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Robert Harris Roman über die letzten Tage von Pompeji

erstellt am 09.04.2004 um 19:30 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 12:36 Uhr | x gelesen
(DK) Das Ende war schrecklich. Eine ungeheure Glutlawine begrub alle und alles unter sich. Menschen und Tiere starben innerhalb weniger Sekunden. Rettung gab es nur für wenige. Tausende kamen im Ascheregen und durch die giftigen Gase um. Am 24. August 79 nach Christus hatten rund 10 Millionen Tonnen Gesteinsmassen die blühendsten Städte des Römischen Reichs am Golf von Neapel zerstört. Der Vesuvausbruch gehört zu den größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte, rund 1800 Jahre später wurde er zum größten Glück der Archäologen.
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Das Endzeitszenario bot Stoff für zahlreiche Filme und Bücher. Nun hat sich der britische Autor Robert Harris ("Vaterland", "Enigma") aufgemacht, die letzten vier Tage von Pompeji zu beschreiben, entwickelt der Sachbuchautor einen politischen Krimi um Immobilienspektulation in der Antike, um Leben und Laster, um Liebe und Verrat. Der Mythos um die Stadt am Vesuv reicht aus, um hellhörig zu werden, das Wort "Pompeji" genügt, um das Bilderbuch vor dem inneren Auge in Gang zu setzen. Doch was Harris daraus entwickelt, enttäuscht. Nicht auf den ersten Seiten. Da beginnt eine zunächst spannende Geschichte um den Baumeister Marcus Attilius Primus, der, als der Aquädukt Aqua Augusta versiegt, zu Hilfe gerufen wird. Doch Wasser bedeutet nicht nur Leben, sondern für den skrupellosen Geschäftsmann Ampliatus vor allem Geld und Macht. Dessen Tochter Corelia deckt eine Verschwörung auf und bittet Attilius um Hilfe.

Geschickt mischt Harris Thrillerelemente mit Geschichte, indem er historische Figuren in seinem Roman als handelnde Personen auftreten lässt. Penibel recherchierte der Autor die technischen Errungenschaften, den Alltag im Römischen Reich, die prächtigen Gebäude, den rauschenden Lebenswandel der Schönen und Reichen am Golf von Neapel sowie die kulinarischen Höhenflüge der damaligen Zeit: von Nieren gefüllte Schweineeuter bis in Honig und Mohnsamen panierte Mäuse.

Doch seine Beschreibungen vom Dolce Vita bleiben leblos, die Tragödie mutet befremdlich steril an, Harris Charaktere sind flach und unausgegoren. Und wenn Corelia im nassen Hemd auf den jungen Retter zuläuft, ist Harris auf dem Niveau von Kitschromanen angelangt. Was dem Buch fehlt, ist der Staub, der an Sommertagen durch die antiken Gassen wirbelt, das Licht am Golf von Neapel, atmosphärisches sprachliches Geschick und – historische Genauigkeit. Wenn Harris Pompeji zur Lasterhöhle macht, entspringt das eher einer Verkaufsstrategie, wenn er nach drei Jahren Auseinandersetzung mit der Thematik fälschlicherweise von Italien schreibt, ist das bei dem von ihm selbst geforderten Anspruch auf Authentizität nachlässig.

Auf der Ebene eines populären Historismus ist Harris angelangt, wenn er in Interviews kundtut, den Vesuvausbruch und die Folgen mit der Verletzbarkeit der Supermacht USA nach dem 11. September in Verbindung bringen zu wollen. Weder der einen noch der anderen Tragödie wird er damit gerecht. ? ?

? Katrin Fehr

Robert Harris: Pompeji, Heyne 2004, 379 Seiten, 20 Euro.

Donaukurier
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