur und Standing Ovations hatte sich der Meister mit 20 Fingern an diesem Abend mehr als verdient. DK