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Zwischen Triumph und Todesangst

erstellt am 08.10.2009 um 20:05 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:39 Uhr | x gelesen
Augsburg (DK) Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" ist Literatur des Krieges. So jedenfalls versteht das Stück Jan Philipp Gloger in seiner Augsburger Inszenierung: Die Bühne ist ein Schlachtfeld, der Aufmarschplan das einzige Dekor, und selbst die Liebe trägt hier Uniform. So kann, so muss man Kleist, dessen radikales Leben, Werk und vor allem dessen radikale Sprache wir vielleicht bis heute nicht richtig verstanden haben, lesen. Und ebenso radikal ist die Umdeutung von Glogers Schluss.
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"Träum ich? Wach ich? Leb ich? Bin ich bei Sinnen" André Willmund brilliert als Prinz Friedrich von Homburg. - Foto: Theater Augsburg
So kann, so muss man Kleist, dessen radikales Leben, Werk und vor allem dessen radikale Sprache wir vielleicht bis heute nicht richtig verstanden haben, lesen. Und ebenso radikal ist die Umdeutung von Glogers Schluss.

Schon die Traumszene ganz am Beginn bekommt bei ihm eine unheimliche Ambivalenz. Denn um den Prinzen, der sich da schlafwandlerisch den Lorbeerkranz aufsetzt, reihen sich die Recken Kottwitz und Hohenzollern, die Kurfürstin, die Prinzessin, ja der Kurfürst selbst, und sind von diesem somnambulen Caesar angezogen, huldigen dessen Führerkult um sich selbst, spiegeln sich im Größenwahn – bevor sie aufwachen und das Stück eigentlich einsetzt.

Jan Philipp Gloger hat dem Augsburger Publikum schon einen bemerkenswerten Clavigo" und eine wunderbare "Emilia Galotti" beschert und dabei die Klassiker so frisch gegen den Strich gebürstet, als wären sie gerade erst geschrieben. Mit André Willmund als Prinz und Karoline Reinke als Prinzessin hat er dabei sein Traumpaar aus der "Emilia" wieder auf der Bühne und knüpft nahtlos an den Lessing-Erfolg an.

Vor allem Willmunds Spiel adaptiert Glogers Ästhetik der ironisch-pathetischen Gesten, der kleinen Brüche und so beredten Pausen mit wunderbarer Selbstverständlichkeit. Da ist er der wache Träumer, der, Wahn und Wirklichkeit verwechselnd, gegen den ausdrücklichen Befehls des Kurfürsten in die Schlacht am Fehrbellin-See stürmt, den Sieg gegen die Schweden dadurch erringt, aber trotzdem zum Tode verurteilt wird. Da ist er der sorglose Sieger, der nicht an den Vollzug des Urteils glaubt, im nächsten Moment aber schon das erbärmlich winselnde Häufchen angesichts des eigenen Grabes; da ist er der selbstvergessene Liebende, der flugs die Geliebte aufgibt, wenn er dadurch sein Leben retten kann; da ist er schließlich der Gereifte, der die Rechtmäßigkeit des Urteilsspruchs anerkennt – und eben deshalb begnadigt werden kann.

Und da sind jene, die um ihn kämpfen, ihn retten wollen, und zerrissen werden zwischen den widerstreitenden Loyalitäten, ihrer Verpflichtung gegenüber dem Freund, dem Geliebten, dem Fürsten. Die Kameraden, deren Zwiespalt Alexander Koll und Tjark Bernau mit anrührender Verzweiflung zeigen, Klaus Müller, der das Bestehen auf dem Recht immer auch als Philosoph, nicht nur als Fürst und Soldat versteht, und schließlich Karoline Reinke. Zwischen ihr und Willmund knistert es, der Magnetismus der Erotik ist allgegenwärtig – während im Hintergrund die Kanonen donnern.

Obwohl auf der Bühne dunkle Leere herrscht, gelingen Gloger im Verbund mit den Schauspielern immer wieder Momente größter Intensität und starke Bilder. Nicht zuletzt der Schluss: Die Figuren fallen zurück in die albtraumhafte Sehnsucht nach dem Führer des Anfangs, unheilvoll hallen Heil-Rufe durch den Raum – nur ausgerechnet der Träumer, der Prinz, er bleibt als einziger unbeteiligt: ernüchtert, aufgewacht. Er steht da, schweigt – und der Krieg geht weiter.

Weitere Vorstellungen: heute sowie am 10., 16., 18. und 30. Oktober.

Von Berndt Herrmann
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