Theater Mummpitz bei den Theatertagen
Dämonen im Kopf

Viel Beifall für „Plötzlich tief im Wald“ im Kleinen Haus

13.06.2024 | Stand 13.06.2024, 17:00 Uhr |

Auf Spurensuche: Maja (Christine Mertens) und Mati (Michael Bang) suchen nach den verschwundenen Tieren. Foto: Ott

Gäbe es die Lehrerin nicht, wüssten die Kinder nichts von Kühen und Pferden, Schafen und Hühnern, Hunden und Katzen. Denn seit vor vielen Jahren in einer merkwürdigen Nacht alle Tiere aus dem Dorf verschwanden, hat man hier nie wieder Bellen, Muhen oder Wiehern vernommen. Ja, nicht mal das Summen von Bienen oder das Sirren von Mücken. Tiere? Fast könnte man sie für einen Mythos halten. Die Erwachsenen meiden das Thema. Aber Lehrerin Emanuela zeigt den Kindern Bildern von Tieren, lehrt sie ihre Stimmen – und wird dafür verspottet.

Maja und Mati beschließen, das dunkle Geheimnis ihres Heimatdorfs zu ergründen. Wohin sind die Tiere aus dem Dorf verschwunden? Und warum? Und weshalb reagieren die Erwachsenen so seltsam auf ihre Fragen über die Vergangenheit? Die flüstern was von Nehi, dem Dämon. Und lassen die Kinder nachts nicht aus dem Haus. Trotzdem begeben sich die beiden, ausgerüstet mit Mikrofon, Aufnahmegerät und viel Mut, auf eine abenteuerliche Recherche-Reise.

Mit „Plötzlich tief im Wald“ nach einer Erzählung von Amos Oz gastierte das Nürnberger Theater Mummpitz am Mittwochabend im Rahmen der Theatertage im Kleinen Haus – und zog das Publikum sofort in seinen Bann.

Michael Bang und Christine Mertens schlüpfen in die Rollen von Mati und Maja, gehen auf Spurensuche, führen Interviews mit ihren Eltern, fangen Geräusche ein – oder auch die Stille. Sie hören sich alte Kassetten und Tonbandaufnahmen an und machen selbst Aufnahmen – von träumenden Kindern oder singenden Verliebten. Sie trauen sich sogar in den dunklen Wald, weil sie neugierig sind und mutig und zu zweit – und gehen dem Geheimnis auf den Grund.

Regisseurin Sabine Zieser hat das wunderbar spannend in Szene gesetzt. Märchenhaft ist die Bühne von Maria Pfeiffer: Bretterwände einer alten Hütte mit einer zerbrochenen Fensterscheibe, Postkarten von Tieren, Kassettenhüllen auf dem Regal, in der Mitte ein Tonbandgerät und daneben zwei Hocker. Ein perfekter Ort für zwei Kinder, um ihrer Detektivarbeit nachzugehen. Das Sounddesign von Elena Zieser und Niklas Kammermeier sorgt mit verwehten Echos, Dräuen, Dröhnen, Wummern, Knarren für jede Menge Gruselmomente, die aber immer wieder von den beiden Schauspielern mit Leichtigkeit und Witz aufgelöst werden.

Am Ende schaffen sie es nur mit Hilfe des Publikums, die Tiere wieder ins Dorf zu locken. Und haben – wie das Publikum – etwas gelernt: über Kränkungen und Traurigkeit, über Dämonen im Kopf, über Außenseiter und den Umgang miteinander, über die Macht der Worte und den Wert der Freundschaft. Langer Applaus.

DK