„Wir sind alle noch beeindruckt von dem Konzert, das war ein tolles Erlebnis“, sagt Ingolstadts Kulturamtsleiter Jürgen Köhler nach dem Auftritt des Grammy- und Echo-Preisträgers. Allein die Tatsache, dass die Macher der Jazztage den 43-Jährigen verpflichten konnten, darf als großer Wurf bezeichnet werden. Größen wie Stevie Wonder, Van Morrison und Jamie Cullum stehen mit ihm auf der Bühne oder im Studio. Vor Kurzem füllte er die Royal Albert Hall in London mit ihren 9500 Plätzen. „Möglich war das, weil wir uns mit den Organisatoren der Festivals in Aalen und Leverkusen zusammengetan haben“, sagt Jan Rottau. In Aalen spielte Porter am Samstag, in Leverkusen gastierte er gestern. Ingolstadt passte in den Plan.
 
Gregory Porter
Möglicherweise die souligste Baritonstimme der Gegenwart: Gregory Porter.
Cornelia Hammer
Der in New York lebende Sänger ist eine imposante Erscheinung. Jenseits der 1,90 Meter – die angestrebte Football-Karriere musste er aufgrund einer Schulterverletzung aufgeben –, dunkelgrauer Anzug, dunkelgraues Hemd, die obligatorische, zum Markenzeichen gewordene schwarze Ballonmütze auf dem Kopf, darunter ein Tuch, das Ohren und Wangen bedeckt, so betritt er die Bühne.  
 
Porter war das siebte von acht Kindern, sein Vater starb früh. In der Plattensammlung seiner Mutter fanden sich Nat King Cole, John Coltrane und andere Heroen des Jazz und Soul. Sie erkrankte, als er noch an der Uni studierte. Bevor sie starb, überzeugte sie ihren Sohn, den Job als Städteplaner an den Nagel zu hängen und stattdessen eine Gesangskarriere einzuschlagen. Das Leben, die Ups und Downs, zerbrochene Beziehungen und Krankheiten haben Porter geprägt. Allüren sind dem neuen Superstar der Jazzszene fremd. „Er ist sehr zugänglich“, sagt Jan Rottau. Ursprünglich wollten Porter und seine Band von Aalen aus mit der Bahn anreisen. Als Rottau das erfuhr, organisierte er kurzerhand einige Luxuslimousinen des Festivalsponsors und ließ die Musiker abholen.
 
 
Fotostrecke: Jazztage: Gregory Porter im Festsaal

 
Von Anfang an bilden Porter und seine Begleitband eine Einheit. Immer wieder räumt der Bandleader seinen Musikern generös Raum für ihre Soli ein, beklatscht sie anschließend. „On My Way To Harlem“ widmet er seinem Idol von Kindheitsbeinen an: Marvin Gaye. Bei „No Love Dying“, dem Opener seines aktuellen Albums „Liquid Spirit“, bindet er das zunächst noch zurückhaltende Publikum mit ein. Der Longplayer ging hierzulande 160.000 Mal über den Ladentisch. „Kein Jazzalbum hat sich in Deutschland häufiger verkauft“, sagt Rottau. Dementsprechend kennt den Titelsong jeder im Saal, wieder spielt Porter mit dem Publikum.

Mucksmäuschenstill ist es bei den ruhigen Nummern. „Hey Laura“ ist reduziert auf das Wesentliche, Chip Crawfords Pianospiel und Porters herzerwärmenden Bluesbariton. Yosuke Satos ausuferndes Saxophonsolo wirkt da fast ein wenig deplatziert. Bei „Wolfcry“ bleiben nur der in tiefblaues Licht getauchte Pianist und Porter auf der Bühne und verbreiten Gänsehautatmosphäre. Der 43-Jährige und sein formidables Quartett beherrschen die unterschiedlichen Klaviaturen des Jazz, die Uptempo-Nummern ebenso wie die ruhigeren Stücke.

Bei "Be Good", dem wunderbaren Titelsong seines zweiten Albums, brandet nach drei Takten Applaus auf. Das passiert den Superstars der Szene bei Klassikern, die sie sich im Laufe von Jahrzehnten auf die Setlist gepackt haben. Porter benötigte eine erstaunlich kurze Zeit, um sich tief in die Gehörgänge des Publikums einzunisten. Und haften - so mitreißend die schnelleren Nummern sind - bleiben am Ende bittersüße Balladen wie "Water Under Bridges", in dem das Ende einer Liebe beklagt wird. Großartig seine Intonationssicherheit und sein Stimmvolumen, exakt das Zusammenspiel der Band. Außer Crawford und Sato gehören dazu noch Kontrabassist Aaron James und der stoische Schlagzeuger Emanuel Harrold.

Länger als eineinhalb Stunden spielt Porter selten. In Ingolstadt verlässt er die Bühne nach drei Zugaben und 100 Minuten. Es war ein außergewöhnliches Konzert mit der wohl besten Baritonstimme des Jazz der Gegenwart.