Sonntag, 18. November 2018
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Sebastian Knauer und Sergei Nakariakov sind die Solisten beim Abonnementkonzert des Georgischen Kammerorchesters

Stabübergabe im Ingolstädter Festsaal

Ingolstadt
erstellt am 08.11.2018 um 20:45 Uhr
aktualisiert am 08.11.2018 um 20:50 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Sebastian Knauer hat schon recht: Besser hätte die Stabübergabe vom alten zum neuen Artist in Residence nicht gelingen können.
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Rasanter Schostakowitsch: Sebastian Knauer (Klavier), Sergei Nakariakov (Trompete) und das GKO spielen das erste Klavierkonzert.
Rasanter Schostakowitsch: Sebastian Knauer (Klavier), Sergei Nakariakov (Trompete) und das GKO spielen das erste Klavierkonzert.
Schaffer
Ingolstadt
An diesem Abend standen beide Künstler auf der Bühne, der Pianist und der Trompeter Sergei Nakariakov, und spielten zusammen das erste Klavierkonzert von Dmitri Schostakowitsch. Und man hörte natürlich sofort, was man an diesen außergewöhnlichen Solisten hat, was ihre Stärken sind.

Das Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester ist ein geniales Effektstück, es ist vollgestopft aus intelligenten Anspielungen, Zitaten und Witzen. Es ist ernst und komisch, romantisch und banal, klassizistisch und avantgardistisch, Experiment und plumpe Persiflage. Ein einfach fantastisches Werk. Und Knauer spielte es auch hinreißend, weil er die klangliche Sensibilität besitzt, all die verschiedenen Nuancen dieser Musik herauszuarbeiten: vom Glitzer des Beginns, der tragischen Würde des ersten Themas, dem introvertierten Gesang des Mittelsatzes und der rauhen Härte im Schlusssatz. Aber das kühne Konzert aus dem Jahr 1933 ist auch ein bisschen verrückt, ja anarchisch. Im Schlusssatz gibt es einen Moment, in dem Beethovens "Wut über den verlorenen Groschen" zitiert wird. Und dann scheint das Klavier förmlich zu explodieren. Da allerdings blieb Knauer auf ganz merkwürdige Art zurückhaltend, nicht wild genug. Als wenn er auf Sicherheit spielen müsste und sich nicht völlig verausgaben wolle. Vielleicht lag es daran, dass er auch in diesen Passagen immer noch wie gebannt auf die Noten schaute und so nicht völlig frei agieren konnte oder wollte.

Ganz anders Nakariakov. Sein Ton passte sich perfekt in den konzertanten Ablauf zwischen Orchester und Klavier ein. Überhaupt ist die Kontrolle, die er über sein Instrument hat, atemberaubend. Verblüffend sein Pianissimo, unglaublich, wie er dann die Trompete plötzlich warm, vibratosatt strahlen lassen kann. Und wie elegant er die schwierigsten Läufe meistert. Ein unfassbar souveräner Virtuose. Bravorufe und rauschenden Applaus gab es am Ende für die beiden Solisten. Und Knauer bedankte sich noch mit einer Zugabe: dem d-Moll-Largo von Johann Sebastian Bach (nach Vivaldi). Hier zeigte der Hamburger eine einsame Spitzenleistung. Einfach verblüffend, wie er das Klavier warm wie ein Streichorchester klingen lassen kann, wie er mit minimalen dynamischen Veränderungen eine maximale Wirkung erzielt, wie betörend er die Melodiestimme singen lässt. Man vermisst den scheidenden Artist in Residence bereits jetzt.

Das Stück fiel aus dem Rahmen. Denn eigentlich war der gesamte Abend dem Komponisten Dmitri Schostakowitsch gewidmet. Bei Schostakowitsch denkt man zuerst an den Zusammenhang von Politik und Kunst. Es gibt kaum einen Komponisten, dessen Werk so stark gesellschaftliche Veränderungen reflektiert. Ohne den Stalinismus würde Schostakowitschs Werk vermutlich anders klingen.

So sucht man nach politischen Bezügen - und findet doch nicht allzu viel. Aber vielleicht ist bei Schostakowitsch bereits die Absenz von Politik ein Statement.

Die Kammersinfonie op. 73a etwa (nach dem dritten Streichquartett) aus der Zeit, als Schostakowitsch in der Kritik stand, beginnt klassizistisch, mit unglaublich raffiniert komponierter Kontrapunktik. Und auch der düstere zweite Satz ist vor allem formal überzeugend. Erst im dritten knüpft Schostakowitsch an den Stil der militärkritischen Maschinenmusik an, ein Satztyp, der sich immer wieder in seinem Werk findet. Und in den folgenden Sätzen klingt auch das Orchester plötzlich anders. Die Streicher scheinen zu glühen vor Wehmut und Schmerz. Das Georgische Kammerorchester unter der Leitung von Ruben Gazarian stellte gerade diese Passagen eindringlich, fast schon wie eine intime Äußerung dar.

Mit viel leichterer Hand komponiert sind die "Zwei Stücke für Streichquartett" (bearbeitet für Streichorchester) nach einer Arie aus "Lady Macbeth von Mzensk" und einer zirkushaften Polka aus dem Ballett "Das goldene Zeitalter". Das GKO gestaltete das süffig, augenzwinkernd, voller Verständnis für diese so vielgestaltige Tonsprache. Einfach wunderbar.
Jesko Schulze-Reimpell
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