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Der Zoologe und Bestsellerautor Josef H. Reichholf über die Faszination Schmetterling - Lesung am Sonntag in Pfaffenhofen

"Sie haben alle viel Charmantes an sich"

Ingolstadt
erstellt am 25.10.2018 um 18:50 Uhr
aktualisiert am 07.11.2018 um 10:25 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) In seinem neuesten Buch "Schmetterlinge: Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet", analysiert der Biologe und Bestsellerautor Josef H. Reichholf die drohende Katastrophe und hält ein flammendes Plädoyer für den Schutz der Schmetterlinge. Reichholf, geboren 1945 in Niederbayern, ist Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe, der mit provokanten Thesen wiederholt Aufsehen erregt hat. Am Sonntag tritt er auf der Pfaffenhofener Lesebühne auf.
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Die Kleine Nymphe ist Josef H. Reichholfs Lieblings-Schmetterling ? er hat seine Doktorarbeit über sie geschrieben. In manchen Fällen verpuppen sich die Raupen im Wasser.
Die Kleine Nymphe ist Josef H. Reichholfs Lieblings-Schmetterling - er hat seine Doktorarbeit über sie geschrieben. In manchen Fällen verpuppen sich die Raupen im Wasser.
Reichholf/Reinhardt/dpa
Ingolstadt



Herr Reichholf, Sie beobachten seit 50 Jahren Schmetterlinge. Was fasziniert Sie daran?

Josef Reichholf: Wenn man mal einem Schmetterling etwas genauer zugeschaut hat, dann wird man ihn faszinierend finden - ob das ein Pfauenauge, ein Schwalbenschwanz oder auch ein Vertreter der sogenannten Motten ist. Sie haben alle viel Charmantes an sich und führen ein ganz anderes Leben, als wir das von den uns näherstehenden Tieren wie den Säugetieren oder Vögeln gewohnt sind.


Haben Sie einen Lieblings-Schmetterling?

Reichholf: Das ist die Kleine Nymphe, ein Wasserschmetterling, über den ich meine Doktorarbeit verfasst habe. Das ist eine ganz spannende Schmetterlingsgruppe, von der es bei uns nur wenige Arten gibt. Da leben die Raupen am oder im Wasser, in manchen Fällen verpuppen sich die Raupen unter Wasser, und der Schmetterling entsteigt dem Wasser mithilfe einer Luftglocke, die ihn an die Oberfläche trägt.


Sie kritisieren kommunale Pflegemaßnahmen und werfen den Gemeinden mangelndes Naturverständnis vor.

Reichholf: Ja, es wird völlig unnötig gemäht. Sobald ein paar Halme in die Höhe ragen oder Blumen zu blühen wagen, dann wird das wieder wegrasiert. Das ist nichts anderes als Beschäftigung von Maschinen, verursacht Kosten und ist extrem naturschädlich. Wir pflegen der Landwirtschaft vorzuwerfen, dass sie so landwirtschaftet wie sie wirtschaftet, weil sie Erträge erzielen will. Aber bei diesen Pflegemaßnahmen, wo nicht nur schmale Ränder gemeint sind, sondern oft ganz erhebliche Flächen, da ist das wirklich ein Skandal, dass der Lebensraum der Schmetterlinge, Wildbienen und Hummeln vernichtet wird.


Manche Kommunen sind ganz stolz auf ihre Blühstreifen.

Reichholf: Das zeigt, wie verfahren die ganze Situation ist. Wenn man mit einem Schild ausweisen muss "Hier ist eine Blumenwiese", dann heißt das, dass sich die ganze Wertvorstellung umgedreht hat. Es geht offenbar primär ums Maschinenbeschäftigen und die sogenannte Sauberkeit und nicht mehr um die Natur. Dass man dort mäht, wo es aus Gründen der Verkehrssicherheit nötig ist, das steht außer Frage. Aber dass man um des Mähens willen mäht und damit einen Haufen Geld sinnloserweise ausgibt, das ist nicht nachzuvollziehen.

 
Reichholf/Reinhardt/dpa
Ingolstadt



Welchen Einfluss hat die Lichtverschmutzung in den Städten?

