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21.11.2014 20:24 Uhr | x gelesen
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Sprechstunde in der Akademie der Muße


Bild: Sprechstunde in der Akademie der Muße. München München (DK) Mit einem herzlichen „Willkommen!“ begrüßt Anselm Bilgri, ehemaliger Benediktinermönch und Prior des Klosters Andechs, seine Gäste im Büro der „Akademie der Muße“ in München. Der 61-jährige Theologe und Philosoph strahlt dabei eine besondere Ruhe und Freundlichkeit aus, die an den Schlüsselbegriff „heitere Gelassenheit“ seines Buches „Vom Glück der Muße. Wie wir wieder leben lernen“ denken lässt. Jenem Buch, das er am 26. November in der Reihe „LeseLust“ unserer Zeitung vorstellen wird.

München (DK) Mit einem herzlichen „Willkommen!“ begrüßt Anselm Bilgri, ehemaliger Benediktinermönch und Prior des Klosters Andechs, seine Gäste im Büro der „Akademie der Muße“ in München. Der 61-jährige Theologe und Philosoph strahlt dabei eine besondere Ruhe und Freundlichkeit aus, die an den Schlüsselbegriff „heitere Gelassenheit“ seines Buches „Vom Glück der Muße. Wie wir wieder leben lernen“ denken lässt. Jenem Buch, das er am 26. November in der Reihe „LeseLust“ unserer Zeitung vorstellen wird.


München: Sprechstunde in der Akademie der Muße
Herr und Hunde-Baby: Anselm Bilgri genießt es, dass er Verantwortung für ein Lebewesen hat - auch wenn es anstrengend ist - Foto: bfr
München

Geschrieben hat er es zusammen mit Nikolaus Birkl und Georg Reider, die Fallbeispiele kommen vom Journalisten Gerd Henghuber. Bilgri legt Wert darauf, dass es eine Gemeinschaftsarbeit ist, gerade weil nur sein Name auf dem Cover steht – „das hat wohl Marketinggründe gehabt“. Die Wurzeln des Buches liegen in den „Tagen des Innehaltens“, die Bilgri gemeinsam mit Birkl und Reider für Führungskräfte anbietet. Was auch zur Gründung der „Akademie der Muße“ mit Büro im Münchner Zentrum geführt hat.

Dort, im zweiten Stock eines Altbaus, setzt sich Anselm Bilgri zum Gespräch in den braunen Ledersessel. Zuvor hat er die quirlig-verspielte „Miss Sophie“ beruhigt, eine zwölf Wochen alte Welsh-Terrier-Hündin. Der Orthopäde habe ihm zu einem Hund geraten, sagt er beiläufig. Weil er dann bei jedem Wetter raus müsse an die frische Luft. Tatsächlich halte sie ihn fit, er habe mit ihr einen neuen Rhythmus, feste Zeiten fürs Gassigehen, auch mal morgens um 4 oder 5 Uhr. „Sie ist so klein.“ Und, fast entschuldigend: „Sie ist nicht ganz stubenrein.“ Er habe vier Kilo abgenommen und keine Knieprobleme mehr. Sagt’s, blickt auf den auf dem Teppich eingeschlafenen Welpen – und leise: „Ich habe Verantwortung für ein Lebewesen.“

Von Verantwortung, Achtsamkeit, Innehalten, heiterer Gelassenheit, Glück, Leben und Muße handeln die zehn Kapitel des Buches – im Wandel der Geschichte, aus dem Blickwinkel der Religion, in ihrer Bedeutung im modernen Leben mit Reflexionen, Meditationen, praktischen Tipps und Übungen, die helfen, Inseln der Muße inmitten des Alltags zu entwickeln. Dabei scheinen die unterschiedlichen Berufe und Lebenswege der Autoren durch. Doch alle sind sie überzeugt: „Wer ständig gefordert ist, wird daran gehindert, kreativ zu sein.“ Der Mensch sei gedacht als mehr als nur der arbeitende Mensch, der sich seine Existenz sichere, der nach Materiellem strebe, nach Ansehen oder Macht. Die frühen Höhlenzeichnungen zeigten, dass noch etwas anderes im Menschen angelegt sei, sagt Bilgri, der Musikbegeisterte, der Kunstliebhaber, der 1992 das Festival „Orff in Andechs“ gründete, und dessen Büro heute ein Kunstwerk ziert, in dem Noten frei vor dem Hintergrund schweben.

