39. Bayerische Theatertage
Am Samstag ziehen artistische Stelzenläufer durch die Ingolstädter Innenstadt

28.05.2024 | Stand 29.05.2024, 15:00 Uhr
Sabine Busch-Frank

Imposante Erscheinung: „die Stelzer“. Foto: Haugk

Unübersehbar sind „die Stelzer“, wenn sie auf ihren bis zu 160 Zentimeter hohen Holzstelzen stehen. Kostümiert und choreographiert ziehen sie die Blicke auf sich. Am Samstag sind sie zwischen 11 und 15 Uhr mit mehreren Auftritten auf dem Ingolstädter Theatervorplatz und in der Innenstadt zu sehen.



Was im Theater und bei den Theatertagen passiert, nach außen unter Passanten und Unbeteiligte zu bringen, ist ihre Mission.

Sie setzen weniger auf stupende Artistik, wie etwa der zeitgenössische Zirkus, sondern betonen die theatralen Momente ihrer Arbeit. Die exponierte Spielsituation, die jeden Spielenden und jede Spielende inmitten des Publikums gleichsam auf ein Podest hebt, nutzen sie, um gesellschaftlich Relevantes zu diskutieren oder zumindest Anstöße dazu zu geben.

Auch mit 60 steht Wolfgang Hauck noch auf Stelzen

Mit der hier gezeigten Produktion „Haute Couture“ gibt sich die in Landsberg am Lech beheimatete und in der ganzen Welt auftretende Formation allerdings eher opulent.

Die ästhetische Inszenierung hat sich auf den Laufstegen Luxus geborgt: „Bei diesen Kostümen kostet der Meter Stoff etwa 400 Euro, wir brauchen 11 Meter pro Kostüm!“, erzählt der künstlerische Leiter Wolfgang Hauck (60). Der vielseitige Künstler, gebürtiger Geisenfelder, hat sich 1993 in das Theater auf Stelzen verliebt und steht auch heute noch selbst auf den Stelzen.

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Die Gruppe, die ihr zweites Standbein beim venezianischen Carnevale hat, hat verschiedene szenische Formate entwickelt und professionalisiert: Den Walking Act, der in Opulenz und Choreographie Aufmerksamkeit auf sich zieht, Schauspielproduktionen auf Stelzen und Jugendprojekte. Für letztere war Hauck auch schon in Krisen- und Kriegsgebieten im Auftrag des Auswärtigen Amtes und Goethe-Institut im Einsatz.

Kulturelle Intervention zur Belebung der Innenstadt

Dass jeder Auftritt im öffentlichen Raum unterschiedlichen Gegebenheiten und nicht planbarer Witterung ausgesetzt ist, aber auch die Reaktionen des Publikums Überraschung bereit halten, lässt keine Routine aufkommen.
„In Marokko hatten wir Menschenaufläufe von 5000 bis 8000 Zuschauern, da konnte die Polizei unsere Absperrungen nicht mehr sichern“, erzählt Hauck. „In Bayern wird eher fotografiert und geschaut, wenngleich wir auch hier mit dem Publikum interagieren. Früher hatten wir Auftritte inmitten der Stadt, wie jetzt hier bei den Theatertagen, vor allem in norddeutschen Industriestädten.

Da waren kulturelle Interventionen für die Belebung der Innenstadt gefragt. Solche Auftritte kommen nun mehr und mehr auch aus Süddeutschland. Unsere Spezialität ist, unerwartete Situationen zu nutzen. Das funktioniert immer und durchbricht den Alltag.“

Die Bühne auf zwei Beinen, welche die Künstler mit jedem Schritt installieren, ist übrigens ganz traditionell aus Lederriemen und Fichtenholz gearbeitet. Die verschiedenen Modelle unterscheiden sich über die Höhe und die Art der Standfläche. So steht man sicherer, wenn der ganze Schuh fest an der Stelze verankert ist, kann aber dynamischer agieren, wenn der Fuß nur auf dem Klotz steht.

Fallen? – „Wenn es dramaturgisch notwendig ist“

Schon nach einem Workshop-Wochenende können die meisten Jugendlichen auf den Stelzen stehen und gehen. Die virtuosen Stelzenläufer der Profitruppe proben für ihre Darbietungen etwa ein bis drei Jahre.

Auf die Frage, wann er selbst das letzte Mal unfreiwillig von seinen Stelzen abgestiegen ist, lacht Hauck: „Das ist verboten. Wir ,fallen‘ nur, wenn es dramaturgisch notwendig ist.“
Die Stelzer sind am 1. Juni von 11 bis 15 Uhr in der Ingolstädter Innenstadt und am Theatervorplatz unterwegs.