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07.11.2012 19:07 Uhr | x gelesen
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Den Toten ihr Gesicht wiedergeben


Bild: Den Toten ihr Gesicht wiedergeben. Ingolstadt Ingolstadt (DK) Nicht immer kommt der Tod sanft daher, sodass die Leichname wieder hergerichtet werden müssen, damit die Angehörigen friedlich Abschied nehmen können. Dann ist Alfred Riepertinger gefragt. In seinem Buch „Mein Leben mit den Toten“ erzählt der Oberpräparator der Pathologie des Klinikums München-Schwabing, warum und wie er den Toten ihr Gesicht zurückgibt. Am 13. November kommt Riepertinger zur „LeseLust“ in das DK-Forum Ingolstadt und erzählt, warum dies sein Traumjob ist. Unser Redaktionsmitglied Julia Pickl unterhielt sich zuvor mit ihm.

Ingolstadt (DK) Nicht immer kommt der Tod sanft daher, sodass die Leichname wieder hergerichtet werden müssen, damit die Angehörigen friedlich Abschied nehmen können. Dann ist Alfred Riepertinger gefragt. In seinem Buch „Mein Leben mit den Toten“ erzählt der Oberpräparator der Pathologie des Klinikums München-Schwabing, warum und wie er den Toten ihr Gesicht zurückgibt. Am 13. November kommt Riepertinger zur „LeseLust“ in das DK-Forum Ingolstadt und erzählt, warum dies sein Traumjob ist. Unser Redaktionsmitglied Julia Pickl unterhielt sich zuvor mit ihm.


Leselust: Alfred Riepertinger
Leselust: Alfred Riepertinger
Kay Blaschke
Ingolstadt

Am 13. November kommt Riepertinger zur LeseLust in das DK-Forum Ingolstadt und erzählt, warum dies sein Traumjob ist. Unser Redaktionsmitglied Julia Pickl unterhielt sich zuvor mit ihm.

Herr Riepertinger, wie viele Leichen lagen schon vor Ihnen?

Alfred Riepertinger: In meinem ganzen Berufsleben habe ich bisher rund 25 000 Leichen versorgt. Ich habe seit 40 Jahren mit Toten zu tun, das sind 500 bis 800 Leichen pro Jahr.

 

Sind diese Zahlen konstant?

Riepertinger: Es gibt Zeiten, wie beispielsweise jetzt im Herbst, da reagieren Menschen, die bereits schwer krank oder kreislaufmäßig stark belastet sind, auf den Wetterumschwung. Das merken dann auch wir hier. Bei uns gibt es immer Schwankungen, es gibt nie eine gerade Linie. Denn der Tod ist nicht berechenbar.

 

Sie schreiben, dass Ihr Beruf zu den schönsten und interessantesten gehört. Warum?

Riepertinger: Weil kein Tag dem anderen gleicht. Ich weiß am Abend nicht, was mich am nächsten Morgen erwartet. Mein Beruf ist äußerst abwechslungsreich.

 

Dennoch ist er nicht alltäglich. Was fasziniert Sie so an toten Menschen?

Riepertinger: Ich habe mich schon immer dafür interessiert und es ist mein großes Glück, dass ich genau in diesem Umfeld arbeiten und meine Erfahrungen und Ideen einbringen kann. Ich gebe den Kliniken Rat und helfe den Angehörigen. Die meisten Leute sind, wenn der Tod eintritt, völlig hilflos, weil sich keiner damit beschäftigt. Also kommt alles unvorbereitet.

 

Sie sind bereits als Kind sonntagnachmittags mit Ihrem Vater auf den Friedhof gegangen, um Leichen anzuschauen. Warum hat Sie das interessiert?

Riepertinger: Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre waren in München über 90 Prozent der Leichen offen aufgebahrt. Die Leute gingen dorthin, um sich von dem Verstorbenen zu verabschieden. Es ging nicht um das Gaffen, sondern darum, dem Toten die Ehre zu bezeugen. Heute ist der Tod nur noch steril in Fernsehkrimis zu sehen, und selbst das ist alles nur Makulatur.

 

War das der Anfang Ihrer Berufslaufbahn?

Riepertinger: Ja. Wobei ich mich nicht nur für die Leichen selbst, sondern auch für die Särge und die Leichenwagen interessiert habe. Die sahen damals toll aus, das waren schöne schwarze Wagen mit tollen Vorhängen und ziselierten Scheiben, die haben richtig was hergemacht.

 

Wie sind Sie dann zu Ihrem Beruf gekommen?

