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Von Liebe, Leid und Lebenslust

erstellt am 04.10.2005 um 21:22 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 14:18 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Sie singt Lieder, die in ihrer Heimat für Männerohren tabu sind. "Ich darf im Iran nicht vor männlichem Publikum als Solistin auftreten. Das ist strikt verboten", sagt Maryam Akhondy. Um nach der islamischen Revolution trotzdem ihrem Beruf nachgehen zu können, emigrierte die in Teheran geborene Sängerin 1986 nach Köln. Seither präsentiert sie auf deutschen Bühnen eine ganz besondere Facette persischer Musikkultur: Frauenlieder, die im Laufe der vergangenen Jahrhunderte – meist im Verborgenen – komponiert und gesungen wurden und im harten, von Männern dominierten Alltag des Landes als musikalisches Ventil weiblicher Sehnsüchte, Lebensfreude und Trauer dienten.
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Jetzt waren Akhondy und drei Sängerinnen ihres persischen Frauenchors Banu in der gut besuchten Neuen Welt in Ingolstadt zu Gast und gaben ein Konzert, das im Rahmen der Künstlerinnentage ein erstes musikalisches Glanzlicht setzte. Schon beim Wechsel vom heiteren Auftaktstück "Shirin" zur melancholischen zweiten Ballade wurde die expressive Bandbreite der Musik Akhondys und ihrer Kolleginnen deutlich. "Shirin" – auf deutsch übersetzt "das süße Mädchen" – hat geheiratet, und alle Männer beklagen, dass die Schöne plötzlich vergeben ist.

Fast schon spöttisch besangen die vier Frauen dieses Szenario und begleiteten sich auf Schlaghölzern und orientalischen Handtrommeln mit peitschendem Rhythmus. Der Gesang glich dabei, typisch auch für nachfolgende Stücke, einem lebhaften Tratsch unter Freundinnen. Wie einen Ball spielten sich die Frauen ihre Soli zu, die stets in ein lautstarkes Unisono mündeten.

Ein drastischer Stimmungswechsel dann in der anschließenden Ballade, die vom Unglück einer Frau handelt, die von ihrem Geliebten betrogen wurde. Wie eine süße Duftwolke entfalteten sich die arabesken Modulationen Maryam Akhondys bis in die hintersten Winkel der Neuen Welt und hüllten das Publikum in einen wohligen Klangmantel.

Vor allem Akhondy gelang es, die von ihr besungenen Gefühlswelten auch durch eine mitreißende Mimik und Gestik überzeugend auszudrücken. Etwa wenn sie bei traurigen Passagen ihre Augen schloss oder bei flotteren Stücken selbstbewusst ihre Hand in die Hüfte stemmte.

Fast so inspirierend wie die Musik waren die Moderationen. Zu jedem Lied wurde eine Geschichte erzählt, die neben einer deutschen Kurzusammenfassung des Textes auch Einblicke in die Mentalität der Menschen zwischen Kaukasus und arabischer Halbinsel gab. Da erfuhr man von den "verrückten Aserbaidschanern", die ihre Angebeteten mit überschwänglichsten Komplimenten beglücken, ebenso wie vom überambitionierten Treueverständnis mancher iranischer Männer: "Wenn Du mich rauswirfst komme ich durchs Fenster, und wenn Du mir die Beine abhackst, komme ich kriechend zu dir zurück!" 90 Minuten voll bissigem Humor, exotischer Magie und musikalischer Entdeckungen. ? Jens van Rooij

Donaukurier
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