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Viele Stücke sind über Wochen ausverkauft - Intendant Weber setzt auf die Ingolstädter Kammerspiele

"Wir können nicht noch mehr spielen"

Ingolstadt
erstellt am 07.12.2018 um 19:18 Uhr
aktualisiert am 07.12.2018 um 20:26 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Ausverkauft! Wer in Ingolstadt ins Theater gehen möchte, braucht manchmal viel Geduld. Vor allem die Produktionen in den kleinen Spielstätten sind über Wochen hinweg ausgebucht: "Gras drüber" im Kleinen Haus etwa, der Hildegard-Knef-Abend im Studio oder der Liederabend "Achtundsechzig". Schon vor dem Premierenabend gibt es oft keine Karten mehr für die nächsten Vorstellungen. Im Jungen Theater ist die Lage sogar noch angespannter. Mehr spielen? Geht nicht, sagen Intendant Knut Weber, Julia Mayr, die Leiterin des Jungen Theaters, und Chefdisponent Rainer Steinhilper.
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Erdrückender Erfolg: Intendant Knut Weber und Julia Mayr vom Jungen Theater beobachten junge Theatergänger.
Erdrückender Erfolg: Intendant Knut Weber und Julia Mayr vom Jungen Theater beobachten junge Theatergänger.
Eberl
Ingolstadt
Herr Weber, läuft es gut für das Stadttheater oder kämpfen Sie mit Kapazitätsproblemen?
Knut Weber: Klar freuen wir uns über das Interesse. Es ist ja keine Selbstverständlichkeit, dass man einen Abend aus dem Studio ins Große Haus holt. Und genau das tun wir mit dem Knef-Abend am 26. Januar. Auf der anderen Seite zeigt es aber auch unsere Probleme. Wir haben keine Spielstätte, die für 200 bis 300 Personen ausgerichtet ist. Genau daran fehlt es. Das betrifft den Abendspielplan, aber besonders das Kinder- und Jugendtheater. Alle Vorstellungen des Jungen Theaters bis Ende des Jahres sind ausverkauft. Es gibt keine Karten mehr - zumindest für die Vormittagsvorstellungen. Das hinterlässt natürlich keinen guten Eindruck bei den Zuschauern. Aber wir können einfach nicht mehr spielen. Entlastung können da nur die neuen Kammerspiele bringen.

Frau Mayr, wie ist denn genau die Situation im Jungen Theater?
Julia Mayr: Wenn wir zusammenrechnen, an wie vielen Tagen wir überhaupt spielen können, kommen wir auf 126 - nach Abzug der Ferien und der Zeit, in der wir die Werkstatt für Endproben benötigen. Und ab Mitte Juni kann man aufgrund der Hitze nicht mehr dort spielen. Also: Von 126 möglichen Vorstellungstagen spielen wir an 125 Tagen. Zusätzlich gibt es 50 mobile Vorstellungen. Nicht zu vergessen die 37 Märchenvorstellungen im Großen Haus - mit mehr als 20000 Zuschauern. Und die Nachfrage ist riesig. Der Bedarf an Theatervermittlung ist groß, die Schulen fragen Workshops und Nachgespräche an. Auch die Spielclubs laufen gut - die haben überhaupt keinen Raum hier am Haus.

In der Theatervermittlung gibt es seit dieser Spielzeit zwei neue Kolleginnen.

Mayr: Sowohl die Theatervermittlung als auch das Junge Theater wurde ja stetig ausgebaut. Wir haben mir drei Leuten angefangen und sind jetzt ungefähr zu zehnt. Nächste Spielzeit wird auch unser Ensemble um einen Schauspieler erweitert.
Weber: Dass die Theatervermittlung aufgestockt wurde, ist auch ein politisches Signal: Kulturarbeit zählt. Die Theaterpädagogik flankiert unsere Arbeit, schärft das Bewusstsein für Kunst und Kultur. Ein gutes Viertel der Zuschauer - etwa 35000 - sind Kinder und Jugendliche.

Eigentlich haben Sie den Bedarf selbst geweckt, oder?
Rainer Steinhilper: Früher gab es die Differenzierung nach Altersgruppen nicht. Da wurde etwas vom Abendspielplan vormittags für Schulen angeboten und das Weihnachtsmärchen öfter gespielt. Jetzt gibt es eigene Produktionen für Zwei-, Sechs-, Zehn-, Zwölf und Vierzehnjährige. Durch diese altersgerechte Betreuung gibt es auch eine große Nachfrage. So ein Stück wie "Biedermann und die Brandstifter" wäre früher vielleicht im Großen Haus gelaufen. Im Kleinen Haus muss man sechs Vorstellungen ansetzen, damit 600 Schüler untergebracht werden.
Mayr: Knut Weber hat bei seinem Amtsantritt die Situation richtig eingeschätzt: Dass es in dieser wachsenden Großstadt einen Bedarf gibt. Es gibt viele Familien und viele Kinder, aber nur wenig Angebot im kulturellen Bereich. Auch Lehrer und Erzieher nutzen das Angebot dankbar.

Das Junge Theater soll also künftig in die Kammerspiele integriert werden?
Weber: Ja. Ich möchte ein Haus, das für alle Generationen offen ist und eine hohe Aufenthaltsqualität haben. Während der Zeit der Sanierung des Hämer-Baus - so ist unser Vorschlag - sollen die Kammerspiele Raum für 400 Besucher bieten. Nach der Sanierung kann man diesen Raum reduzieren auf 250 bis 300 Plätze. Und es gibt eine bespielbare Probebühne, die für das Junge Theater genutzt werden soll. Danach muss man sehen, wie es weitergeht. Denn die Frage, ob die Werkstatt nach der Sanierung überhaupt noch zur Verfügung steht oder für andere technischen Dinge gebraucht wird, ist noch offen.