Riepertinger: Ich hatte schon während meiner Lehrzeit einen Nebenjob bei einem Bestatter. Meinen Zivildienst habe ich in der Klinik Schwabing absolviert. Am Ende meines Zivildienstes ist hier in der Pathologie eine Stelle frei geworden. So bin ich als Seiteneinsteiger hier geblieben.

 

Wie war Ihre erste Sektion? Kostete Sie dies Überwindung?

Riepertinger: Ich hatte ja während meines Zivildienstes bereits Sektionen gesehen und war Handlanger der Präparatoren oder habe das Besteck abgewaschen. Mein wirklicher Einstieg war, als ich das erste Mal selbst mit dem Messer in die Haut eines Verstorbenen schnitt. Aber die Überwindung war gleich weg, weil ich mit der Materie schon vertraut war.

 

Was macht ein Präparator ganz genau?

Riepertinger: Wir Präparatoren entnehmen die Organe für den Assistenten, der die Leiche dann obduziert, und schneiden kleine Gewebestücke für die feingewebliche Untersuchung unter dem Mikroskop heraus. Nach der Sektion werden die Organe rückverlagert und der Tote wird sauber zugenäht. Wenn er gewaschen und abgetrocknet ist, darf man nichts mehr davon sehen, dass er seziert worden ist.

 

Wie wichtig ist die Hygiene an Ihrem Arbeitsplatz?

Riepertinger: Allein der Selbstschutz erfordert es, dass ich sauber arbeite, wenn nicht, laufe ich Gefahr, mir eine Infektion zu holen. Früher gab es Institute, da war Tuberkulose an der Tagesordnung. Ich habe schon Häuser gesehen, da ist das Blut am Boden gelaufen. Mittlerweile hat sich aber das Niveau in den Pathologien in Deutschland entscheidend verändert und die Qualität ist enorm gestiegen.

 

Inwieweit helfen Sie der medizinischen Forschung?

Riepertinger: Wir sind die Qualitätskontrolle für die klinisch tätigen Kollegen, die über uns die Chance bekommen, ihre Diagnose und das Ergebnis ihrer therapeutischen Maßnahmen zu überprüfen. Die Klinik übernimmt die Ergebnisse aus der Pathologie, was vielen Patienten zugutekommt.

 

Gibt es dafür ein Beispiel?

Riepertinger: Mitte der 80er Jahre hatten wir sehr viele Aid-Sektionen. Bis die Forschungsgesellschaften alle Erkenntnisse über diese Erkrankung hatten. Mittlerweile ist aus einer tödlichen Erkrankung eine chronische Erkrankung geworden – mithilfe der Ergebnisse der Pathologen.

 

Sie schreiben, dass die Todesursache, die Ärzte feststellen, 25 bis 40 Prozent vom Obduktionsergebnis abweicht. An was liegt das?

Riepertinger: Das liegt oft an der Erfahrung des Arztes. Daran sieht man, dass auch in der modernen Medizin Fehler gemacht werden. Darum sollte die Obduktion als Instrument der Qualitätssicherung immer in Anspruch genommen werden.

 

Inwieweit helfen Sie den Angehörigen mit Ihrer Arbeit?

Riepertinger: Wenn die Angehörigen den Verstorbenen bei extremen Fällen noch vor Ort gesehen haben, kommen sie mit dieser Situation oft nicht zurecht. Deshalb ist unsere Arbeit so wichtig, weil sie die Möglichkeit haben, sich noch einmal zu verabschieden und dieses Bild vom Tatort oder Unfallort zu vergessen.

 

Sie hatten schon viele Prominente vor sich liegen. An wen erinnern Sie sich besonders gut?

Riepertinger: Sicher an Franz-Josef Strauß. Oder das Fürstenpaar von Liechtenstein. Das ist natürlich eine Ehre, wenn man so etwas machen darf. Auch die Einbalsamierung von Rudolph Moshammer war spektakulär, denn er war eine schillernde Person in der Münchner Schickeria.

 

Wie ist das, wenn ein Promi vor einem liegt?

Riepertinger: Das ist nur im ersten Moment ungewöhnlich. Ansonsten mache ich meine Arbeit genauso wie bei allen anderen Toten auch. Da spielt der Stand der Person keine Rolle.

 

Die „LeseLust“ mit Alfred Riepertinger am 13. November im DK-Forum beginnt um 19.30 Uhr. Karten gibt es unter anderem unter Telefon (08 41) 96 66-800, im Internet unter www.donaukurier.de/leselust.


 


Donaukurier
 
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