Als frei schwebend empfindet er sich. Mitten in der Welt, nicht mehr im geordneten Tagesablauf hinter Klostermauern, als geweihter Priester, der aber ohne Einbindung in das Bistum München keine Messen halte dürfe, ist er „im Herzen Benediktiner. Immer“.

Als 22-Jähriger trat der Sohn Münchner Wirtsleute 1975 in die Benediktinerabtei St. Bonifaz in München ein, studierte Philosophie und Theologie in München, Rom und Passau. 1980 folgte die Priesterweihe durch Kardinal Joseph Ratzinger. Dessen Wunsch, die jungen Priester mögen sich „die heitere Gelassenheit“, die „hilaritas“, bewahren, begleitet ihn seitdem.

Mit „hilaritas“ hatte der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart die rechte Gelassenheit des gläubigen Christen bezeichnet. Diese mache frei von Fixierungen, von Begierden, vom Aus- und Benutzen der Dinge und Menschen. Das habe in ihm gewirkt als Pfarrseelsorger des Klosters St. Bonifaz, als Cellerar (Wirtschaftsleiter) der Abtei St. Bonifaz und Andechs 1986 bis 2004, als Prior und Wallfahrtsdirektor des Klosters Andechs 1994 bis 2004 und wirke auch heute. Es bedeute, das Auf und Ab im Leben anzunehmen, auch, dass etwas nicht gelinge. Für ihn: „Mein Scheitern in Andechs.“ Das war vor zehn Jahren, als er das Vertrauen der Mitbrüder bei der Abtwahl nicht gewinnen konnte und freiwillig seinen Austritt aus der Ordensgemeinschaft erklärte.

Noch immer prägen ihn die 30 Jahre als Klosterbruder. Die Benedikt-Regeln nutzt Bilgri für die moderne Unternehmenskultur. Bewahrt hat er sich die „lectio divina“, die geistliche, spirituelle Lesung. „Nach dem Frühstück lese ich neben einem Bibeltext auch mal einen philosophischen Text oder ein Gedicht, also nicht nur Frommes. Aber keinen Roman.“ Natürlich bete er.

Als in der Welt Lebender müsse er genau wie jeder andere auch für seine materielle Sicherheit, für die Rente, sorgen. Er spüre den Druck des modernen Lebens, der vom zweckfreien Tun, vom Spielen, von der Musik, vom Sport abhalte, sodass oft wenig Zeit für Muße bleibe, für die Konzentration auf das, was den Menschen ausmache. „Ich habe zu meinem 55. Geburtstag von meinem Vater sein Klavier geschenkt bekommen. Ich wollte jeden Tag zehn Minuten darauf spielen. Aber geschafft habe ich es bis heute nicht.“

Glück und Glück der Muße brauchten aktiv eingeplante Zeit. Für viele Menschen sei es die Verheißung, die Eintrittskarte in den Streichelzoo. Dabei müsse man lernen, mit den Unwägbarkeiten des Lebens umzugehen. Ja, manchmal habe er sich nach der Sicherheit der klösterlichen Gemeinschaft gesehnt. Zumal er sich damals um alles, nur nicht um sich oder gar seine eigene Altersvorsorge gekümmert habe. Die Brüder haben für ihn die Mindestbeiträge nachgezahlt. Es war ja alles anders gedacht. Aber: „Es war alles gut und schön zu seiner Zeit.“

Heute pflegt er seinen Freundeskreis, liebt die Arbeit mit den Kollegen in der Akademie der Muße, ist Buchautor („Stundenbuch eines weltlichen Mönchs“, „Entrümple deinen Geist. Wie man zum Wesentlichen vordringt“, „Herzensbildung. Ein Plädoyer für das Kapital in uns“), hat guten Kontakt zu seiner Schwester und lebt die Balance zwischen Anspannung und Muße in heiterer Gelassenheit. „Es ist ein Weg. Täglich neu zu gehen.“

 

Die Lesung in der Reihe „LeseLust“ mit Anselm Bilgri am 26. November beginnt um 19.30 Uhr (Einlass 18.45 Uhr). Karten gibt es in allen Geschäftsstellen unserer Zeitung, Tickethotline (08 41) 96 66-8 00, www.donaukurier.de/leselust.


Von Barbara Fröhlich
 
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