Rückzug ins Private

Zum Saisonstart des Altstadttheaters hat Leni Brem-Keil ein neues Stück geschrieben: „Ich bin raus“

15.09.2022 | Stand 15.09.2022, 19:00 Uhr

Komplizierte Kommunikation: Christine Winter und Tommy Schwimmer spielen in „Ich bin raus“. Foto: Wobker

Von Anja Witzke

Ingolstadt – „Ich will einfach nichts mehr hören. Von niemandem. Ich will keine Nachrichten schauen, ich will nicht schon wieder von der nächsten Krise erfahren“, sagt Susa. Corona, Krieg, Klimawandel, Inflation, Energiekrise: „Mir ist alles zu viel. Zu viele schlechte Nachrichten, zu viele unnötige Diskussionen, zu viele anstrengende Begegnungen. Ich kann damit nicht umgehen. Nicht mehr umgehen. Darum nehme ich mich raus. Und deswegen schließe ich mich ein.“ 78 Quadratmeter. Ohne Balkon. Ohne Informationsmedien. Die Einkäufe erledigt eine Nachbarin. Ihre Texte schickt sie mit dem Fahrradkurier an die Redaktion. Susa ist es Ernst. Aber Susa hat einen Chef. Und der stellt ihr ein Ultimatum: Entweder macht sie eine Gesprächstherapie oder sie ist ihren Job los. Und überhaupt: Wie kann man als Reisejournalistin arbeiten, wenn man seine Wohnung nicht verlässt? Auftritt Daniel. Der ist Therapeut und versucht Susa davon zu überzeugen, mit ihm zu sprechen. Ein ziemlich schwieriges Unterfangen.

„Ich bin raus“ heißt das neue Stück von Leni Brem-Keil, das zum Auftakt der neuen Saison am Dienstag im Altstadttheater Premiere feiert.

„Ich bin nicht Susa, aber es steckt viel von mir in dieser Figur“, sagt die Autorin und Regisseurin. „Gerade in den letzten zwei Jahren ist so viel passiert, eine Krise folgte auf die nächste. Irgendwann denkt man sich: Eigentlich bin ich ein politisch interessierter Mensch, aber am liebsten würde ich keine Nachrichten mehr hören. Da gibt es diesen Wunsch, sich rauszunehmen. So entstand die Idee zu dieser Figur und dem Stück. Und dann brauchte es ein Gegenüber. Es sollte auf jeden Fall eine Auseinandersetzung zwischen zwei Personen sein. Also stellte sich die Frage: Wer würde aus welchem Grund in diese Wohnung, in Susas Schutzraum, kommen?“ Mit dem Psychiater hat Leni Brem-Keil einerseits einen Katalysator gefunden, andererseits greift sie mit dem Thema Therapie auch etwas auf, das in Deutschland eher verpönt ist, während in anderen Ländern ganz offen damit umgegangen wird. Auch wenn es sich hier, wie sie betont, um eine Komödie handelt.

Denn natürlich weist Susas System der konsequenten Verweigerung Lücken auf. Und Daniel wiederum kann ganz schön hartnäckig sein. Diese Kommunikationsversuche via Gegensprechanlage und Wohnungstür sind so kompliziert wie komisch – und in den für Leni Brem-Keil so typischen Ping-Pong-Dialogen geschrieben. Nur wenige Wochen hat sie für das Schreiben des Stücks gebraucht und mit Christine Winter und Tommy Schwimmer zwei Schauspieler verpflichtet, die man in Ingolstadt noch nicht gesehen hat. Wobei Tommy Schwimmer zumindest einem breiten TV-Publikum bekannt sein dürfte: Er hat lange in der BR-Fernsehserie „Dahoam is Dahoam“ gespielt.
Premiere ist am Dienstag, 20. September. Und vielleicht sollte man ein bisschen mehr auf die Musik achten, die Leni Brem-Keil für ihre Inszenierung ausgewählt hat. Mit „Free“ von Florence + The Machine oder „Insane in the Brain“ von Cypress Hill werden Songs zu hören sein, die sich mit psychischer Gesundheit beschäftigen. „Ich habe eine Musikbibliothek, für die ich schon lange sammle – um beispielsweise für Theaterstücke passende Songs zu verwenden“, erklärt sie.

Obwohl es derzeit keinerlei Einschränkungen gibt, hat sich die Leiterin des Altstadttheaters dafür entschieden, nur 80 Prozent zu bestuhlen. „Früher saß man hier sehr sardinenmäßig, wenn die Vorstellungen ausverkauft waren, aber jetzt fühlen sich da viele unwohl. Deshalb gibt es ein bisschen Respektabstand. Bei uns herrscht auch keine Maskenpflicht, aber wir werden sie zumindest empfehlen.“

Was der Herbst in Sachen Corona bringt, weiß schließlich niemand. Zumindest die Open-Air-Saison ist gut gelaufen. Der neue Spielort im Innenhof der Gnadenthal-Schulen hat großen Zuspruch gefunden. Leni Brem-Keil erzählt ganz beglückt, wie herzlich sie dort aufgenommen wurde. „Ich habe in den vergangenen Jahren versucht, viele Orte zu bespielen, und da gab es oft genug Vorbehalte. Aber als ich bei der Schule angefragt habe, stieß ich sofort auf offene Ohren. Und der Platz, an dem wir die Bühne als Terrasse aufgebaut haben, war perfekt.“ Gibt es also eine Wiederholung? Sie schüttelt den Kopf: „Ich möchte dabei bleiben, jeweils neue Orte vorzustellen. Das ist nicht immer leicht, weil so ein Ort bestimmte Kriterien erfüllen muss. Beispielsweise muss er zentral sein und eine entsprechende Infrastruktur – Toiletten, Getränkeausschank – aufweisen. Ich würde gerne mal auf einer Dachterrasse spielen. Irgendwo im Zentrum über der Stadt. Aber so ein Ort ist schwer zu finden.“

DK


Premiere am Dienstag, 20. September, 20.30 Uhr im Altstadttheater.