Dienstag, 13. November 2018
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Unter dem Motto "Fantasie an die Macht" fragt das Stadttheater Ingolstadt, was von 68 geblieben ist

Start in die neue Saison

Ingolstadt
erstellt am 10.09.2018 um 17:37 Uhr
aktualisiert am 10.09.2018 um 17:38 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Am Anfang gab es ein großes Hallo von allen Seiten - und ein Geburtstagsständchen für Victoria Voss.
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Auf zu neuen Taten: Das Ensemble des Ingolstädter Stadttheaters mit Intendant Knut Weber (hinten, 2. von links).
Auf zu neuen Taten: Das Ensemble des Ingolstädter Stadttheaters mit Intendant Knut Weber (hinten, 2. von links).
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Nach den Theaterferien haben gestern die Theaterleute ihre Arbeit wieder aufgenommen. Und in Ingolstadt ist es Tradition, dass nicht nur der Intendant die alten und neuen Kollegen begrüßt, sondern dass auch die Stadtspitze einen Willkommensgruß sendet. Gleichzeitig wurde das neue Theaterrestaurant "Jedermann" eröffnet.

Bürgermeister Sepp Mißlbeck war in Vertretung der Stadt im Großen Haus erschienen - mit einem "schlechten Gewissen", wie er eingestand. Zum einen sei er nicht für Kultur zuständig, zum anderen, "weil ich ein müßiger Theaterbesucher bin". Immerhin, fügte er hinzu, "gelobe ich Besserung". Er pries das Theater als "wichtigen Eckstein im kulturellen Leben", dankte dem gesamten Team und im Besonderen Intendant Knut Weber als "Herz und Seele und Motor des Theaters" für die kreative Arbeit der vergangenen Spielzeiten und verriet mit Blick auf das Motto "Fantasie an die Macht" seine Neugier auf die kommende Saison: "Das Wort Macht ist für die Kommunalpolitik ein Reizwort. Das lässt also eine spannende Spielzeit erwarten. "

Die Parole "Fantasie an die Macht" war während der Pariser Mai-Unruhen 1968 an den Wänden der Universität Sorbonne aufgetaucht und schnell zum Slogan einer ganzen Generation geworden. 2018 blickt das Stadttheater Ingolstadt zurück auf die 68er-Bewegung und fragt, was aus den Träumen und Kämpfen von damals geworden ist. "Ich glaube, dass die Gesellschaft eine offene Gesellschaft geworden ist, hat viel mit den 68ern zu tun", sagt Intendant Knut Weber. "Damals hat sich ein Aufbruch in Richtung Demokratisierung und Gleichberechtigung vollzogen, der insgesamt das Leben offener gestaltet hat. " Viele Stücke und Projekte spüren den Visionen von damals und ihren Auswirkungen in die Politik und Gesellschaft nach - etwa in Michel Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone" oder in Tobias Hofmanns Liederabend "Achtundsechzig". Auch Mia Constantines Projektentwicklung "Gegen den Hass" nach dem gleichnamigen Essay von Carolin Emcke, mit dem das Junge Theater am 5. Oktober in die Saison startet, ist ein starkes Plädoyer für eine offene Gesellschaft.
 
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Theater könne nie tagespolitisch reagieren, meinte Knut Weber, sondern sich immer nur auf Tendenzen und Strömungen fokussieren. Trotzdem müsse das Theater in der Folge der Ereignisse von Chemnitz Position beziehen. "Ich finde das sehr beunruhigend. Da findet etwas statt, was spaltet", so Weber. Ein Stück wie Georg Büchners "Leonce und Lena", mit dem das Stadttheater die Spielzeit am 29. September im Großen Haus eröffnet, böte sich da an für eine Zeitanalyse. "Gerade die Texte, die aus der Vergangenenheit auf uns herüberstrahlen, können aus der Distanz zum Heute aktuelle gesellschaftliche Analyse ermöglichen. Und mit Christoph Mehler haben wir auch einen sehr politisch denkenden Regisseur. "
Trotz allem sieht Weber die kommende Saison unterhaltsamer und leichter als die vergangene, die "für uns alls sehr anstregend war, und - was die inhaltliche Fokussierung betrifft - sehr entschieden". "Den Themen unserer Zeit mit einem Lachen zu begegnen, ist auch keine schlechte Antwort", meinte er.
Wie erfolgreich das Stadttheater Ingolstadt arbeitet, lässt sich auch daran ablesen, dass es mit "Stella" nicht nur eins von drei Theatern ist, das für den Deutschen Musical Theater Preis nominiert wurde, sondern darüber hinaus auch für die Gesamtleistung zwei Nennungen im renommierten Fachmagazin "Die Deutsche Bühne" erhalten hat.

