Theatertage: „Von Träumen und Chimären“
Skizzen eines Komponistenlebens

Zum 100. Todestag von Giacomo Puccini

09.06.2024 | Stand 09.06.2024, 17:00 Uhr |

Leichtigkeit und Melancholie: Mina Yu und Enrico Spohn im Festsaal Ingolstadt. Foto: Nassal

Das Geld, das Giacomo Puccini mit der Aufführung seiner Opern „Manon Lescaut“ oder „Tosca“ verdient hat, ermöglicht ihm jetzt, seinen anderen Leidenschaften nachzugehen: die Jagd, Zigaretten, dem Rausch der Geschwindigkeit mit Autos und Motorbooten. Das erzählt eine Stimme im stockdunkeln Festsaal am Freitagabend. „Von Träumen und Chimären“ heißt der Arien-Abend, der im Rahmen der Bayerischen Theatertage in Zusammenarbeit mit dem Opernstudio des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München entstanden ist. Anlass ist der 100. Todestag des italienischen Komponisten Giacomo Puccini, der am 24. November 1924 seinem Kehlkopfkrebs erlegen war.

Ambra Sorrentino und Enrico Spohn vom Stadttheater Ingolstadt haben den Abend dramaturgisch gestaltet, nach Briefen von Giacomo Puccini und somit das Leben des Komponisten skizzenhaft nachgezeichnet. Spohn selbst schlüpft in die Rolle des Komponisten. Im Wechselspiel mit Sopranistin Mina Yu und Pianist Mauro Filippo Zappalà liest Enrico Spohn Texte vor, Yu und Zappalà bilden den musikalischen Mittelpunkt mit Auszügen aus verschiedenen Opern Puccinis.
„In quelle trine morbide“ aus Manon Lescaut macht den Anfang. Mina Yu überrascht mit einem angenehm abgedunkelten Timbre, das eine große Fülle im Klang ermöglicht. Trotz ihrer deutlichen Artikulation gestaltet sie die Konsonanten so zurückgenommen, dass manchmal die Textverständlichkeit in den Hintergrund rückt. Die silbrig-helle Höhe und ihre enorme Registerdurchlässigkeit entschädigen jedoch dafür.

Enrico Spohn betritt als Puccini im Jagdoutfit die Bühne, in der Hand eine Ausgabe der italienischen Zeitung „Gazzetta del Popolo“. Er liest aus einer Kritik zur Oper „La Bohème“, die am 1. Februar 1896 in Turin uraufgeführt wurde. „Musik, die verführen kann, aber kaum bewegt“, heißt es in der Besprechung. Der Puccini auf der Bühne tut die Spitze mit einer Handbewegung ab. Später sollte sich die Oper zu einem seiner erfolgreichsten Werke entwickeln und bereichert bis heute die Spielpläne auf der ganzen Welt.

„Sì, mi chiamano Mimì“, singt Mina Yu daraufhin. Sanft, lieblich, lebhaft im Ausdruck. Der ist für eine kleine Bühne und ein übersichtliches Publikum wie an diesem Abend im Festsaal vielleicht manchmal ein bisschen zu intensiv, wird aber auf der großen Opernbühne wahrscheinlich umso besser funktionieren. Mauro Filippo Zappalà lässt Yu durch seine schlichte Begleitung glänzen, spielt zurückhaltend und schafft einen stabilen musikalischen Rahmen für den starken inneren Draht, der ihren Sopran ausmacht. Von „Manon Lescaut“ geht es weiter zu „La Rondine“, uraufgeführt im März 1917 im Opernhaus von Monte Carlo. Eine „leichte, sentimentale Oper“, wie Puccini selbst in einem Brief schreibt. Sie sei eine Reaktion auf die harte, moderne Musik. Zappalà gestaltet ein berührendes Zwischenspiel, das Leichtigkeit und Melancholie miteinander verwebt. Aber: Immer bedenklicher wird Puccinis Gesundheitszustand, immer beschwerlicher das Komponieren. Kehlkopfkrebs. Puccini befürchtet die „Turandot“ nie beenden zu können. Und tatsächlich: Die Uraufführung sollte erst anderthalb Jahre nach seinem Tod stattfinden, am 25. April 1926 in der Mailänder Scala. Franco Alfano hatte die letzte Szene vollendet, basierend auf Puccinis Notizen. Liùs Arie „Tu, che di gel sei cinta“ ist der musikalische Leuchtturm dieses Abends. Mina Yu singt die Todesarie so getrieben von Schmerz, Verzweiflung und voller Klarheit, dass es unter die Haut geht. Eine Zugabe ist die logische Konsequenz: „O mio babbino caro“ aus „Gianni Schicchi“.

DK