Die App Blinkist
Lesen lassen statt lesen: Blinkist steht vor der neuen Herausforderung der Künstlichen Intelligenz

20.02.2024 | Stand 20.02.2024, 5:00 Uhr

Um das Geschäftsmodell seiner Firma zu schildern, bedient sich Holger Seim, einer der Gründer von Blinkist, eines Vergleichs: „Wir sind wie ein gesunder Snack für zwischendurch und kein Dreigänge-Menü für abends.“ Gemeint ist, dass Blinkist für zahlreiche Bücher per Abonnement Zusammenfassungen liefert – eine Art Bildungsangebot für Menschen mit wenig Zeit.

Manche betroffene Autoren, deren Werke bei Blinkist erfasst wurden, beurteilen das Konzept sehr viel skeptischer. So sagte Christian Röhl, Autor von „Cool bleiben und Dividenden kassieren“, gegenüber der Zeitung „Die Welt“: „Ungefähr so, als würdest Du ein Acht-Gänge-Menü in den Mixer werfen und das dann als lauwarmen Brei servieren.“ Damit könne man das, was man über Stunden genieße, in zehn Minuten herunterschlingen – aber letztlich sei das eine Art Verrat am Koch.

Diese spezifische Art, mit der Kulturtechnik des Lesens umzugehen, entwickelt sich dennoch immer mehr zu einem beeindruckenden Erfolg. 2012 gründete Holger Seim mit einigen Freunden Blinkist – heute nutzen bereits 26 Millionen die Kurzfassungen, mehr als eine Million sind zahlende Abonnenten. Der Abopreis liegt bei 12,80 Euro pro Monat. In den vergangenen Jahren ging die Kurve steil nach oben. Noch vor drei Jahren lasen lediglich 18 Millionen Kunden Blinkist-Texte in deutscher oder englischer Sprache. Vor einigen Monaten wurde Blinkist von der Firma GO1 übernommen. Die ursprünglichen Gründer von Blinkist arbeiten allerdings weiter. Seim betont dabei die Synergieeffekte: Das australische Unternehmen konzentrierte sich vor allem auf Weiterbildungsveranstaltungen in Unternehmen, bei Blinkist gehe es dagegen um Bildung im privaten Bereich.

Die Firma entstand 2012 fast aus einer Laune heraus. Einer der Gründer las besonders viel und lieferte seinen Freunden häufig Zusammenfassungen seiner Lektüre. Daraus ließ sich schnell ein Bildungs-Dienst machen – besonders für die gerade aufkommende Smartphone-Generation. Grundsätzlich war der Freundeskreis ohnehin auf der Suche nach einer guten Idee für ein Start-up. Bereits vor Blinkist wurde eine App gegründet, die Menschen die Zeit verkürzen sollte, wenn sie auf etwas warten müssen. Blinkist konkurriert damit mit der bereits 1999 gegründeten Firma GetAbstract, deren Abonnement allerdings deutlich teurer ist. Dafür bietet der Schweizer Referatedienst rund 21000 Zusammenfassungen – hauptsächlich von Büchern aus dem Bereich Wirtschaft.

Um sich vor der Unzufriedenheit der Autoren zu schützen, die sich mit den Kurzfassungen ihrer Bücher manchmal nicht identifizieren können, sucht Blinkist inzwischen den Kontakt zu den Verlagen. Die bekommen etwa einen finanziellen Ausgleich, wenn Buch-Cover verwendet werden. „Viele Verlage waren anfänglich skeptisch, das hat sich jedoch inzwischen geändert, und wir erhalten von unseren Verlagspartnern sogar Titel-Vorschläge und -Wünsche“, erklärt das Unternehmen. Das liegt auch daran, weil Leser der Zusammenfassungen oft später auch das zugrundeliegende Buch erwerben.

Welche Bücher ausgewählt werden, hängt maßgeblich vom Erfolg der Werke selbst zusammen. Holger Seim fasst zwei große Zielgruppen zusammen: Zum einen Menschen, die sich selbst optimieren wollen – in Bezug auf Leadership, Zeit-Management etwa. Und auf der anderen Seite gibt es den Typ des „Explorers“, der seine Allgemeinbildung vertiefen möchte. „Wir haben bei alldem keinen missionarischen Eifer, uns geht es letztlich ums Geschäft“, sagt Seim. So ist es fast kein Wunder, dass ein Buch im Bereich der Ratgeberliteratur bisher am erfolgreichsten bei den Abonnenten nachgefragt wurde: „Die sieben Wege zur Effektivität“ von Stephen R. Covey.

Der Einwand, dass hier vor allem Pseudowissen vermittelt wird, für Großtuer, die beim Party-Talk mitreden wollen, obwohl sie weder Lust noch Zeit haben, wirklich ein Buch von Anfang bis Ende durchzulesen, dieser Einwand bringt Holger Seim eher zum Schmunzeln. „Wir können nicht lenken, was Leute mit den Zusammenfassungen tun.“ Es sei jedoch offensichtlich, dass Blinkist für viele Menschen die Möglichkeit biete, „auch einmal komplementär“ zu denken. Also auch Positionen wahrzunehmen, die nicht dem eigenen Weltbild entsprechen und für die man normalerweise keine Zeit opfern will. „Wir wollen auf keinen Fall eine neue Echokammer aufmachen für die Leute.“

Inzwischen muss sich das Unternehmen, das fast 7000 Buch-Kurzfassungen anbietet, einer neuen Herausforderung stellen: der Künstlichen Intelligenz. Auch Dienste wie ChatGPT sind in der Lage, Buch-Zusammenfassungen zu erstellen. „Jedes Unternehmen sollte KI als Möglichkeit und zugleich als Bedrohung sehen“, sagt Seim. Gegenwärtig sieht er allerdings eher die Vorteile. KI erleichtert es, Zusammenfassungen zu erstellen, neue relevante Bücher zu finden. Außerdem setzt er darauf, dass Blinkist ein redaktionell betreuter Dienst ist, der gezielt Menschen ein Bildungsangebot macht und dabei die Spreu vom Weizen bereits getrennt hat. Leute, die etwas lernen wollen, sollen so sehr gut bei Blinkist aufgehoben sein. Dabei gehe es keineswegs um Unterhaltung, sondern um den Willen mit einer gewissen Konzentration, etwas zu lernen. Um im Bilde der Kulinarik zu bleiben: Leicht verdaulich und ausgesprochen schmackhaft sind die Kurzfassungen von Blinkist vielleicht nicht immer; aber stets ziemlich nahrhaft.

DK