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Mozarts "Le Nozze di Figaro" als musikalisches und sängerisches Festspielglück in Salzburg

Irrungen und Wirrungen im Puppenhaus

Salzburg
erstellt am 17.08.2016 um 19:34 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:46 Uhr | x gelesen
Salzburg (DK) Wer Claus Guths psychologisch tief auslotende, intellektuell-hintergründige "Figaro"-Inszenierung vom Jahre 2011 noch in Erinnerung hat, der reibt sich bei der Regieversion von Sven-Eric Bechtold schon etwas verwundert die Augen. Bevor Markus Hinterhäuser ihn im nächsten Jahr von seiner Interims-Intendantentätigkeit ablöst, sprühte Bechtold in diesem Salzburg-Sommer noch ganz gewaltig vor Energie.
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Salzburg: Irrungen und Wirrungen im Puppenhaus
Komplette Konfusion: Margarita Gritskova, Luca Pisaroni, Paul Schweinester und Anna Prohaska (von links). - Foto: Walz
Salzburg

Nicht nur Schauspieldirektor ist er, sondern zum letzten Mal auch Künstlerischer Gesamtleiter der Organisator und Koordinator aller Produktionen. Daneben fand er freilich noch genügend Zeit, nicht nur als "Doktor" in Thomas Bernhards "Der Ignorant und der Wahnsinnige" aufzutreten, sondern auch den Da-Ponte-Zyklus der drei Mozart-Opern auf die Festspielbühnen zu hieven. Zum Abschied nun nach "Don Giovanni" und "Così fan tutte" die Neueinstudierung von "Le Nozze di Figaro" im Geiste eines Nestroy-Schwanks als Vaudeville aus der Belle Epoque. Mozart-Puristen mögen darüber den Kopf schütteln, doch der Schlussjubel des Premierenpublikums über diese sehr traditionelle, aber mit schier überbordenden Regieeinfällen strotzende Aufführung nahm geradezu frenetische Ausmaße an.

Vom Bühnenbildner Alex Eales ließ sich Bechtold ein putziges Interieur von Graf Almavivas Schloss im architektonischen Aufriss vom Weinkeller über des Grafen und der Gräfin Boudoir sowie Figaros und Susannas neues Domizil im Parterre bis zur Schlossküche und den Domestiken-Räumen im 1. Stock anfertigen. Ein Puppenhaus im XXL-Format, in dem es ständig treppauf, treppab geht und der intrigante Blick durch die Schlüssellöcher der Türen zur selbstverständlichsten Alltagsbeschäftigung des Schlosspersonals gehört.

Den Bund der Ehe wollen Almavivas Diener Figaro und Susanna, die Kammerzofe der Gräfin, mit Genehmigung des Grafen eingehen, der als Repräsentant des Absolutismus Frauen als Freiwild ansieht und vor allem liebesdurstig um Susanna herumscharwenzelt. Und im aristokratischen Badezimmer mit großem Kohlenofen und einer Wanne als Versteck vor dem vor Eifersucht wütenden Grafen schluckt die wegen der Untreue ihres Gatten von Migräneanfällen heimgesuchte Gräfin Tabletten, bis ihr smarter Liebhaber Cherubino erscheint, der die Turbulenzen im Hause Almaviva weiter anheizt.

Ohne jegliche Sozial- und Gesellschaftskritik über das letzte Aufflackern des Feudalismus und das Aufbegehren des "Dritten Standes" am Vorabend der Französischen Revolution tauchte Bechtold seine letztjährige Neuinszenierung dieser "opera buffa" vom Jahre 1786 bei dieser Wiederaufnahme in noch mehr Bühnentrubel und Regiegags. Ein rasant abschnurrendes Panoptikum der Irrungen und Wirrungen, der erotischen Leidenschaften, der Intrigen und Versöhnungen.

Hinreißend jedoch das Sängerensemble. Allen voran die quirlige, voll Spielfreude und weiblichem Selbstbewusstsein schier berstende Anna Prohaska als Susanna mit herrlicher Sopranstimme und Adam Plachetka als ebenso stimmstarker wie auch geschmeidig-baritonaler Figaro. Luca Pisaroni gibt einen eitlen Grafen Almaviva als Möchtegern-Weiberheld in der Midlife-Crisis mit baritonalem Wohlklang ab, während Anett Fritsch mit betörender Sopranstimme und innig-beseeltem Gesang die feinsinnige Gräfin ideal verkörpert. Margarita Gritskova gefällt mit pfiffig-keckem Spiel und strahlendem Mezzosopran als Cherubino, Ann Murray als Marcellina. Dazu der prachtvoll singende und agierende Chor der Wiener Staatsoper und Dirigent Dan Ettinger und die Wiener Philharmoniker - in einem höchst eindrucksvollen und mitreißenden Mozart-Rausch.

Weitere Vorstellungen: 19., 22., 25., 28. und 30. August. Restkarten unter www.salzburgfestival.at.

Von Hannes S. Macher
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