Kunstreise mit allen Sinnen

Grandios gelungen: Eröffnung der Ausstellung „SUM“ von Martina Stürzl-Koch in der Harderbastei in Ingolstadt

03.07.2022 | Stand 03.07.2022, 17:01 Uhr

Von Robert Luff

Ingolstadt – Mehr als 100 Gäste begrüßte Werner Kapfer, ehemaliger Vorstand des Berufsverbands bildender Künstlerinnen und Künstler Oberbayern Nord und Ingolstadt (BBK), zur Vernissage am Samstagabend in der Städtischen Galerie Harderbastei und freute sich nach zwei Jahren Corona-Pause sichtlich, wieder mit Menschen über Kunst sprechen zu können.

Zu sehen, zu hören und zu fühlen waren und sind in dieser einzigartigen Ausstellung die Kunstwerke von Martina Stürzl-Koch, die keine leichte Kost sind, sondern dem Publikum alles abverlangen – inklusive einer persönlichen Begegnung mit ursprünglichen Materialien wie Holz, Lehm und Leinen, abstrakten Formen und ungewöhnlichen Performances.

Die drei Primärmaterialien, mit denen sich die Großmehringer Künstlerin auseinandergesetzt hat, repräsentieren das Existenzielle, die Natur, das Sein an sich, das immer wieder neu entdeckt und künstlerisch bearbeitet werden will. Dabei tritt Stürzl-Koch stets in einen Dialog mit ihrem Material, das sie spüren muss, wie Christiane ten Hoevel, selbst Künstlerin und Dozentin, in ihrer Laudatio erläuterte. „SUM“ heißen alle Kunstwerke dieser Ausstellung und werden dann einfach durchgezählt: von SUM I (Holz) über SUM II (Lehm) zu SUM III (Leinen). Das Prinzip ist einfach und doch genial, denn im Englischen bedeutet sum zusammenfassen, im Deutschen werden Assoziationen zum Wort summen geweckt und in vielen der Ausstellungsstücke gibt es tatsächlich die Verbindung zwischen dem Akustischen und dem Visuellen: etwa in der riesigen Wandarbeit „Übertragung“, die die Künstlerin simultan zum Cellospiel von Christina Meißner zeichnete und sich dabei von den Tönen inspirieren ließ.

„SUM I“ ist eigentlich ein Künstlerbuch und besteht aus Zeichnungen, Monotypien und Texten, welche die elementare Begegnung der Künstlerin mit dem Wald und dem Holz bezeugen. Den Kohlebildern, die zugleich von einem Beamer an die Wand projiziert werden, fehlt nahezu jede Gegenständlichkeit und die abstrakten, meist schwarz weiß gehaltenen Formen sind eher visuelle Partituren der Wirklichkeit und locken den Betrachter in sie hinein. Zugleich aber weisen ausgewählte Zitate von Konfuzius, Goethe, Hesse oder Rilke auf die menschliche Kulturgeschichte, die hinter dieser Naturbegegnung als Referenzrahmen steht.

Das nur temporär installierte Lehm-Feld „SUM II“ besteht aus einem etwa vier mal vier Meter großen und zehn Zentimeter hohen Lehmquadrat, in dessen Mitte ein kleineres Quadrat ausgespart wurde. In diesem Lehmrahmen saß während der Vernissage insgesamt dreimal die Cellistin Christina Meißner und versetzte den Lehm durch eine improvisierte Klang-Performance in Schwingung. Während dieser zehn Minuten, die sich durch eine ungeheure akustische Bandbreite vom dunkel-kraftvollen Vibrato bis zu samtig-lyrischen Obertönen auszeichneten, konnte jeder Zuschauer, der zugleich zum Zuhörer wurde, seine individuelle Klangreise unternehmen: Der Lehm wurde zum hörbaren Ton.

Am geheimnisvollsten präsentiert sich das Werk „SUM III“, das sich in einem sieben Meter langen abgeschlossenen Raum befindet, der nur einzeln betreten werden darf. Hier hat Martina Stürzl-Koch aus mehr als 44 Kilometer Leinenfaden ein etwa sieben Meter langes Webstück hergestellt, um durch diese Transformation des Fadens in den Stoff den Kreislauf des Lebens zwischen Werden und Vergehen bewusst zu machen. Während man sich im Raum befindet, hört man eine Audio-Datei, welche die Energie spürbar machen soll, die in diesem Webstück steckt.

Martina Stürzl-Koch hat eine Werkschau installiert, die den Betrachter dazu einlädt, immer wieder neu über die Wahrnehmung von Existenz, Kunst und Natur nachzudenken. „Es geht einzig darum, dass es mich gibt, so wie ich bin,“ schreibt sie im Katalog. Und die Künstlerin fährt fort: „Ich bin gekommen, ich werde wieder gehen.“ Diesen ewigen Kreislauf sichtbar zu machen, ist ihr grandios gelungen.

DK


Die Ausstellung „SUM“ ist noch bis zum 24. Juli in der Harderbastei, Oberer Graben 55, zu sehen.