Miroslav Nemec rockt bei den Theatertagen
Der „Tatort“-Schauspieler tritt mit seiner Band Asphyxia im Ingolstädter Turm Baur auf

13.06.2024 | Stand 13.06.2024, 12:00 Uhr |

55-jähriges Bestehen feiert Asphyxia heuer. Neben den Gründungsmitgliedern gehören Tina Hinz und Armin Riedl seit 2004 zur Band. Am 16. Juni treten sie zum Finale der Theatertage auf. Foto: Katrin Nemec

Ingolstadt/München – Er ist einer der bekanntesten Fernseh-Kommissare Deutschlands: An der Seite von Udo Wachtveitl spielt Miroslav Nemec alias Ivo Batic seit 1991 im Münchner „Tatort“. Kein Wunder, dass er irgendwann selbst mit dem Krimischreiben begann. Mit „Die Toten von der Falkneralm“ und „Kroatisches Roulette“ sind bislang zwei Krimis um Kommissar Miroslav Nemec erschienen. Im Rahmen der Bayerischen Theatertage gibt er mit seiner Band ein Open-Air-Konzert im Turm Baur. Denn die allererste Liebe von Miroslav Nemec galt der Musik.

Herr Nemec, vor der Schauspielerei kam die Musik. Sie haben sogar am Mozarteum studiert. Warum hat es erst mal nicht geklappt mit der Musikerkarriere?

Miro Nemec: Das mit der Musik fing schon im Kindergarten in Freilassing an. Schwester Caritas hatte uns immer auf so einem elektrischen Tasteninstrument vorgespielt. Als ich das irgendwann nachspielte, hat sie sofort gesagt: Der ist begabt, der muss Klavierunterricht bekommen. Also hat mich meine Oma zu Frau Dollinger gebracht, eine sehr herzliche, aber strenge Lehrerin. Sie war die Witwe eines Försters und hatte einen Dackel, der immer unterm Flügel saß. Wenn’s geregnet hat, hat der ziemlich streng gerochen. Bei ihr hatte ich den ersten Klavierunterricht. Mit 15 Jahren spielte ich dann in meiner ersten Band: Sie hieß Major Rockefeller’s Purple Haze Company und war unsere Antwort auf Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Wir machten Tanzmugge – bis uns das irgendwann mit 16, 17 zu blöd wurde. Wir verlegten uns auf progressiven Rock und Blues und nannten uns Asphyxia. Mit dieser Band trete ich auch in Ingolstadt auf.

Wie kam’s zu diesem Namen?
Nemec: Bei der Suche nach einem Bandnamen habe im Lexikon unter A nachgeschlagen, weil auf den Festivalplakaten die Bands meist in alphabetischer Reihenfolge gelistet waren. Mit Asphyxia standen wir ab da immer an erster Stelle. Das sah auch gut aus. Schließlich war unser Schlagzeuger Grafiker und für den Entwurf zuständig. Der Inhalt war egal. Damals waren die Texte Englisch und man wusste oft nicht so genau, was man da singt. Man hat es einfach nachgesungen. Dass der Begriff „Asphyxia“ aus dem Griechischen kommt und Erstickungstod bedeutet, haben wir erst später beachtet. Eigentlich wäre das ein Name für eine Punkband gewesen. Aber egal. Das klassische Klavier und auch die Schule wurden ziemlich vernachlässigt. Musik und Frauen standen damals an erster Stelle.


Trotzdem sind Sie nach der Schule ans Mozarteum.

Nemec: Ich wollte es probieren, habe für die Aufnahmeprüfung wieder fünf, sechs Stunden am Tag geübt – und schließlich bestanden. Ich begann das Studium mit Schwerpunkt klassisches Klavier. Aber nach einem Jahr musste ich erkennen, dass ich eigentlich zu alt war für eine Pianistenlaufbahn. Klavier ist ein Soloinstrument, da gibt es keine Möglichkeit für eine Orchesterkarriere. Also entschied ich mich für einen Abschluss als Fachlehrer für Musik.

Und wie kamen Sie dann zur Schauspielerei?
Nemec: Meine damalige Freundin wollte unbedingt Schauspielerin werden. Und obwohl ich von Theater und Literatur überhaupt keine Ahnung hatte, dachte ich mir: Das probier ich auch. Tatsächlich wurden wir beide an der Schauspielakademie in Zürich angenommen. Drei Jahre später war ich diplomierter Schauspieler, habe in Köln, Essen, München gespielt – und konnte das Klavierspielen und Singen in der Theaterarbeit gut nutzen.

Was hat die Musik heute für einen Stellenwert?
Nemec: Im Wohnzimmer steht ein Flügel. Ich spiele fast jeden Tag darauf – aber keine Klassik mehr. Ich entspanne mich am Klavier und improvisiere oder bereite Konzerte vor – wie das jetzt in Ingolstadt. Manchmal komponiere ich auch was.

