Montag, 15. Oktober 2018
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Der Geiger Nemanja Radulovic gastiert mit Virtuosenstücken beim Konzertverein Ingolstadt

Schrille Kluft, wilde Musik

Ingolstadt
erstellt am 04.05.2018 um 20:41 Uhr
aktualisiert am 03.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Zu jedem Konzert gehört immer auch ein gewisser Show-Effekt. Das Publikum will schließlich auch etwas für die Augen haben. Beim Geigenvirtuosen Nemanja Radulovic, der am Donnerstagabend im Ingolstädter Festsaal gastierte, kommen die Zuschauer da voll auf ihre Kosten. Der Serbe tritt in schriller Kluft auf, die wilde, lockige Haarmähne ist zurückgesteckt, der Künstler trägt eine hautenge Lederhose und Punk Boots.
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Teuflisch virtuos: Nemanja Radulovic (Mitte) und sein Ensemble Les Trilles du Diable im Ingolstädter Festsaal.
Teuflisch virtuos: Nemanja Radulovic (Mitte) und sein Ensemble Les Trilles du Diable im Ingolstädter Festsaal.
Foto: Schaffer
Ingolstadt
Bevor er spielt, hebt er theatralisch die Arme, vibriert an den Saiten, als müsste der Klang schon vor der eigentlichen Musik geformt werden. Sobald die ersten Töne anschwellen, tigert er über die Bühne, lächelt abwechselnd ins Publikum oder die fünf Musiker seines Ensembles Les Trilles du Diable an. Kein Zweifel, der Mann kultiviert ein Image: das des dämonischen Teufelsgeigers.

Aber dabei bleibt es nicht. Auch musikalisch will Radulovic besonders wild und fulminant sein. Bescheidenheit, Schlichtheit des Klanges, stilistische Reinheit - alles Eigenschaften, die der 32-jährige Supervirtuose lieber seinen seriösen Kollegen überlässt. Das führt dazu, dass der junge Geiger, der 2015 immerhin mit dem Echo-Klassik als bester Nachwuchskünstler ausgezeichnet wurde, permanent übertreibt.

Das beginnt bereits beim Eröffnungsstück des Abends, Fritz Kreislers "Prélude & Allegro" im Stil des Barockkomponisten Gaetano Pugnani - seit Langem ein Dauerbrenner in allen großen Konzertsälen. Radulovic allerdings gewinnt ihm eine neue Qualität ab, indem er noch kraftvoller, noch freier, noch leiser spielt als andere Interpreten. Bereits die ersten Takte nimmt er mit so gewaltiger Gestik und so laut, dass man kaum glauben kann, dass er noch mehr Gas geben könnte im weiteren Verlauf des Stücks. Aber dann wechselt er im Zwischenteil in ein flüsterleises, eisig kühles Pianissimo, um am Ende mit einem fast noch furioseren Finale abzuschließen. Den zweiten Satz dann spielt er in wahrhaft überhitztem Tempo. Vielleicht um seinem Ruf als Teufelsgeiger gerecht zu werden.

Radulovic hat fast nur kurze, reißerische Zugabestücke für sein Konzert ausgewählt, Musik, deren Temperament, Zugkraft und virtuoser Suggestivität man sich kaum entziehen kann. Aber das alles genügt nicht, Radulovic muss alles noch mit einer kräftigen Dosis Gypsy-Temperament aufmöbeln. Das bekommt den Stücken überraschenderweise manchmal durchaus gut.

Das "Adagio & Rondo" von Wolfgang Amadeus Mozart gerät bei dem Serben zwar etwas zu süßlich, die Melodien zerfallen in einzelne Klangeffekte, der große Bogen geht verloren. Anders sieht es aber bei Johann Sebastian Bachs "Chaconne" für Solovioline aus. Radulovic spielt das Stück in einer Fassung mit den fünf Streichern seines Kammerensembles. Und er schlägt dabei ein höllisch schnelles Tempo an. Aber der hochvirtuose Zugriff funktioniert, der Satz verliert etwas von seiner ehrwürdigen Tiefe, gewinnt aber an mitreißender Rasanz. Das begleitende Streichquintett verstärkt ein paar Passagen, platziert da und dort einige Glanzlichter in den Geigenstrom des Serben.

Die "Haberna" aus Pablo de Sarasates "Carmen-Fantasie" klingt bei Radulovic weniger erotisch-verführerisch als angestrengt virtuos. Und in Niccolò Paganinis "Cantabile" verliert sich Radulovic erneut allzu sehr in kleinen Effekten und Manierismen. Wie viel schöner wirkt dieses Stück doch, wenn einfach mit großem Atem die Melodien ausgesungen werden!

Den gleichen Eindruck hinterlässt auch das eigentlich sehr innige Hauptthema aus "Schindlers Liste" von John Williams. Bei Charles-Auguste de Bériots "Scènes de Ballet" handelt es sich hingegen um hochdramatische Theatermusik, die Radulovic? liegt, die er dementsprechend mit großem Schwung und erheblicher Verführungskraft darstellt.

Und dann kommen überhaupt die Werke des Abends, die dem Geiger am besten liegen: "It's a man's world" des serbischen Regisseurs und Musikers Emir Kusturica, ein Werk voller gypsyhafter Energie. Und dann der Schlager aller Roma-Kapellen: Vittorio Montis "Csárdás". Radulovic spielt feurig, stampft mit den Füßen auf, zieht jedes nur mögliche geigerische Register. Und hier passen die ganze Effekthascherei, der Manierismus, die Übertreibungen. Wunderbar. Besser geht es nicht. Oder doch? Als Zugabe geben Radulovic und sein Ensemble noch Abbas "Gimme!, Gimme!, Gimme!", stürmisch, fantastisch, zugleich nordländisch lustig und gypsyhaft hitzig. Wahre Teufelsmusik. Das Publikum springt von den Sitzen, tobt vor Begeisterung wie selten bei einem klassischen Konzert. Kein Zweifel: Damit hat der Serbe bereits sehr viel erreicht.
Jesko Schulze-Reimpell
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