Schaut hin! Hört zu!

Prägnant, packend, plakativ: Die Kunsthalle München zeigt eine Ausstellung des Street-Art-Künstlers JR

14.09.2022 | Stand 14.09.2022, 9:32 Uhr

Mit „Picnic across the Border“ und den Augen von Mayra kritisierte JR bei Tecate zwischen Mexiko und den USA deren Einwanderungspolitik. Die Polizisten auf der amerikanischen Seite kamen erst nach anderthalb Stunden – und haben sich mit den Menschen unterhalten. Foto: JR-ART.NET

Von Katrin Fehr

München – Er fährt bevorzugt dahin, wo kaum Menschen hinwollen, wenn sie nicht unbedingt müssen: in die Banlieues von Paris, an die Mauer, die die palästinensischen Gebiete und Israel trennt, oder an den Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA. Er fährt zu Frauen auf Müllhalden in Indien, in die Favela Morro da Providencia in Rio de Janeiro oder in ein Hochsicherheitsgefängnis in Kalifornien. JR – sein Akronym steht angeblich für Jean-René oder für „Juste Ridicule“ – ist längst einer der erfolgreichsten Street-Art-Künstler, dem die Kunsthalle in München nun eine seiner bislang größten Ausstellungen widmet.

Der 1983 in Paris als Sohn osteuropäischer und tunesischer Auswanderer in einem Vorort von Paris geborene Künstler, der seine Karriere als Sprayer auf den Dächern der französischen Hauptstadt und in den U-Bahnen begann, bis er eben dort eine analoge Kamera fand, gibt mit seinen partizipativen Projekten und mit Papier und Kleber – sogenannten Paste-ups – Tausenden Menschen ein Gesicht. Er sucht, findet sie, kommt ins Gespräch – und fotografiert sie, ließ sie anfangs herrliche Grimassen schneiden. Er vergrößert ihre Porträts oder (nur) ihre Augen ins Monumentale und klebt sie an alle erdenklichen und alle unmöglichen Flächen in den Städten, auf den Straßen, für die Straße – weltweit: von Shanghai bis Berlin, von Kambodscha bis in die USA. An Wände von Abrisshäusern oder an Gebäude entlang der Champs-Elysees, in Fensternischen, auf Treppen, Müllwagen, auf die Dächer von Slums, auf Brücken, auf Containerschiffen.

Das alles ist so spektakulär wie einzigartig, so illegal wie furchtlos, so berührend wie überwältigend. Oft arbeitet der 39-Jährige ohne Genehmigung – auch bei der größten illegalen Fotoausstellung. 2006 und 2007 hat er an der Grenze zwischen den palästinensischen Gebieten und Israel für „Face 2 Face“ Menschen mit dem gleichen Beruf fotografiert – Lehrerinnen, Taxifahrer, Schauspieler – und Bewohner und Passanten mit den Doppelporträts konfrontiert und die Reaktionen filmisch festgehalten. Allein für diese Dialoge lohnt ein Besuch in der Ausstellung. Kunst, sagt JR, muss immer zur Kommunikation führen.

Die Kunsthalle bietet dem außergewöhnlichen Künstler mit dem untrüglichen Gespür für Orte, Ungerechtigkeiten und Schicksale – von denen sich die Welt meist lieber abwendet – und seinen Protagonisten eine große Bühne. Dabei überwältigen in der multimedialen Ausstellung nicht nur die wandfüllenden Pastings, sondern auch die zahlreichen begleitenden Videos, biografische Kurzfilme, die viel über die Zufallsmodelle, die oft am Rand der Gesellschaft leben, verraten, aber eben auch viel über den Zustand unserer Welt: Armut, Kriminalität, Gentrifizierung, Umweltverschmutzung, verfehlte Einwanderungspolitik. Kunst, sagt der Mann mit einer Mission, kann die Welt nicht verändern, aber den Blick auf sie. Und er habe erlebt, „welche Kraft Kunst entfalten kann – besonders an den finstersten Orten“.

JR ist längst ein Star der internationalen Kunstszene, auch wenn er noch immer – stets mit Hut und Sonnenbrille – seine wahre Identität im Vagen lässt. Nach Projekten wie „Women are Heroes“, mit dem er Frauen ein Denkmal setzte, oder „The Wrinkels of the City“ („Falten einer Stadt“), mit dem er alte Menschen von Istanbul bis Havanna, ihre Gesichter und Geschichten und die ihrer Städte in den Fokus rückte, sind es immer wieder auch spektakuläre Einzelaktionen, die für Furore sorgen. Im März rollte JR mit Ukrainerinnen und Ukrainern das 45 Meter lange, aus der Luft für russische Kampfpiloten gut sichtbare Banner eines fröhlich hüpfenden Mädchens erstmals in Lwiw – später auch in Venedig oder in München auf dem Odeonplatz – aus. Valeriia musste nach Polen flüchten – und wurde sichtbar. Stellvertretend für all die anderen ukrainischen Kinder. Die Solidaritätsaktion schaffte es dann auch auf den Titel des „Time“-Magazins.

Eine Werkgruppe, die der Ausstellung ihren Titel gibt, sind die „Chronicles“, bis zu 70 Meter lange Panoramen mit Fotografien von Tausenden Menschen, die der Fotograf und Aktivist und sein Team zu aberwitzigen Wimmelbildern zusammengesetzt haben. In New York, in Clichy-Montfermeil, in San Francisco. Man kann als Besucher die Gesichter anklicken und mit Tablets oder einer App ausgestattet hören, was die Menschen einem zu sagen haben. JR meint: „Veränderst du die Sicht auf die Welt, dann veränderst du auch die Welt.“

DK


Kunsthalle München, JR: Chronicles: bis 15. Januar, täglich von 10 bis 20 Uhr. Weitere Informationen unter www.kunsthalle-muc.de.