Auch für Ingolstadt?
Nemec: Wir fangen das Konzert tatsächlich mit einer Eigenkomposition an. Es handelt sich um einen Text von Rio Reiser, „Unten am Ufer“. Ich kannte den Rio und seine Musik nicht. Bis er Mitte der 90er Jahre einen „Tatort“ mit uns gedreht hat. Danach habe ich den Text vertont und mit der Band arrangiert.

Und was hört man noch?
Nemec: Sachen aus den 70er, 80er Jahren von Ten Years After, Jimi Hendrix, Eric Clapton, Klaus Lage, Janis Joplin, Doobie Brothers. Es gibt was aus dem Balkan, Bosnien, Kroatien, meine Heimatlieder. Wir hatten an den Münchner Kammerspielen mal den Wittenbrink-Abend „Männer“ gemacht. Auch daraus gibt es ein paar Kostproben – Herbert Grönemeyer oder Percy Sledge. Im Prinzip spielen wir das, was uns musikalisch geprägt hat.

Haben Sie sich für Ingolstadt ein spezielles Programm ausgedacht?
Nemec: Die Örtlichkeit, das Publikum und der Anlass werden sicher den Programmablauf bestimmen. Natürlich haben wir eine Setlist, aber die frischen wir immer auf mit neuen Songs. Das Schwierigste allerdings ist, die Zeit zum Proben zu finden. Kaum vorstellbar, aber in diesem Jahr feiern wir 55-jähriges Band-Bestehen: 1969 haben wir zu viert begonnen und bis 1972 gerockt, seit 2004 sind wir zu sechst. Zur Originalbesetzung sind noch die Tochter des Bassisten und ein Nachbar aus einer anderen Band dazugekommen. Zu den Auftritten reisen die Familien immer mit an. Das fühlt sich dann mehr so wie ein Ausflug an.

Sie sind jetzt 69 Jahre. Andre sind da schon längst in Rente. 2025 werden Sie zumindest als Tatort-Kommissar nach 100 Fällen in Rente gehen. Haben Sie sich fürs Ende was wünschen dürfen? Nochmal Drama? Oder eher: Ich bin dann mal weg?
Nemec: Spezielle Wünsche konnten wir nicht anmelden, aber wir dürfen ein bisschen mitreden bei den Drehbüchern. Aber natürlich dürfen wir vorher nichts verraten.

Sind Sie froh, wenn es vorbei ist?
Nemec: Ich werde am 26. Juni 70. Wir haben etliche Kollegen und zwei Polizeipräsidenten, die jünger waren als wir, in die Rente verabschiedet. Der 100. Fall ist doch ein guter Anlass, „Servus“ zu sagen. Meistens hören wir, dass es schade ist, dass wir aufhören. Das ist schön. Schlecht wäre, wenn es hieße: Ist auch Zeit.

Und was kommt dann? Gibt es andere Filmprojekte? Oder mehr Musik?
Nemec: Alles wie gehabt. Musik, Theater, Schreiben, Drehen. Vielleicht gibt’s ja mal eine Gastrolle im „Tatort“ (er lacht). Ich arbeite gern. Ich konnte ja viele Angebote wegen des „Tatorts“ nicht annehmen. Jetzt geht das. Zu meinem 70. werde ich beispielsweise bei den Europäischen Wochen in Passau bei Enjott Schneiders „Kriemhild“ als Erzähler fungieren.

Wenn Sie jetzt auf Ihr Berufsleben zurückblicken: Haben Sie alles richtig gemacht oder würden Sie anders abbiegen, wenn Sie könnten?
Nemec: Ich denke, ich hab nichts verkehrt gemacht. Kann schon sein, dass mein berufliches Leben anders verlaufen wäre, wenn ich das Angebot von Robert van Ackeren für seinen Film „Die flambierte Frau“ angenommen hätte. Oder mit Margarethe von Trotta gedreht hätte. Oder in der US-amerikanische Historienserie „Peter der Große“ mitgewirkt hätte, die mir angeboten wurde. Aber ich habe damals Verpflichtungen im Theater gehabt. Klar gibt es manchmal Was-wäre-wenn-Gedankenspiele. Aber im Grunde sollte man nicht undankbar sein, wenn es so gut gelaufen ist wie bei mir.

DK

Die Fragen stellte Anja Witzke.



„Tatort Turm Baur“ im Rahmen der Bayerischen Theatertage: Open-Air-Konzert mit Miroslav Nemec & Band am 16. Juni um 20.30 im Turm Baur. Karten an der Theaterkasse, Telefon (0841) 305 47 200.