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21.02.2014 19:59 Uhr | x gelesen
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Zurück im Leben


Bild: Zurück im Leben. Ingolstadt Ingolstadt (DK) „Meine Pokale und Medaillen sind staubfrei verpackt an einem Ort, den ich nicht verrate“, antwortet Skisprung-Legende Sven Hannawald am Donnerstagabend mit einem Lächeln auf die Frage einer Zuhörerin, wo denn seine Trophäen seien.

Ingolstadt (DK) „Meine Pokale und Medaillen sind staubfrei verpackt an einem Ort, den ich nicht verrate“, antwortet Skisprung-Legende Sven Hannawald am Donnerstagabend mit einem Lächeln auf die Frage einer Zuhörerin, wo denn seine Trophäen seien.


 


Zuvor hatte sich der 39-Jährige im DK-Forum Ingolstadt eineinhalb Stunden lang den Fragen von Gerd Schneider, Chefredakteur unserer Zeitung, und denen der mehr als 250 Zuhörerinnen und Zuhörern gestellt: Fragen zu seiner Sportlerkarriere, zu der Saison 2001/2002, in der er nicht nur die Vierschanzentournee mit Siegen in allen vier Wettbewerben beendete, vier Medaillen bei den nordischen Ski-Weltmeisterschaften und jeweils drei Medaillen bei Olympischen Spielen und Skiflug-Weltmeisterschaften holte, und wie es ihm jetzt gehe.

 


Denn Sven Hannawald hatte vor zehn Jahren bekannt gegeben, dass er am Burn-out-Syndrom leide und ein Jahr später seine Karriere als Profi-Skispringer beendet.

 

Fotostrecke: Leselust Sven Hannawald


Ungewöhnlich dabei für die „LeseLust“-Reihe: Hannawald las selbst nicht aus seinem Buch „Mein Höhenflug, mein Absturz, meine Landung im Leben“, das er zusammen mit dem Sportjournalisten Ulrich Pramann geschrieben hatte. Chefredakteur Schneider las ausgewählte Lebensstationen vor und kam so ins Gespräch mit Sven Hannawald, der stets konzentriert und genau antwortete, auch spontan witzig reagierte und sich somit als der absolut sympathische Sportler erwies, als den ihn Schneider vorgestellt hatte. Ob er sich noch an den Tag erinnere, an dem er zum bislang einzigen Skispringer wurde, der alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee in einer Saison gewonnen habe? „Natürlich, das Dreikönigsspringen in Bischofshofen ist immer am 6. Januar!“, antwortete Hannawald und hatte die Lacher auf seiner Seite. Und fuhr dann ernsthaft fort: „In diesem Moment fühlte ich gar nichts.“

Ingolstadt: Zurück im Leben
Der ehemalige Skispringer Sven Hannawald stellte am Donnerstagabend im DK-Forum seine Biografie vor. Chefredakteur Gerd Schneider las Abschnitte daraus vor und stellte dazu Fragen an den früheren Profisportler - Foto: Hauser
Ingolstadt

Tatsächlich habe er durch die absolute Konzentration auf das angestrebte Ziel meist nichts gefühlt noch weniger den Jubel und die Anfeuerungsrufe der Menschen am Rande der Schanze gehört. Obwohl er „nicht unbedingt höhenangstfrei“ sei, sei das Skispringen sein Ziel von Kindheit an gewesen. In der Erfolgssaison sei er aber am Ende froh gewesen, „dass es rum war, weil ich es nicht weiter geschafft hätte.“ So erschöpft sei er gewesen.

Hannawald spricht vom Erfolgsdruck, der auf Spitzensportlern lastet, auch wenn es ein selbstgewählter sei. Daneben raubten die Kameras und Objektive, die Zuschauer, die Medienleute mit ihren Interviewwünschen – „Es gab Anfragen hoch Sieben“ – sehr viel Kraft. Das habe ihn vor zwölf Jahren so weit getrieben, dass er im Mannschaftszelt zum Aufwärmen gehüpft sei, anstatt sich in der Öffentlichkeit warmzulaufen. Die Erschöpfungszustände, die innere Unruhe, das Kopfkino zum Skispringen, das ihn nachts nicht schlafen ließ, das tagsüber in Aggression und Gereiztheit umschlug, nahmen im Jahr 2003 zu. Dennoch sprang Hannawald sechs Weltcup-Siege. Er erzählt, wie er von Arzt zu Arzt lief, aber als körperlich gesund galt.

Einziges sichtbares Zeichen: Bei einer Größe von 1,84 Meter wiegt er nur noch 63 Kilo, nach den Wettkämpfen ist er auf 61 Kilo abgemagert (sein Gewicht heute: 77 Kilo). „Ich habe mir nie Essen verboten“, beantwortet er Schneiders Frage nach Magersucht. „Mein Weg war, immer mehr zu verbrennen als ich gegessen habe. Ich habe Kuchen für meine Familie gebacken. Hinterher bin ich gerannt, um alles wieder zu verbrennen“, schildert er seinen Weg, das für den Erfolg beim Skispringen – neben Technik und Material – so entscheidende Körpergewicht in Grenzen zu halten. Das ging so lange, bis ihn seine Mutter im Frühjahr 2004 zu einem Arzt für Psychosomatik schickte, und dieser Burn-out diagnostizierte. Eine Erlösung sei das gewesen, denn nun habe er gewusst, wie er wieder gesund werden konnte. Heute sei er geheilt, sei nach fünf Jahren Therapie wieder im Lot.

Er sehe, dass er etwas geschafft habe, auch, dass er ein typisches Kind der DDR, des DDR-Sportsystems, „ein perfekter Normerfüller“ sei: Mit einem halben Jahr in der Kinderkrippe, sehr früh immer wieder von den Eltern getrennt für das Training, mit zwölf schließlich das Sportinternat, in dem „wir alle schon am ersten Abend Heimweh hatten“, erzählt er. Dennoch will er darüber nichts Negatives sagen, denn „ich habe mir einen Kindheitstraum erfüllt“. Er habe seinen Preis für den Erfolg gezahlt, aber: „Die Waage ist für mich ausgeglichen.“ Und die Menschen im DK-Forum applaudieren lange und voller Respekt einem Spitzensportler, der nun eine neue Aufgabe sucht.


Von Barbara Fröhlich
 
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