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Solisten der Münchner Philharmoniker geben ein grandioses Konzert beim Konzertverein Ingolstadt

Von Barock bis Fake-Barock

Ingolstadt
erstellt am 11.12.2018 um 19:44 Uhr
aktualisiert am 11.12.2018 um 19:48 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Weihnachtskonzerte sind sich meist irgendwie ähnlich. So verblüfft es nicht, dass die beiden Konzerte zum Fest des Georgischen Kammerorchesters und des Konzertvereins Ingolstadt mit fast den gleichen Mitteln arbeiteten - was Programm und Besetzung betrifft. In beiden Fällen stand Barockmusik im Zentrum, der prachtvolle Klang einer Trompete verlieh beiden Abenden besinnlichen Glanz. Und natürlich wurde Arcangelo Corellis unverwüstliches "Weihnachtskonzert" aufgeführt.
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Geschmackssichere Interpreten: Solisten der Münchner Philharmoniker im Ingolstädter Festsaal.
Geschmackssichere Interpreten: Solisten der Münchner Philharmoniker im Ingolstädter Festsaal.
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Ansonsten? War alles sehr anders. Denn die Solisten der Münchner Philharmoniker, die der Konzertverein engagierte, ließen sich in einem weit höheren Maße auf die Erfordernisse der historischen Aufführungspraxis ein. Das ist insofern erstaunlich, als das Mutter-Orchester, die vor 125 Jahren gegründeten Münchner Philharmoniker, sich eigentlich nicht gerade als Barockorchester einen Namen gemacht haben.

Die knapp 15 Musiker im Festsaal spielten zwar auf modernen Instrumenten, der Klang, den sie erzeugte wirkte allerdings im besten Sinne historisch informiert.

Das war sofort beim Einstieg in das Concerto grosso von Corelli spürbar: Heftig, warm, kraftvoll der fast rezitativisch anmutende Vivace-Einstieg - und dann: das Grave in unglaublich leisen, schwebenden, fast erstarrten Klängen zelebriert. Trotz der kleinen Besetzung ergab sich ein extrem dynamischer Effekt, nicht weil die Musiker anfangs so laut spielten, sondern weil sie das zarte Grave so unglaublich zurückhaltend gestalteten. Der Temperamentsausbruch des folgenden Allegro stürmte um so lebhafter in den Saal. Die Münchner Musiker spielten den ganzen Abend über ohne Dirigenten, die Leitung übernahm Konzertmeister Sreten Krsti?. So war es für die Musiker noch wichtiger aufeinander zu hören. Und gerade das führte zu besonderen Momenten der Spannung: wie sich die Musiker, die manchmal solistisch agierten, die Motive zuwarfen, wie sie aufeinander reagierten. Jeder Satz des Corelli-Konzerts erhielt so eine besondere Stringenz, eine Linie, wie man sie bei größeren Ensembles eher selten erlebt.

Kaum weniger mitreißend das Konzert d-Moll RV 127 von Antonio Vivaldi. Bei der sehr einfachen, aber effektvoll strukturierten Musik, sind dynamische und klangliche Akzente extrem wichtig, sie machen die Musik überhaupt erst interessant. Und auch das gelang den Münchnern vorzüglich.
Noch ungewöhnlicher spielte das Kammerorchester zwei Werke von Johann Sebastian Bach. Das Doppelkonzert d-Moll für zwei Violinen und Orchester wirkte dabei fast so, als wären die Musiker auf Speed. Schneller als die Münchner den Kopfsatz musizierten, kann man das wahrscheinlich überhaupt nicht bewältigen. Leider gingen so auch manche Finessen und viel Charme dieser Musik im Rausch der Geschwindigkeit unter. Auch das Largo spielten die Musiker, als gäbe es etwas zu gewinnen, wenn man als erster den Schlussakkord erreicht. Lediglich beim Allegro war das fetzige Tempo angemessen. Viel überzeugender geriet dann die berühmte "Air" aus der dritten Orchestersuite. Den Dauerbrenner behandelten die Münchner Solisten gänzlich anders, als man ihn in den Interpretationen der großen Orchester gewohnt ist: nämlich nicht als schwerblütig dahinschwelgendes, samtweiches Besinnungsstück. Vielmehr entdeckte Sreten Krsti? den tänzelnden Charakter dieser Musik, die verborgene Leichtigkeit, die ausdrucksvolle Klangrede jenseits des Schönklanges. So war der so oft romantisierte Bach fast nicht mehr wiederzuerkennen zwischen all den Verzierungen, den Verzögerungen und Beschleunigungen, dem rauen Charme. Großartig!

Solist des Abends war der Trompeter Guido Segers, er spielte Werke von Vivaldi und Vincenzo Bellini - solide, klangschön, keineswegs allerdings so charismatisch und mitreißend wie Reinhold Friedrich beim Weihnachtskonzert der Georgier.

Das Konzert schloss mit einer Rarität, einem echten Rausschmeißer: Charles Avisons Concerto Nr. 3. Der kaum bekannte Barockkomponist hat sehr geschickt drei Klaviersonaten des Klaviervirtuosen Domenico Scarlatti für Orchester bearbeitet und daraus ein Konzert geformt. Der Effekt ist verblüffend. Die Scarlatti-Sonaten gelten bekanntlich als extrem klavieristisch, fast alle großen Pianisten haben sie im Repertoire. Aber Avisons Bearbeitung ist elegant und gekonnt. Und die Münchner Solisten produzierten einen virtuosen Feuersturm, der jeden Zweifel hinwegfegt.

Nach dem begeisterten Beifall des Publikums bedankte sich das Ensemble mit einem weiteren Klassik-Schlager: Dem Adagio, das Tomaso Albinoni zugeschrieben wird, in einer Version für Orchester und Trompete: süffig, gut gespielt - und doch irgendwie falsch. Nach einem Abend wundervoller stilistischer Reinheit ein Ausklang in romantisiertem Pseudo-Barock. Schade eigentlich.
Jesko Schulze-Reimpell
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