Montag, 10. Dezember 2018
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Regisseur Miguel Abrantes Ostrowski bereitet in Ingolstadt die Premiere einer Komödie von Feydeaus vor

Schwitzen, toben, Unsinn machen

Ingolstadt
erstellt am 05.12.2018 um 19:57 Uhr
aktualisiert am 05.12.2018 um 20:00 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Er ist wohl der falsche Mann für das Stück. Am Freitag wird im Studio im Herzogkasten die Farce "Lauf doch nicht immer splitternackt herum" ihre Premiere feiern. Das Stück des 1921 verstorbenen französischen Dramatikers Georges Feydeau kreist um diesen speziellen Irrsinn, dass in jeder Situation immer noch Unmöglicheres passiert. Die Handlung tastet sich genüsslich an die größtmögliche Peinlichkeit heran, wie die Zunge an den schmerzenden Zahn. Dabei sagt Regisseur Miguel Abrantes Ostrowski (46), ihm selbst sei so schnell nichts peinlich: "Mich kann einfach nichts erschüttern, das ist fast schon ein Handicap."
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Launige Stimmung in der Komödie ?Lauf doch nicht immer splitternackt herum?.
Launige Stimmung in der Komödie "Lauf doch nicht immer splitternackt herum".
Miguel Abrantes Ostrowski
Ingolstadt
Das Stück mit dem prägnanten Titel (den man leicht mit der Verwechslungskomödie "Lauf doch nicht immer weg" durcheinander bringen könnte) ist in drei Sätzen erzählt: Ein aufsteigender Politiker (Enrico Spohn) hat eine Ehefrau (Teresa Trauth), die in aller scheinbarer Unschuld ständig seiner Karriere schadet. Sie blamiert ihn, indem sie im frivolen Hemdchen alle möglichen Besucher empfängt und bringt ihn mit ihrer kruden Argumentation um Sinn und Verstand. Am Ende eskaliert durch aberwitzige Zufälle und Missverständnisse alles zu einem veritablen Skandal.

Doch gerade weil die Handlung so zugespitzt und geradlinig verläuft, hat sie für Abrantes Ostrowski ihren Reiz: "Das ist wie im Jazz, da kann man auch schnell sagen, welche Töne die Melodie ergeben - aber die Purzelbäume dazwischen und das ,wie?' bringen erst den Spaß."

Der gebürtige Düsseldorfer hat als Schauspieler lange mit bekannten Regisseuren wie Thomas Schulte-Michels, Herbert Fritsch, Sebastian Baumgarten, Tina Lanik oder Amelie Niermeyer zusammengearbeitet und nach seinem Engagement am Münchner Residenztheater seine Liebe zum Film entdeckt. Hier kennt man ihn auch aus Serien wie "Rosenheim Cops", "Der Alte" oder "Tatort". Sein Markenzeichen ist der schmal rasierte Schnauzbart des Latino Lovers. Als Regisseur hat er zunächst viel mit Studierenden im Rahmen ihrer Ausbildung gearbeitet und dann an der bayerischen Theaterakademie, am Münchner Metropoltheater sowie am Theater Pforzheim Stücke inszeniert.

In Ingolstadt ist er ein neues Gesicht am Theater, bei der Auswahl des Stückes durfte er aber dennoch mitwirken. Dass er eine Komödie inszenieren würde, stand gleich zu Beginn der Gespräche mit dem damaligen Dramaturgen und Intendanz-Stellvertreter Donald Berkenhoff fest. "Es ist ja nicht generell fraglich, eine Komödie am Stadttheater zu machen. Das ist im Gegenteil hochkomplex. Komisch und präzise zu inszenieren macht viel Arbeit, und man kann hier sein Ensemble in Bestform zeigen, jeder kann um sein Leben spielen, sich verbiegen, sabbern, kriechen. Ich habe als Anspruch, dass der Schauspieler nicht sich selbst abschafft, da bin ich exakt am Gegenpol der derzeitigen ästhetisch-politischen Diskussion."

Und dass es eine der Feydeau-Farcen ist, die bei der Spielplangestaltung, welche viele Faktoren unter einen Hut bringen muss, das Rennen gemacht hat, freut ihn besonders. "Wir haben das Stück im Arbeitsprozess sehr weitergedacht, es gibt im Text viele Verknotungen in Restbeständen, da wird der Absprung aus Feydeau zum Dreifachlooping genutzt. Das ist nah am Dada, immer noch mal Oktave schalten und die Dimension von Klang und Nonsens zu erreichen. Wir haben auch eine schöne Schlusspointe entwickelt, die geht fast in Richtung der ,Ursonate' von Kurt Schwitters."

Einen großen Bühnenaufbau braucht er dafür nicht, ihm reichen skurrile Fett-Suits und markante Kostümzitate, eine schrille Masken und natürlich fünf tolle Schauspieler, die an diesem Abend bereit sind, bis an ihren Grenzen zu gehen und noch einen Schritt weiter. "Die Regisseure in Stadttheaterstrukturen halten die Schauspieler oft klein", findet Abrantes Ostrowski. "Dabei dürsten die danach, dass wieder mehr abgefragt wird. Mehr schwitzen, mehr Handtücher - das macht uns Spielende glücklich. Mit Energie verschwenderisch umgehen, das kann doch so überhaupt nur das Theater. Was Hauptdarsteller Enrico Spohn als Ventroux macht, ist mehr als Hochleistungssport, er hat mindestens zwölf Bälle in der Luft. Der ganze Abend ist getaktet wie eine Lochkarte bei einer Drehorgel."

Schwitzen, toben, Unsinn machen - wie gut, wenn einem Theatermenschen da nichts peinlich ist.

Die Komödie von Georges Feydeau "Lauf doch nicht immer splitternackt herum" hat morgen, 20 Uhr, im Studio des Stadttheaters Ingolstadt Premiere.

Sabine Busch-Frank
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