Herausfordernd war die vergangene Spielzeit natürlich auch wegen des "Futurologischen Kongresses", dessen Realisierung für das ganze Haus ein gewaltiger Kraftakt war. Drei Tage dauerte das überwältigende Infotainment-Spektakel aus Wissenschaft, Forschung, Technik und Kunst mit mehr als 80 Veranstaltungen, das 14 000 Besucher anlockte. In einem speziellen Abend 4.0 im Kleinen Haus sollen nun einige Produktionen geballt gezeigt werden. Und: Eine Wiederholung wird erwogen, verrät der Intendant. "Mit zwei Jahren Vorbereitungszeit war das ein wahnsinniger Kraftakt, deshalb können wir das in der nächsten Spielzeit nicht wiederholen. Ich will nicht vorgreifen, aber es gibt Überlegungen seitens der Stadt, wie man dieses Format dauerhaft für Ingolstadt nutzen könnte. "

Wie jedes Jahr begrüßte Weber auch alle neuen Kollegen aus den unterschiedlichsten Abteilungen. Für das Publikum sind natürlich vor allem die Neuzugänge im Ensemble interessant. Drei sind es insgesamt: Jan Beller studierte zuerst Theaterwissenschaft, Amerikanische Literaturgeschichte und Pädagogik in München und anschließend an der Zürcher Hochschule der Künste Schauspiel und arbeitete zuletzt am Theater Chemnitz. Andrea Frohn absolvierte ein Schauspiel- und Gesangsstudium am Konservatorium Wien. Ihr Weg führte sie über Musical, Theater, Operette bis hin zum Kabarett. 2015 gastierte sie zum ersten Mal in Ingolstadt im "Ballhaus". Jetzt kommt sie fest ins Ensemble. Die dritte im Bunde ist Sarah Schulze Tenberge, die schon an der Berliner Schaubühne spielte, bis sie 2014 ihr Schauspielstudium an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf begann. Sie wird sich in Ingolstadt in "Emmas Glück" vorstellen - nach dem Roman von Claudia Schreiber in der musikalischen Bühnenfassung von Heiner Kondschak.
 

Spielzeitcocktail und Publikumspreis

Mit dem Spielzeitcocktail startet das Stadttheater Ingolstadt am 22. September im Großen Haus in die neue Spielzeit. Dann gibt es  szenische und musikalische Kostproben aus dem Bühnenprogramm der kommenden Monate. Außerdem wird der Rotary-Publikumspreis vergeben.  Der Eintritt ist kostenlos, erwartet wird aber ein Beitrag zum Buffet, an dem sich die Besucher nach der Vorstellung laben können. Die schlechte Nachricht:  Es gibt keine Karten mehr. 
Am Tag darauf findet um 11 Uhr das erste Publikumsgespräch zu „Leonce und Lena“ statt, bei dem das Produktionsteam um Christoph Mehler Einblicke in die Inszenierung gibt. Das erste Premierenwochenende ist dann am 28./29. September mit „Emmas Glück“ im Studio (Freitag) und „Leonce und Lena“ im Großen Haus (Samstag). Der Kartenvorverkauf für die Monate September, Oktober und November startet am Freitag  an der Theaterkasse und online. 

 
Anja Witzke
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