Donnerstag, 13. Dezember 2018
Lade Login-Box.

Rockiger Weill, glamouröser Brecht

erstellt am 03.10.2005 um 19:30 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 14:18 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Mit einer fetzigen Inszenierung der " Dreigroschenoper " von Bertolt Brecht und Kurt Weill hat Intendant Peter Rein die Spielzeit im Großen Haus des Theaters Ingolstadt eröffnet. Dass der 1928 in Berlin uraufgeführte, von manchen als obsolet empfundene Klassiker mit Sicherheit zum Publikumshit der Saison werden wird, ist vor allem einer cleveren Idee zuzuschreiben: der Verpflichtung der Ingolstädter Erfolgsband Slut für den musikalischen Part. Nach der Premiere am Samstagabend wollte der Applaus schier nicht enden.
Textgröße
Drucken
Wenn die jungen Musiker (Leitung Chris Neuburger) rockig mit harschen Gitarrenakkorden und Schlagzeug arbeiten, geht zwar der freche Charme des alten Weill flöten und einige Songtexte büßen trotz Microport an Verständlichkeit ein. Dafür wirkt das Ganze ziemlich heutig. Allerdings imponiert die auf sieben Akteure erweiterte Formation, immer in das Bühnenspektakel integriert, oft szenisch agierend, durch eine bemerkenswerte stilistische Bandbreite bis hin zu subtil-lyrischen Passagen.

Dreigroschenoper
Zickenkrieg im Knast: Lucy (Eva Rodekirchen, Mitte) und Polly (Chris Nonnast) zanken sich um Macheath (Norbert Aberle). Peter Rein inszenierte Bertolt Brechts "Dreigroschenoper".
Auf heutige Darstellungsformen, auf das Design von TV-Shows, zielt auch Regisseur Peter Rein, lässt eine aus der Glotze bekannte Glitzer-Girl-Choreografie (Thorsten Kreissig) effektvoll auf steil ansteigenden, farbig illuminierten Treppen präsentieren. An dieser Vorderansicht eines drehbaren Podests sowie an dessen Rückfront und Seitenteilen hat Ausstatter Bodo Demelius die Schauplätze angesiedelt, eine geschickte Lösung: Peachums Bettlergarderoben, den Pferdestall, das Hurenhaus in Turnbridge und das Gefängnis in Old Bailey. Bei den Kostümen unterscheidet Demelius zwei Sorten. Merkwürdig schlicht und sparsam bedacht sind die Herren, meist nur in Hemd und Hose, Macheath immerhin wird ein dunkler Cordanzug gegönnt, und Polizeichef Brown darf, wenn er in die Rolle des Ansagers wechselt, eine brechtsche Lederjacke überziehen. Aufwändiger dagegen zeigen sich die Damen, keck, frivol, auch elegant, samt Kitsch-parodie (Polly im weißen Hochzeitskleid, aufgedonnert mit blonder Perücke).

Der Regisseur selbst greift tief in die Kiste: vom noblen Tableau über Slapstick, schräger Klamotte, Witzelei und dem mehr oder minder zündenden Gag wird alles aufgeboten, was Auge und Ohr gefällig und heiter stimmen kann. Herzhaft mischen sich Sinn, Hintersinn und Unsinn. Köstlich der theologische Exkurs in Gestalt eines mit Bibelsprüchen inklusive Stellenangaben ausgetragenen verbalen Florettgefechts. Amüsant, aber auch ein bisschen beliebig die Idee, Karlheinz Habelt als heruntergekommenen Pastor Kimball valentinesk durchs Stück geistern zu lassen. Er trägt Kappe und Parker, sieht aus wie ein Stadtstreicher und muss sich immer schnäuzen.

Fast scheint es, als hätte Peter Rein mit seinen Einfällen nicht haushalten können. So bringt es die Aufführung auf dreieinhalb Stunden, und dann wird auch noch die berühmte Schlussvariante mit des Königs reitendem Boten reichlich umständlich angelegt. Dennoch: Das Stück ist stark, verträgt viel, und Langeweile kommt niemals auf.

Norbert Aberle, schon vor 20 Jahren in Karl Absengers Ingolstädter Inszenierung der Mackie Messer, gibt einen tadellosen Macho. Matthias Winde ist ein asketisch-tyrannischer Peachum, und seine Gemahlin Celia steht im herrlichen Kontrast zu ihm: Sabine Wackernagel, ein bisschen tumbes Hausmutti, aber sehr kraftvoll, füllige Präsenz, stimmliche Gewalt, wirft sich ihre widerspenstige Tochter zum Abtransport kurzerhand über die Schulter. Als diese zierliche Polly bezaubert Chris Nonnast, freilich auch fähig, gefährlich Krallen ausfahren zu lassen, und über eine feine Singstimme verfügend. Eva Rodekirchen macht aus der Konkurrentin Lucy eine unglaublich schrille Nummer. Dafür gab es johlenden Szenenapplaus. Trefflich besetzt mit Willhelm Schlotterer der weinerliche Tiger Brown und Karen Schweim als die hager-verruchte Spelunken-Jenny.

Rolf Germeroth, Aurel Bereuter, Sascha Römisch, Gunter Heun, Peter Reisser, Peter Greif sowie das attraktive Huren-Sextett ( teils ) von der Bayerischen Theaterakademie August Everding komplettieren das schräge Personal. Eine tolle Bagage.

Und bei allem, was da an Glamour und Komik draufgesetzt ist: Es bleibt sichtbar und hörbar der alte Brecht mit seiner unverwüstlichen provokativen Moral, die sich zum Beispiel, im Vermächtnis des Macheath, die Frage erlaubt, was der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank sei und was ein Dietrich gegen eine Aktie. Erst unlängst hatten die Nachrichtenagenturen vermeldet, dass ein schwäbischer Autohersteller Tausende von Arbeitsplätzen abbauen werde. Und dass der Aktienkurs der Firma gestiegen sei.

Friedrich Kraft
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!