Frau Mayr, was wären die perfekten Voraussetzung, um gutes Theater für junges Publikum zu machen?
Mayr: Wichtig ist ein Raum für 200 bis 300 Leute. Mehr dürften es gar nicht sein. Denn die Intimität ist ja auch eine Qualität des Jungen Theaters. Trotzdem gibt es Stücke, die mehr Platz benötigen - allein für das Bühnenbild. Und auch Stücke, die für größeres Publikum angelegt sind. Aber das gilt nicht für jedes Stück. Deshalb wären eigentlich zwei Räume gut - ein großer und ein kleinerer mit vielleicht 70 Plätzen.

Zuletzt sollen Teile der Politik  den Bau der Kammerspiele noch einmal in Frage gestellt haben. Brauchen wir die Kammerspiele überhaupt? 
Weber: Wir brauchen sie dringend. Unser Haus platzt aus allen Nähten, weil wir einen zeitgemäßen Theaterbetrieb ausrichten müssen. Und darauf ist das Theater von seiner Architektur nicht ausgerichtet. Die Situation wird immer schwieriger. Das, was wir brandschutztechnisch derzeit aufrüsten, dient dazu, das Theater betriebsbereit zu halten, ist aber nicht dafür geeignet, das Theater in die Zukunft zu führen.

Was würde passieren, wenn die Kammerspiele nicht gebaut werden? Gibt es einen Plan B?
Weber: Nein.

Könnten Sie im Zelt spielen?
Weber: Nein, das wäre keine Option. Das will auch kulturpolitisch niemand, weil sich das auch nicht rechnet.

Was würde Ihnen besser gefallen: ein frei stehendes Gebäude oder ein Anbau an das Theater?
Weber: Ein freistehendes Gebäude in unmittelbarer Nähe zum Stadttheater ist wahrscheinlich die realistischste Lösung. Es wird schwer sein, aus Gründen des Denkmalschutzes, unmittelbar an das Theater anzubauen.

Selbst wenn eines Tages die Kammerspiele stehen werden: Längere Zeit wird dann das Stadttheater wegen Sanierung geschlossen sein. Wie wird der Spielbetrieb dann aussehen?
Weber: Nur wenige haben auf dem Schirm, dass allein der Umzug vermutlich ein halbes Jahr dauern wird. Dann werden wir mit Müh und Not unser Abosystem aufrechterhalten können. Deshalb sollen die Kammerspiele auch 400 Plätze haben, so groß ist etwa die Anzahl der größten Reihe unserer Abonnenten. Insgesamt haben wir über 5000 Abonnenten. Wir werden mit Hochdruck im Kleinen Haus weiterspielen müssen. Auch da muss man unter Umständen noch über eine Aufrüstung nachdenken. Wir werden sehr improvisieren müssen.

Suchen Sie schon nach Ausweichspielstätten in der Stadt?
Steinhilper: Das ist schwierig, so lange der Zeitraum, für den diese Räume gebraucht werden, nicht feststeht.

Die Spielplan-Situation ist ja jetzt bereits sehr angespannt. Wie sieht die Situation erst aus, wenn das Stadttheater wegen Sanierung schließen muss?
Weber: Wir werden auf jeden Fall das Angebot reduzieren müssen. Wir müssen aufpassen, dass uns die Abonnenten erhalten bleiben.
Steinhilper: Das könnte gerade in dieser Zeit ein starkes Argument für ein Abo sein. Denn für diese Theaternutzer können wir planen. Sonst ist der Publikumsandrang schwer zu kalkulieren.

Wie marode ist eigentlich das Kleine Haus? Inzwischen gibt es wenigstens Duschen für die Schauspieler.
Weber: Und es gibt Toiletten. Aber ja: Die Situation ist angespannt, je nach Produktion.

Steinhilper: Zumindest durch das etwas größere Platzangebot als im Studio ist es etwas leichter eine Karte im freien Verkauf zu bekommen. Wir rechnen damit, dass im Kleinen Haus und im Studio etwa 60 Plätze durch Abonnenten belegt sind. Dann gelangen im Kleinen Haus immerhin noch rund 30 Karten in den freien Verkauft, im Studio aber nur zehn.

Warum funktioniert eigentlich das Stadttheater als Kulturinstitution so hervorragend? Verraten Sie Ihr Erfolgsgeheimnis?
Weber: Dass das Ensemble besonders gut ist, hat sich herumgesprochen.

Steinhilper: Die Extras wie der Futurologische Kongress und die Downtown-Projekte machen auch Menschen mit gewissen Schwellenängsten neugierig. Und: Sowohl im Jungen Theater als auch für die Erwachsenen ist für alle im Laufe des Jahres irgendwann mal etwas dabei, was sie interessiert. Bis hin zu den Musiktheatergastspielen. Die Mischung macht es. Das macht uns so attraktiv.
Weber: Und Formate wie der Futurologische Kongress sorgen dafür, dass wir ein gutes Standing in der Stadt haben.
Steinhilper: Da sind wir quer durch die Bevölkerung Gesprächsthema. Nur Abo-Programm zu bieten, das reicht heute nicht mehr.

Ihr Vertrag läuft noch zwei Spielzeiten. Werden Sie verlängern?
Weber: Das kommt darauf an, wie es mit den Kammerspielen weitergeht.

Die Fragen stellten Anja Witzke und Jesko Schulze-Reimpell.
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