Perspektivwechsel in Kassel

Die documenta15 ist ein Wagnis, ein Experiment, ein Erlebnis – und war noch nie so bunt, politisch und divers

17.06.2022 | Stand 17.06.2022, 19:18 Uhr

Den „globalen Süden“ im Blick: The Nest Collective aus Ostafrika schickt Altkleiderballen und Elektroschrott wieder zurück nach Europa und platziert sie in Blickweite der Orangerie. Fotos: Fehr/Fassbender, afp

Von Katrin Fehr

Kassel – Auf der großen Wiese vor der barocken Orangerie in der Karlsaue bekommt der Besucher die nach Afrika transportierten Altkleider und den Müll wieder vor die Füße geworfen. Dort stehen Bündel von Elektroschrott und eine Hütte aus gebrauchten Textilien. „Return to Sender – Delivery Details“ heißt die Installation des „The Nest Collective“ aus Nairobi. Im Stadtmuseum läuft ein Video über den aus dem Iran geflüchteten iranischen Heavy-Metal-Musiker Kazem Kazemi, der sechs Jahre in dem australischen Offshore-Internierungslager auf der Insel Manus im Norden von Papua-Neuguinea festgehalten wurde. Das Kollektiv Serigrafistas queer hat auf einem Industriegelände im Osten von Kassel einen Versammlungsort und ein Archiv über ihre Arbeit in queeren und feministischen Protesten in Argentinien eingerichtet. Das Sa Sa Art Projects aus Kambodscha und Trampoline House aus Dänemark arbeiten mit Geflüchteten. Und in der documentahalle wird der Besucher mit zensierten Ausstellungen aus Kuba konfrontiert.

Bei der documenta fifteen in Kassel, die an diesem Samstag für das Publikum eröffnet wird, geht es um viel. Um Menschenrechte, Wissensvermittlung, um Gemeinschaft, Machtmissbrauch, Kapitalismus, Meinungsfreiheit, queeres Leben, Nachhaltigkeit, Menschlichkeit oder die Abwesenheit derselben, um Armut und Ausbeutung, Naturzerstörung, Unterdrückung, Klimagerechtigkeit und Biodiversität, Das alles im Mangrovenwald in Kolumbien, in den Slums von Port au Prince, in einem armenischen Bergdorf oder in China, in Taiwan oder in Algerien.

Kaum Bilder und Skulpturen,aber viel Intervention

Konsequent haben das indonesische Kuratorenteam Ruangrupa und die von ihm eingeladene Kollektive dabei den „globalen Süden“ in den Blick genommen und verzichten weitgehend auf Kunstwerke im herkömmlichen Sinne. Dachten, befürchteten viele zumindest im Vorfeld. Doch zwischen all den vielen Interventionen, Installationen, manchmal allzu vielen Texten und Grafiken gibt es sie dann hin und wieder doch. Die Videos, die Installationen, Fotografien, Zeichnungen. Aber bis auf nicht einmal ein Dutzend Ausnahmen nicht von bekannten Einzelkünstlern der internationalen Kunstszene, sondern von Kollektiven, teils von Aktivisten künstlerischer und kreativer Öko- und Kunstsystemen – fern ab der herkömmlichen Ateliers.

Diese documenta fifteen ist ein Experiment, ein Wagnis, eine Herausforderung, ein Erlebnis. Und wie für die Künstler und Aktivisten in der jahrelangen Entstehungsphase und der sich während der 100 Tage stetig wandelnden documenta auch für die Besucher ein Prozess. Der damit beginnt, sich während der großen Tour, des urbanen Parcours – kreuz und quer durch die Stadt vom Zentrum bis in die urwaldähnliche, prächtige Karlsaue, an der Fulda entlang oder an die Ränder der Stadt im Osten und im Norden – an die Piktogramme des Plans zu gewöhnen. Das Vokabular der documenta, Begriffe aus unterschiedlichen Sprachen und Wortneuschöpfungen von Lumbung, Nongkrong bis zu Majelis zu verinnerlichen, das wiederum allzu offensive Achtsamkeitsvokabular des Kuratorenteams zu abstrahieren, und womöglich auch zu akzeptieren, dass es nur selten ästhetische Lösungen oder formale Positionen gibt. Doch: Noch nie war die documenta so politisch, bunt, divers. Selten waren die Kreativen so präsent, der Aufruf, die Welt dringend und zwingend verbessern zu müssen so laut – und der Kunstmarkt so weit entfernt.

Überraschend ist es, dass es bislang vonseiten des Kuratorenteams keine Äußerungen oder Statements zum Krieg in der Ukraine gegeben hat. Einer der Teilnehmer, der rumänische Künstler Dan Perjovschi, der die Säulen des Fridericianmus mit Piktogrammen und Wortspielen wie auf einer Schiefertafel beschriftet, äußert sich künstlerisch: .„From Virus to Virussia“ oder „Stop RaZputin War“.

Antisemitismusdebattenoch nicht beendet

Wenn die documenta fifteen an diesem Samstag offiziell eröffnet wird, sind kontroverse und belebende Diskussionen sicher. Die jedoch über Antisemitismus und Rassismus, die im Vorfeld für reichlich Schlagzeilen gesorgt hat, ist noch nicht beendet. Mitglieder des documenta-Teams und eingeladene Teilnehmer seien antisemitisch oder stünden der Israel-Boykott-Bewegung BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) nahe, lautet der Vorwurf, den diese zurückgewiesen haben, und dem eine hitzige Debatte sowie Verunglimpfungen folgten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will in seiner Eröffnungsrede in Kassel auf das virulente Thema eingehen. – Es geht um viel auf dieser documenta fifteen. DK

TIPPS

„Horizontal Newspaper“ nennt der rumänische Künstler Dan Perjovschi seine sich stetig wandelnde Aktion an den Säulen des Fridericianums, aber auch großflächig auf dem Rainer-Dierichs-Platz vor dem Kulturbahnhof.

Das WH22 ist ein vielfältiger, verschachtelter Kunstort. The Question of Funding, das Kollektiv Kulturschaffender aus Palästina, hat dort seine Räume, aber auch das vietnamesische Nha San Collective, das unter anderem einen „Immigrating garden“ angelegt hat.

Im KAZimKUBA würdigt ein Kollektiv den im vergangenen Jahr verstorbenen Künstler Jimmie Durham. Und pflanzt vor der Grimmwelt einen Korbinian-Apfelbaum, in Erinnerung an den bayerischen „Apfelpfarrer“ Korbinian Aigner. Durham hatte bereits vor zehn Jahren für die documenta 13 einen gepflanzt, der aber mutwillig zerstört wurde.
Im Hübner-Areal in Bettenhausen präsentiert sich auch die Fondation Festival sur le Niger aus Mali mit „Le Maaya Bulon“, einem Ort zum Erzählen, Austauschen, Musizieren, Zuhören.

Pause muss während des documenta-Parcours auch mal sein. Etwa im Biergarten an der Fulda beim Bootsverleih Ahoi, auch ein documenta-Ort. Ebenso das Rondell, auf dem man draußen mit Flussblick sitzen kann. Oder man erholt und stärkt sich gegenüber des Fridericianums an Buden und Ständen mit allerlei kulinarischen Angeboten.

kf