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19.11.2014 20:08 Uhr | x gelesen
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Fröhliches Schrumpfen


Bild: Fröhliches Schrumpfen. Ingolstadt Ingolstadt (DK) Er will eigentlich nicht lesen – der Buchautor Jörg Schindler (46), der für die Reihe „LeseLust“ ins DK-Forum eingeladen wurde. Denn er hasst es, „Menschen so lange zuzutexten, bis sie einschlafen“. Er wünscht sich vielmehr eine möglichst „kontroverse Diskussion“, denn zu dem Thema seines Buches habe „theoretisch jeder etwas zu sagen“. Deshalb benötige er einen Moderator, einer der ihm Fragen stellt, falls das Publikum nicht rege genug sei. Also sitzt er neben DK-Kulturredakteurin Barbara Fröhlich auf dem Podium und blickt interessiert in die Gesichter der knapp 100 Besucher im an diesem Abend hell erleuchteten Saal. Natürlich liest Schindler am Ende doch. Und natürlich ist das Publikum so neugierig, diskussionsfreudig, dass ein Moderator fast nicht nötig gewesen wäre.

Ingolstadt (DK) Er will eigentlich nicht lesen – der Buchautor Jörg Schindler (46), der für die Reihe „LeseLust“ ins DK-Forum eingeladen wurde. Denn er hasst es, „Menschen so lange zuzutexten, bis sie einschlafen“. Er wünscht sich vielmehr eine möglichst „kontroverse Diskussion“, denn zu dem Thema seines Buches habe „theoretisch jeder etwas zu sagen“. Deshalb benötige er einen Moderator, einer der ihm Fragen stellt, falls das Publikum nicht rege genug sei. Also sitzt er neben DK-Kulturredakteurin Barbara Fröhlich auf dem Podium und blickt interessiert in die Gesichter der knapp 100 Besucher im an diesem Abend hell erleuchteten Saal. Natürlich liest Schindler am Ende doch. Und natürlich ist das Publikum so neugierig, diskussionsfreudig, dass ein Moderator fast nicht nötig gewesen wäre.


Ingolstadt: Fröhliches Schrumpfen
Jörg Schindler will sein neues Buch als eine Art Weckruf an die Gesellschaft verstanden wissen - Foto: Eberl
Ingolstadt

Schindlers Thema passt in der leistungsfreudigen Boomtown Ingolstadt mit rekordverdächtigem Pro-Kopf-Einkommen und atemberaubenden Wachstumsraten ungefähr so wie die Faust aufs Auge. Es geht ihm darum, dass „wir weniger brauchen als wir haben“ – so lautet der Untertitel seines Buches „Stadt, Land, Überfluss“. In seiner Einleitung berichtet er von dem, was man vor 50 Jahren „Konsumterror“ nannte, vom materiellen Überfluss: von immer mehr und immer exotischeren Eissorten, von der wachsenden Anzahl von Hundefuttersorten, von unzähligen Antischuppen-Shampoos, die uns völlig überfordern. Von den 10 000 Dingen, die wir besitzen und von denen die meisten nur rumliegen und nicht benutzt werden. Er berichtet vom Fetisch des stetigen Wachstums, dabei könne jedes Kind ausrechnen, dass jedes Wachstum bereits aus physischen Gründen nicht ins Unendliche gehen kann. Er prangert an, dass alle in der Öffentlichkeit diskutierten Gesellschaftsentwürfe sich inzwischen weitgehend gleichen, dass sogar die als Antiwachstumspartei gegründeten Grünen nur noch ein andersartiges Wachstum propagierten. Bei all dem Überfluss des Materiellen entwickele sich gleichzeitig ein neuartiger Mangel: Ein „Mangel an Sinn, an Zweck, an Nutzen.“ Und er bedauert den moralischen Sinneswandel: „Habgier galt mal als Todsünde. Heute ist sie leider geil.“

Dabei kommt es „Spiegel“-Schindler weniger auf die globalen und philosophischen Dimensionen des Themas an. Es gehe ihm weniger darum, den Planeten zu retten oder den Klimawandel zu stoppen. Er glaubt vielmehr, dass der Zwang zur ständigen Maximierung uns nicht guttut, ja, uns krank macht. In seinem Buch konzentriert er sich daher auch auf Beispiele, auf Menschen, die einen anderen Weg gehen: etwa den Schweizer Banker, der, anstatt reiche Menschen noch reicher zu machen, nun eine Karriere als Sozialarbeiter eingeschlagen hat. Oder die Frauen, die unförmiges Gemüse, das sonst weggeschmissen wird, weil es nicht normgerecht ist, vermarkten. Es kommt Schindler darauf an, dass im kleinen Bereich des täglichen Lebens bereits viel gegen den vorherrschenden Zeitgeist unternommen werden kann.

In der Diskussion erfährt Schindler vor allem Unterstützung. Auch wenn es ein paar kritische Fragen gibt. Ob er etwa selber in seinem Leben den Forderungen seines Buches gerecht werde, will ein Besucher wissen. Ja, sagt Schindler, aus materiellen Dingen wie etwa schnellen Autos habe er sich nie viel gemacht. Ein anderer Gast redet davon, dass sein Buch „opportun“ sei und ihm sicherlich viel Unterstützung bringen würde. Aber auf diese Frage geht Schindler nicht ein.

Viele Besucher im DK-Forum berichten von eigenen Erfahrungen, vom Drang junger Leute, ein Auto zu fahren, das sie sich gar nicht leisten können, von der Schulbildung, die an der Lebenswirklichkeit vorbeigeht, von Kindern, die nicht mehr mit einfachsten Gegenständen „im Dreck“ spielen können. Und von kleinen Gegenbewegungen gegen den allgemeinen Trend, die auch in Ingolstadt zu finden seien: etwa die Initiative Transition Town, die „fröhliches Schrumpfen“ empfehle.

 

Als nächster Gast der „LeseLust“ stellt Anselm Bilgri am Mittwoch, 26. November, um 19.30 Uhr sein Buch „Vom Glück der Muße. Wie wir wieder leben lernen.“ vor. Karten gibt es in allen Geschäftsstellen unserer Zeitung, Hotline (08 41) 96 66-8 00, www.donaukurier.de/leselust.


Von Jesko Schulze-Reimpell
 
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