Musikalische Raumfahrt

Das GKO und die Audi-Bläserphilharmonie kreieren „Future Sounds“ beim zweiten Klassik-Open-Air

03.07.2022 | Stand 03.07.2022, 17:15 Uhr

Grandiose Lichtspiele im Ingolstädter Klenzepark während des zweiten Open-Air-Konzerts der Sommerkonzerte: Höhepunkt war der Auftritt des genialischen jungen Pianisten Tsotne Zedginidze. Er spielte unter der Leitung von Nikoloz Rachveli seine Fantasie für Klavier und Orchester. Fotos: Audi

Von Heike Haberl

Ingolstadt – Dem jungen georgischen Pianisten Tsotne Zedginidze eilt der Ruf eines „Jahrhundertphänomens“ voraus. Und wie sehr diese weitgefasste Beschreibung auf den erst Zwölfjährigen zutrifft, davon konnte man bei seinem Freilicht-Auftritt mit dem Georgischen Kammerorchester einen ersten Eindruck gewinnen. „Dieser Abend wird es zeigen. Wir haben heute die Musik von morgen, Musik, die gerade geschrieben worden ist – von einem kleinen Jungen, der trotz seines jungen Alters einen ganz modernen Stil hat. Ich finde es wichtig, in die Zukunft zu sehen in der Hoffnung, dass wir eine bessere Welt haben werden mit den Menschen, die uns so viel zu geben haben wie Tsotne“, betonte Festivalleiterin und Stargeigerin Lisa Batiashvili im Gespräch mit Moderatorin Sarah Willis. Zu den Lieblingskomponisten des Stipendiaten ihrer „Lisa Batiashvili Foundation“ gehören Vertreter der Neuen Musik wie Alban Berg, Arnold Schönberg oder Karlheinz Stockhausen.

Entsprechend ist Zedginidzes gewaltige Eigenkomposition, die neu entstandene „Fantasie für Klavier und Kammerorchester“, alles andere als leicht verdauliche Kost für das Publikum, das auf der Parkwiese bei zwar etwas kühlen Temperaturen, aber dennoch bestem Open-Air-Wetter zwanglos von Picknickdecken und Klappstühlen aus gespannt lauschte. Die Musik beginnt langsam, verhalten, düster, fast hypnotisch, baut sich aus immer mehr Orchesterstimmen auf, windet sich eindringlich um die Töne, bevor sich nach einem wuchtigen Schlag der pianistische Part in seiner meditativen Aura entfaltet. Doch neben solchen ruhigeren, zurückgenommenen Passagen fasziniert das Werk immer wieder durch pochende, dahinrasende Staccati, durch vehemente Ausbrüche, durch scheinbar abrupt wechselnde, verblüffende Dynamik- und Stimmungswechsel. Die voranschreitende, überbordende Suggestivkraft bohrt sich einem regelrecht in den Kopf, da brodelt, flirrt und bebt es durch alle Register. Kein Zweifel: Tsotne Zedginidze ist nicht nur ein überwältigendes Klavier-, sondern auch ein einzigartiges Kompositionsgenie, eine musikalische Hochbegabung, deren Ausnahmetalent er mit frischer Natürlichkeit, aber auch mit ernsthafter Seriosität auf phänomenale Weise ebenso in Noten zu setzen wie an den Tasten auszuleben versteht. Von ihm wird man nach dieser fulminanten Premiere in Zukunft sicherlich noch viel auf internationalen Bühnen hören. Als Dreingabe seines grandiosen Könnens schenkte er den Zuhörern ein luftig-virtuos dahinhuschendes, berauschend brillant gespieltes Encore.

Das Georgische Kammerorchester zeigte sich bei den weiteren Stücken aus seinen Heimatregionen ebenfalls in seinem Element – sei es die wunderschöne, sehnsuchtsvoll-schwelgerisch drängende „Melodie für Streichorchester“ des Ukrainers Myroslaw Skoryk, sei es das „Medley für Klavier“ von Sulkhan Tsintsadze und Alexi Matchavarianij oder die „Fünf Miniaturen für Klavier“ von Giya Kancheli. Die beiden letzten Werke hatte der Dirigent des ersten Konzertteils, Nikoloz Rachveli, eigens für Kammerorchester arrangiert und agierte dabei zudem herausragend als fantastischer Solist am Flügel. Von mitreißenden, furiosen, energiegeladenen Parforceritten über hochdramatische, leidenschaftliche, tief empfundene, zum Zerreißen angespannte Emotionsschürfungen, tänzerisch anmutende Eskapaden bis hin zu Jauchzen und Weinen zugleich reichte hier die plastische Palette der klanglichen Ausdrucksfarben. Einhelliger, enthusiastischer Jubel.

Nach der Pause gehörte die Bühne ganz der Audi-Bläserphilharmonie. Nun, mit zunehmender Dunkelheit, kamen die gigantischen, rhythmisch und atmosphärisch fein abgestimmten Beleuchtungs- und Illuminationseffekte auf der Bühne oder dem Turm Triva besonders gut zur Wirkung. Majestätische Fanfarenklänge aus „Beyond the Horizon“ von Rossano Galante, die karg-spröde und allmählich wachsende, prachtvolle Schönheit einer Meteoriten-Landschaft in Thiemo Kraas’ „Meteoritmo“, eine hymnisch-opulente Raumfahrt zum fernen Universum der „Star Wars Saga“, die feierliche Würdigung des Freudenbringers Jupiter aus Gustav Holsts „Die Planeten“, die glorreiche Auferstehung des Phönix aus der Asche in Ralph Fords „Dillon’s Flight“, eine epische Reise in die fremden Galaxien der „Star Trek“-Welt, ein Flug zum Mond im Bossa-Nova-Style mit dem Evergreen „Fly me to the Moon“: Das Sinfonische Blasorchester interpretierte das alles unter der agil-anspornenden Leitung von Chefdirigent Pietro Sarno mit imposantem Schwung, sattem Sound, sphärischer Emotionalität und optimistischer Aufbruchstimmung, zu der sich sogar Moderatorin Sarah Willis (Hornistin bei den Berliner Philharmonikern!) auf ihrem Instrument begeistert hinzugesellte. Standing Ovations und langer Applaus, mit dem sich das Publikum eine Zugabe, die Titelmelodie aus dem Boxerfilm „Rocky“, erklatschte.

DK