Reichholf: Das ist ein schwieriges Problem, weil wir bislang nicht genau genug wissen, wie die Lichtverschmutzung im Fall der Schmetterlinge wirkt. Die vorherrschende Ansicht ist, dass das Licht die Tiere orientierungslos macht. Meine langjährigen Untersuchungen in München haben das aber nicht bestätigt. Offenbar finden sich die Schmetterlinge dann wieder zurecht, wenn eine allgemeine Helligkeit vorhanden ist. Es ist ein Unterschied, ob irgendwo eine oder einige wenige starke Lichtquellen die Nacht über strahlen und die Umgebung ansonsten dunkel ist. Dann werden die Tiere vom Licht angezogen. Aber wenn in der Stadt viele Lichter eine Grundhelligkeit erzeugen, dann beeinträchtigt das die nachtaktiven Schmetterlinge offenbar nicht.


Was bedeutet der Schwund an Schmetterlingen für das gesamte Ökosystem?

Reichholf: Wir beobachten einen ganz dramatischen Rückgang bei vielen Vogelarten, denn die Insektenfresser hängen ja davon ab, dass Nahrung für sie und ihre Jungen zur Verfügung steht. Die Arten der Feldfluren sind europaweit seit 1990 um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Und das, obwohl es in der EU weite Gebiete gibt, die nur schwach besiedelt sind und kaum landwirtschaftlich genutzt werden. Der Lebensraum der Insekten wird massiv mit Düngemittel und Pestiziden beeinträchtigt und das Leben oft völlig unmöglich gemacht.


Was schlagen Sie vor?

Reichholf: Es muss ein Umdenken der Förderpolitik stattfinden. Würden die Landwirte direkt für Qualität, die sie produzieren und für Leistungen, die die Gesellschaft haben möchte, bezahlt werden, würden das sehr viele gerne machen. Gegenwärtig ist es so, dass diejenigen am meisten von den Fördermitteln profitieren, die großflächig produzieren und möglichst viel Gift einsetzen. Und der größte Teil der Subventionen bleibt gar nicht in der Landwirtschaft, sonst wären nicht so viele Höfe zugrunde gegangen. Wir subventionieren die internationalen Großkonzerne der Saat- und Chemieindustrie.


Welchen Beitrag kann jeder einzelne leisten?

Reichholf: Das beginnt beim eigenen Garten, auch da lässt sich der Einsatz von Gift praktisch auf null bringen. Es muss auch nicht jedes Rasenstück so gepflegt werden, als ob man darauf Tennis spielen wollte. Es hilft, ein paar wilde Ecken stehenzulassen und möglichst heimische Pflanzenarten zu verwenden, an denen auch die Raupen der Schmetterlinge leben können. Nur einen Schmetterlingsbusch im Garten zu haben, das allein bringt's nicht. Man kann sich auch im kommunalen Bereich engagieren, damit die Stadt- und Gemeindeverwaltungen aufhören, diese unsinnigen Pflegemaßnahmen zu betreiben. Wenn sich Widerstand formiert, dann wird sich eine Änderung einstellen. Das ist so etwas wie eine Bürgerpflicht, das nicht einfach so hinzunehmen, was da mehr oder minder automatisch gemacht wird.


Was erhoffen Sie sich von Vorträgen wie in Pfaffenhofen?

Reichholf: Man hofft, dass solche Leute kommen, die bereit sind, sich zu engagieren, die die Botschaft weitertragen. Dem sogenannten Land muss klargemacht werden, wie die Verhältnisse sind. Wenn man nämlich den Vergleich zur Großstadt zieht, dann schneidet das Land verdammt schlecht ab. Wir haben auf dem Land teilweise eine schlechtere Lebensqualität als vielerorts in den Großstädten. Das kann uns Landbewohnern doch nicht gleichgültig sein.



Josef H. Reichholf liest am Sonntag, 28. Oktober, um 14 Uhr im Festsaal des Pfaffenhofener Rathauses. Karten in allen DK-Geschäftsstellen.


 
Verena Belzer
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