Absurditäten unserer Zeit

Gabriele und Thomas Neumaier stellen in Ingolstadt ihre hintersinnigen Objekte und Fotografien aus

18.09.2022 | Stand 18.09.2022, 19:55 Uhr

Mitten in der Harderbastei steht das „Mobil Home Office“ von Thomas Neumaier. Foto: Luff

Von Robert Luff

Ingolstadt – Gabriele und Thomas Neumaier lassen ihre Objekte, Bilder und Fotografien sprechen. Die beiden erzählen von längst verlorenen Alltagsgegenständen, von Büchern und Schriften, deren Sprache langsam aus der Materie herausfällt, zerrinnt oder sich mit neuem Sinn auflädt. In der Städtischen Galerie in der Harderbastei sind im Rahmen der „Kunststücke“, einer gemeinsamen Reihe von BBK und Kulturreferat, ihre einzigartigen Werke zu sehen, die man als Botschaften des Alltags wider das Vergessen unseres kollektiven Kulturguts in einer digitalisierten Welt sehen kann.

Zur Eröffnung sprach Kulturreferent Gabriel Engert und stellte die zentralen Fragen, um die auch die Werke kreisen: Wohin verschwinden unsere gemeinsamen Geschichten? Und was sagen diese verlorenen Geschichten über unsere Gesellschaft aus? Werkzeuge und Geräte, Schreibmaschinen, in Wasser getränkte Bücher und immer wieder Fotografien eines sich langsam auflösenden Alltags dokumentieren die ganze Absurdität unserer Gegenwart und den Verlust von Identität.

Gabriele und Thomas Neumaier erläuterten das Konzept ihrer gemeinsamen Ausstellung: Geschichte ist für sie ein ambivalenter Begriff: auf der einen Seite Historie und Faktenwissen, das sich aber im Zeitalter der „alternativen Fakten“ immer mehr auflöst. Auf der anderen Seite die Erzählungen, die auch fiktiv sein können, wie der Plural Geschichten zeigt. Mit diesen beiden Facetten des Begriffs spielen die beiden Künstler, beobachten ihre Umgebung messerscharf und fangen mit der Kamera oder in Gegenständen ein, was sie sehen. Ein Schuss Humor und Ironie ist dann oft dabei, wenn etwa eine Triumph-Schreibmaschine ihrer Tastatur weitgehend beraubt wird und nur noch die Buchstabenfolge „O-R-D-N-U-N-G“ erkennen lässt. Mit dieser Maschine sind die Möglichkeiten, neue Geschichten zu schreiben, doch sehr begrenzt.

In der Mitte des Ausstellungsraums thront monumental ein ausrangierter offener Anhänger, in dem Thomas Neumaier sein „Mobil Home Office“ installiert hat – inklusive Schreibtisch, Karteikasten der 50er Jahre, Schreibmaschine und Corona-Maske. Das Objekt scheint aus der Zeit gefallen zu sein, ebenso wie die schmucklose und triste Häuserfassade auf dem Foto, die den Schriftzug „Kosmetik“ trägt (Gabriele Neumaier). Oder die Texte Gabriele Neumaiers, auf denen sie Miniaturfiguren aus dem Modellkasten gruppiert, die als Maler, Bauarbeiter und Putzfrauen Hand anlegen und ganz analog mit Spitzhacke und Besen an den Texten herumhantieren. Diese Installationen tragen Titel wie „Textbaustelle“, „Text säubern“ oder „Text streichen“ und weisen auf die Doppeldeutigkeit heutiger Fake News hin, die hier im wortwörtlichen Sinne dargestellt werden.

Viele der ausgestellten Kunstwerke, Objekte und Fotos verraten eine Leichtigkeit der Künstler im Umgang mit der Wirklichkeit und zaubern dem Betrachter ein Lächeln auf die Lippen: Ein „Geschichtenfänger“ besteht aus einem aufgerollten Fliegenfänger, auf dessen Leim sich Hunderte von Buchstabennudeln angesammelt haben (Thomas Neumaier). Manchmal mischt sich aber auch Irritation in den Blick, wie beim Foto „Sachgebiete“ von Gabriele Neumaier, das im Landratsamt Kelheim aufgenommen wurde und auf einem Hinweisschild in einem Atemzug die Abfallwirtschaft, Ausländer und Standesamtwesen nennt, die man allesamt im ersten Stock findet. Oder das Foto jenes halb abgerissenen Plakats mit der Aufschrift „Die Würde des Menschen …“ und dem herabgerissenen Rest des ersten Artikels unseres Grundgesetzes, der so optisch Lügen gestraft wird.

Die Vielfalt der ausgestellten Exponate von Gabriele und Thomas Neumaier ist nur schwer zu fassen, ihre künstlerische Bandbreite nahezu unerschöpflich. Wie etwa kommt man auf die Idee, die Standardwerke von Marx, Lenin und Mao-Tse-Tung wochenlang in ein Aquarium zu legen und sie anschließend in ihrer Auflösung von Papier, Bindung und Buchdeckel zu präsentieren („Hydrophobische Objekte I bis III“)?

Auf den Fotos von Gabriele Neumaier fehlen oft entscheidende Buchstaben, die dem so abgelichteten Objekt eine völlig neue Bedeutung zuweisen. Besonders deutlich wird dies beim Foto einer ehemaligen Kunstmühle in der Nähe von Neumarkt, bei der das „L“ fehlt und so das neue Wort „Kunstmühe“ kreiert. Diese verlorenen Momente fängt die Ausstellung des Künstlerpaares sprachlich und künstlerisch ein und zwingt den Betrachter zum Innehalten und zur Reflexion. Die Menschen brauchen diese Momente, um sich immer wieder ihrer selbst zu vergewissern.

DK


Harderbastei Ingolstadt: bis 9. Oktober, Do bis So von 11 bis 18 Uhr. Gabriele und Thomas Neumaier sind am 9. Oktober anwesend.