Das Festival der großen Emotionen

14.07.2022 | Stand 14.07.2022, 17:03 Uhr

Geigerin und Festspielleiterin: Lisa Batiashvili.

Ingolstadt – Das Publikum klassischer Konzerte gilt meist als ziemlich reserviert. Es klatscht Beifall. Wenn es begeistert ist, rufen einige Bravo und wenn der Abend ganz besonders gelungen war, kommt tatsächlich Bewegung in den Saal: Die Leute stehen auf, um den Musikern zu huldigen. Standing Ovation heißt das dann – ein englischer Begriff, möglicherweise, da es sich um ein importiertes Verhalten handelt, das hier immer noch ungewöhnlich ist.

Sommerkonzerte mit humanitärer Botschaft

Nicht jedoch bei den diesjährigen Audi-Sommerkonzerten. Ständig erhob sich die enthusiasmierte klassische Zuhörerschaft, so wie man es bei Klassikkonzerte in Ingolstadt gar nicht gewohnt ist. Beim Audi-Kulturteam spricht man daher bereits von den „Festspielen der großen Emotionen“. Oder, wie es Brigitte Urban, Leiterin Kulturmanagment, ausdrückt: von den „Sommerkonzerten der Menschlichkeit“.

An der Beobachtung ist etwas dran. Denn die künstlerische Leiterin der Festspiele, die georgische Geigerin Lisa Batiashvili, hatte ihr politisches und humanitäres Engagement mit den Festspielzielen zur Deckung gebracht. Bei fast jedem Konzert forderte sie zur Solidarität mit den Ukrainern auf. Die gesamten Einnahmen aus den Kartenverkäufen wurden zur Unterstützung von ukrainischen Künstlern verwendet. Den größten Eindruck hinterließ zweifellos das erst kurzfristig anberaumte Gastspiel des International Symphony Orchestra Lviv. Man glaubte fast zu spüren, wie diese Musiker um ihr Leben in der Ukraine spielten, wie sie alles gaben, um gute Botschafter ihres bedrängten Landes zu sein. „Eine solche Dankbarkeit wie von diesen Musikern habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt und werde ich wohl auch nicht wieder erleben“, erzählt Audi-Kulturreferent Sebastian Wieser.

Als außergewöhnlich und sehr emotional erwiesen sich auch die Gastauftritte des zwölfjährigen georgischen Wunderkinds Tsotne Zedginidze, der ein eigenes Klavierkonzert mit dem Georgischen Kammerorchester spielte. Zusammen mit dem Komponisten, Pianisten und Dirigenten Nikoloz Rachveli war er so etwas wie ein Artist in Residenz des Festivals. Immer wieder sah man die beiden – entweder auf der Bühne oder im Publikum. Beide traten auch spontan beim Georgischen Abend des Georgischen Kammerorchesters auf. Zedginidze trug dabei ein Klavierstück vor, das er erst Stunden zuvor komponiert hatte – ein düsteres Werk mit einem magischen Ostinato. Die kulturelle Aura Ingolstadts schien das junge Genie erfasst zu haben – manche Besucher erinnerten die dunklen Klänge an das unaufhaltsam schreitende Monster des Dr. Frankenstein. Allein diese beiden Besucher, Rachveli, der einer der faszinierendsten Musiker Georgiens ist, und Zedginidze haben sich in diesen wenigen Tagen in Ingolstadt nicht nur für Aufsehen gesorgt, sondern ein Stück weit bereits integriert und Freundschaften geschlossen. Es wäre eine große Bereicherung, gerade den fantastischen Dirigenten Rachveli bald wieder in Ingolstadt, etwa als Dirigent des GKO, begrüßen zu können. So könnte kulturelles Engagement einen nachhaltigen Effekt erhalten. Aber es gab weit mehr zu bewundern an dieser Festivalrunde: etwa Lisa Batiashvilis Interpretation von Schostakowitschs erstem Violinkonzert in einer Weise, die nur als Kriegserklärung mit musikalischen Mitteln gegen das brutale kriegsführende Regime Vladimir Putins verstanden werden kann. Ein hochemotionaler Beitrag – auch wenn ein solch mächtiges Konzert für ein Open-Air-Event völlig ungeeignet ist. Oder das Abschlusskonzert mit einem glänzend disponierten hr-Sinfonieorchester Frankfurt, das eine wirklich fantastische Darstellung von Mahlers erster Sinfonie auf die Bühne brachte.

Aber fast noch erstaunlicher war der Oboist François Leleux, der das übermenschlich schwere Konzert „Extase“ von Qigang Chen spielte – vielleicht der virtuose Höhepunkt der Sommerkonzerte. Oder die düsteren Werke, die der kleine Wunderkomponist und -pianist Zedginidze in seinem Klavierabend spielte.

Die Emotionen kochten immer wieder hoch und das, obwohl fast ausschließlich zeitgenössische Musik oder Werke aus dem 20. Jahrhundert auf dem Programm standen – also eine Musik, der lange nachgesagt wurde, dass sie für das Publikum unverständlich sei. In diesem Sinne hat Lisa Batiashvili in ihrer letzten Runde als künstlerische Leiterin der Sommerkonzerte Mut bewiesen – Mut in ihrem gesellschaftlichen Engagement, in der kühnen Werkauswahl, bei ihren eigenen unglaublich eigensinnigen und wilden Interpretationen. Genau damit hat sie die Ingolstädter mitgerissen.

Allerdings nicht allzu viele Musikfreunde, denn das Festival war mit insgesamt 20000 Zuhörern eher schlecht besucht. Bei Audi rätselt man noch, woran das lag. „Wir haben damit gerechnet, dass es schwer sein würde, den Festsaal zu füllen, aber dass am Ende immer wieder so viele Sitze frei blieben, hat uns doch überrascht“, sagt Sebastian Wieser. Eine Rolle mag gespielt haben, dass die Corona-Krise immer noch schwelt. Und: Der Rückgang beim Publikum spiegelt einen bundesweiten Trend wider. Zahlreiche Veranstalter (auch in Ingolstadt) beklagen, dass die Musikfreunde nicht mehr so zahlreich die Konzerte besuchen wie vor der Epidemie.

Was nach Lisa Batiashvilikommt, ist völlig offen

Bei den Sommerkonzerten 2022 galt es auch, nach vier Festivalrunden Abschied zu nehmen von der künstlerischen Leiterin Lisa Batiashvili. Diese Jahre waren von der Corona-Krise überschattet. Aber Audi und Batiashvili haben immer das Beste aus der komplizierten Situation gemacht. Zu Beginn der Epidemie, im April 2020 lockte sie mit einem Solidaritätskonzert mitten in den Produktionshallen der Firma Hunderttausende Menschen vor die Computerbildschirme bei einem Streaming-Konzert. Zwei Festivals mussten mit erheblichen Einschränkungen stattfinden – und waren dennoch hochkarätig besetzt und erfolgreich. Und nun ein mutiger Abschied voller Leidenschaft.

Was nach Lisa Batiashvili kommen wird, ist beim Audi-Kulturteam noch nicht völlig entschieden. „Es gibt viele Überlegungen“, sagt Brigitte Urban, „aber noch ist nichts spruchreif. Sicher ist nur, dass es weitergehen wird.“

DK