Freitag, 25. Mai 2018
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Auftakt des Eichstätter Festivals "LiteraPur18": Peter Stamm liest aus seinem neuen Roman

Wenn die Zeitebenen verschmelzen

Eichstätt
erstellt am 15.05.2018 um 21:18 Uhr
aktualisiert am 15.05.2018 um 22:57 Uhr | x gelesen
Eichstätt (DK) "Ich habe dieser Romanfigur viel von meinem Leben geliehen - wie man eine Hose oder ein Hemd verleiht, vom Inneren ist nichts von mir, es ist nur das Äußere, der Held steht mir daher nicht besonders nahe!
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Peter Stamm liest im ?International House? der Universität Eichstätt aus seinem Roman ?Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt?.
Peter Stamm liest im "International House" der Universität Eichstätt aus seinem Roman "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt".
Foto: Buckl
Eichstätt
" Mit dieser energischen Aussage mochte der Schweizer Erzähler Peter Stamm am Montagabend das zahlreich erschienene Publikum wohl ein wenig überrascht haben. Stamms Lesung aus seinem neuen Roman "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" eröffnete im "International House" der Universität das Lesefestival "LiteraPur18", das eine Woche lang renommierte Autorinnen und Autoren nach Eichstätt bringt.

Mit drei höchst virtuosen Gitarrenstücken begleitete Jazz-Gitarrist Rudi Trögl die Lesung.
In dem neuen Roman "Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt" geht es um einen Schriftsteller, sodass die Frage nach den autobiografischen Bezügen nahelag. Stamm trägt daraus mehrere Passagen aus den einführenden Kapiteln vor, in der auf irritierende Weise das Motiv des Doppelgängers eine Rolle spielt - in diesem Fall sogar eher das eines Doppelgänger-Paares. Denn da ist einerseits eine aktuelle Liebesbeziehung zwischen Lena und Chris, in der sich aber eine frühere Beziehung zwischen dem hier vernehmbaren Ich-Erzähler Christoph und seiner früheren Geliebten Magdalena spiegelt. Nun aber trifft der gealterte Ich-Erzähler auf die junge Lena, die ihrer Vorgängerin gleicht - und ihrerseits einen Freund hat, der Schriftsteller ist. Die Handlung spielt in Stockholm, und mit entwaffnender Ehrlichkeit gibt Stramm gleich eingangs zu Protokoll, dass er darin einen schwedischen Begriff verwende, den er leider selbst nicht aussprechen könne - nämlich "Skogskyrkogarden" - "aber das ist der Waldfriedhof in Stockholm", erklärt Stamm dazu, er werde das schwedische Wort einfach in der deutschen Übersetzung gebrauchen. An diesen Ort also bestellt der Ich-Erzähler Lena, die übrigens Schauspielerin ist, um ihr von einer 14 Jahre zurückliegenden Begegnung zu erzählen, die dazu geführt hatte, dass er das Schreiben aufgegeben hat.

Die Figuren und Zeitebenen verschmelzen auf irritierende Weise, Stamm verlangt seinem Publikum einiges an Konzentration ab, wenn Gegenwart und Erinnerung ineinander gleiten und mit philosophischen Reflexionen über das Wesen, die Grenzen und Möglichkeiten der Liebe verwoben werden.

Doch offen äußert er sich im Podiums-Gespräch mit Moderator und Festival-Organisator Michael Kleinherne auch zu seiner Poetologie, etwa auf die eingangs genannte Frage nach den autobiografischen Bezügen des Textes. Wie er auf das Motiv des Doppelgängers kam? Die Antwort ist denkbar knapp: "In meinen Büchern kamen schon immer Doppelgänger vor", das sei für ihn ein geläufiges Motiv. Wie lange er an diesem Werk gearbeitet habe, fragt ihn Kleinherne weiter: Von Autoren wie Uwe Timm wisse man ja, dass er 13 Fassungen eines Romans anlegte. Stamm dagegen schreibt "gar keine Fassungen, nur eine erste, an der ich immer weiter arbeite und ändere". Fassungen seien wohl eher ein Fall aus den Zeiten der Schreibmaschinen. Weiter äußert sich der Autor zu seinem "reduzierten Stil", den er aber nicht auf amerikanische Vorbilder bezogen sehen möchte.

Und wie seine Romanfigur in einer weiter vorgetragenen Lesepartie habe er auch selbst schon mal eine Lesung in seinem Heimatort gegeben, aber das mache er nicht gerade gern: "Da kennen mich manche noch als Kind, sind Besucher im Publikum mit meinen Bekannten bekannt - das gibt der Lesung eine zweite Ebene, die ich nicht mag! " Um dann hinzuzufügen: "Da lese ich schon lieber hier in Eichstätt! "

Dass Stamm diese Lesung offenbar selbst gefiel, war sicher auch das Verdienst von Gitarrist Rudi Trögl, der mit Stücken wie "There will be another You" kongenial spontan das Doppelgänger-Motiv aufgriff.

Das Festival "LiteraPur" dauert noch bis 18. Mai. Programm unter: www. ku. de/literapur.
Walter Buckl
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