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Zeitgenössische Künstler zeigen "My Private Paradise" im Neuen Kunstverein Pfaffenhofen

Wunderkammer und Erinnerungsort

Pfaffenhofen
erstellt am 27.06.2018 um 22:24 Uhr
aktualisiert am 27.06.2018 um 22:24 Uhr | x gelesen
Pfaffenhofen (DK) Was bedeutet Paradies?
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Fotos: Fehr
Pfaffenhofen
Für jeden einzelnen? Was für die Gesellschaft? Was der Verlust dessen? Aus welchem Paradies wurden wir vertrieben, in welcher Welt leben wir heute? Wonach sehnen wir uns? Der Neue Kunstverein Pfaffenhofen stellt unter dem Motto "My Private Paradise" - inspiriert von den Pfaffenhofener Paradiesspielen - unter der Federführung der Professoren Wolfgang Ellenrieder und Thomas Rentmeister von der Braunschweiger Hochschule der Künste Werke ehemaliger Studenten aus. Und so viel vorneweg: Adam, Eva, ein Apfel oder eine Schlange kommen nicht vor. Stattdessen geht es um das Idyll, die Bedrohung und die Zerstörung dessen, um Erkenntnis, Verlust, um Leben und Tod, um Abschottung, um Offenheit, um das kleine Glück, um die globalisierte Welt. Die Künstler setzen das vielschichtige Thema überzeugend und mit einer großen Bandbreite an Werken um.

Blickfang in der Weite der Kunsthalle ist die tunnelgleiche Installation aus Natodraht von Daniel Wolf, die viele Assoziationen evoziert: Flucht, Rettung, Abschottung, Verzweiflung. Serena Alma Ferrario greift mitten ins Leben in all seinen Facetten. Die Italienerin begeistert mit ihrer großzügigen und gleichermaßen kleinteiligen Installation, in der sie Zeichnung, Fotografie, Projektionen, Worte und Dinge raffiniert kombiniert und komplexe Erzählstrukturen schafft. Miniaturszenen, Schattenbilder, Pappfiguren, Eistüten, Sequenzen von Meer, Landschaften, persönlichen Wohnsituationen vernetzt sie spielerisch, visualisiert Lebensfreude, Vergänglichkeit, Werden und Vergehen.
Vielschichtige Positionen zum Paradies: Die eindrücklicke Installation aus Natodraht stammt von Daniel Wolf (oben). Das Paradies wird abgeschottet. Auf eine Erinnerungsreise schickt Serena Ferrario den Besucher (links). Und Stella Förster gestaltet eine aberwitzige, hoffnungslos überfüllte Wunderkammer.
Vielschichtige Positionen zum Paradies: Die eindrücklicke Installation aus Natodraht stammt von Daniel Wolf (oben). Das Paradies wird abgeschottet. Auf eine Erinnerungsreise schickt Serena Ferrario den Besucher (links). Und Stella Förster gestaltet eine aberwitzige, hoffnungslos überfüllte Wunderkammer.
Fotos: Fehr
Pfaffenhofen



Stella Förster ist eine exzessive Sammlerin, die in ihrer großflächigen Installation "Cherry Blossom & Baby posh lolly blow", einer begehbaren Wohnung gleich, eine unermessliche Fülle an Objekten und Fundstücken aufstellt. Eine Wunderkammer. Ihre quietschbunte Arbeit verführt den Betrachter, sich in diesen rätselhaften Kosmos zu begeben, sich von all den Reizen überfluten zu lassen, sich in dem Dickicht zu verlieren.

Reduziert hingegen arbeitet Paloma Riewe mit ihrer aufragenden Installation aus den Urmaterialien Holz und Ton. Minimalistisch sind die Plastiken von Lisa Seebach, fragile Konstruktionen aus Linie, Masse und Gewicht, die Raum bilden und die mit Keramikteilen geerdet werden. Sebastian Bartel fasziniert unter anderem der Blick ins All. Er bildet Sphären oder Sternenkonstellationen ab, die für das menschliche Auge nicht sichtbar sind. Professor Wolfgang Ellenrieder hat eine seiner Skulpturen aufgebaut. Erst im vergangene Jahr war ein Stelzenhaus vor der Alten Pinakothek in München platziert. Auch die "Moderne Hütte" in Pfaffenhofen ist eine geschlossene, verschachtelte Behausung aus Baumarkt-Materialien und fotografischen Überblendungen. Und sein Kollege, Thomas Rentmeister, zeigt zwei seiner hintersinnigen Großskulpturen.
 
Fotos: Fehr
Pfaffenhofen



Marlene Bart stellt "Darwin 2.0" zur Disposition. Und Rui Zhang nähert sich mit malerischen Mitteln der Welt der Technik und begegnet den großen Maschinen mit einem farbenfrohen Mikrokosmos aus Figuren und Szenen.

André Sassenroth hat ein altes Auto in die Halle gestellt und als mobiles Zuhause ausgestattet: mit Konservendosen, Schlafplatz und einem bunten Allerlei. Kann man alles, was man zum Leben braucht, in einem Auto unterbringen? Was braucht man überhaupt zum Glück? Im Selbstversuch kann der Besucher hier Platz nehmen.

Fabian Lehnert ist ein passionierter Reisender, der in der faszinierenden Wandarbeit "Dschungel" florale und animalische Visionen schafft. Seine Arbeiten erinnern an Naturstudien, an zoologische Enzyklopädien. Auf einem Podest präsentiert er außerdem Naturfragmente wie Knochen, Schädel, Muscheln, Insekten sowie diverse Figuren. Und er hat dem Kunstverein ein bleibendes Werk geschenkt. Spontan hat Fabian Lehnert einen riesengroßen Hasen, "a Hoasn", auf die Fassade der Kunsthalle gemalt. Inspiriert von der wiederholten Begegnungen mit einem Langohr auf seiner Joggingroute auf Zeit rund um Pfaffenhofen. Manchmal liegt das Paradies ganz nah.

My private paradise: bis 29. Juli, Kunsthalle am Ambergerweg 2, Pfaffenhofen. Außer montags von 15 bis 18 Uhr. Morgen kommt im Rahmen der Pfaffenhofener Langen Nacht der Kunst und Musik von 18 bis 22 "Der Kunstkopfmann. Die letzte Reise des Tönefängers Matthias von Spallart nach Amazonien" von Helmut Kopetzky zu Gehör. Weitere Infos unter www. kunstverein-pfaffenhofen. de.
Katrin Fehr
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