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Philipp Kochheim bringt am Theater Regensburg mit Tänzern mehr Bewegung in das Webber-Musical

Bewegende "Evita"

Regensburg
erstellt am 27.02.2012 um 21:17 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:41 Uhr | x gelesen
Regensburg (DK) Andrew Lloyd Webber und Tim Rice sei Dank: dafür, dass man außerhalb Lateinamerikas mit Argentinien ein wenig mehr assoziiert als Tango, Fußball und Rindersteak, dafür, dass man neben Maradona eine weitere Persönlichkeit des Landes zu kennen glaubt. Evita? Ist das nicht diese Präsidentengattin, die Madonna so ähnlich sah?
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Regensburg: Bewegende "Evita"
Düsteres Tableau: Perón (Patrick Rohbeck), Eva (Moniak Staszak) und der Chor - Foto: Juliane Zitzlsperger
Regensburg
Aus dem kollektiven Gedächtnis ist das holzschnittartige Bild, das der Musicalerfolg aus dem Jahr 1978 von Eva Perón und dem Land zeichnet, das sie von 1945 bis zu ihrem Tod 1952 und weit darüber hinaus polarisierte, kaum zu tilgen. Man kann schon froh sein, wenn es in Neuinszenierungen gewisse Differenzierungen und Farbigkeit erfährt.

Philipp Kochheim gelingt Letzteres ausgerechnet dadurch, dass er die ohne Dialoge aneinandergereihten Nummern weitgehend in einem kalten Mausoleum ansiedelt, das Barbara Bloch mit beeindruckender Wucht auf die Velodrom-Bühne gestellt hat. Der Aufstieg Eva Duartes von der Provinz ins Zentrum der Macht wird konsequent vom Ende her gedacht und erfährt so eine düstere Einfärbung. Der kalkulierte Charme, mit dem sie Perón umgarnt, ist bald verflogen, Selbstzweifel machen sich breit, die dann das berühmte „Don’t Cry For Me, Argentina“ in eine verunsicherte Rückschau verwandeln: Eva singt es nicht vom Balkon der Casa Rosada einem jubelnden Volk zu, sondern in sich hinein, während Bilder aus der Kindheit aufscheinen.

Kochheims Interesse gilt überdies der dramaturgisch heiklen Person des Che, den er als Reporter über die Rolle des kritischen Kommentators hinaus ins Geschehen einzubinden versucht. Seine wohl in der Vergangenheit liegende Beziehung zu Eva bleibt nebulös, aber dank Randy Diamonds vokaler und darstellerischer Klasse entwickelt die Figur eine enorme Präsenz.

Eine besondere Funktion hat der Regisseur den sechs eigens für diese Produktion engagierten Tänzern zugedacht: Während ihre Auftritte als zerzauste und auch geistig derangierte Evita-Doubles für den körperlichen Verfall der First Lady stehen und vor allem am Ende für ein Moment der Verstörung sorgen, bleiben ihre Auftritte als Clowns rätselhaft, so gut sie auch getanzt sind. Schade, dass Kochheim zusammen mit Choreograf Seân Stephens für den Auftritt des Tangosängers Magaldi (ausgezeichnet: Brent Damkier) nicht mehr eingefallen ist, als das, was Lloyd Webber vorgibt, tänzerisch zu verdoppeln. Zumindest optisch macht der Aufmarsch faschistoider Gestalten verschiedenster Provenienz zum ersten Auftritt Peróns (Patrick Rohbeck singt großartig) mehr her.

Überzeugende Tableaus entwickelt Kochheim für die Europareise, die Eva aus einem Riesenrock herauswinkend bestreitet, und für die naive Verehrung aus dem Volk, wenn Kinder das Miniaturkleid der „Santa Evita“ in einer Sänfte umhertragen. Beklemmend das Ende: Die todkranke Eva – dies ist historisch verbürgt – wird in ein Korsettgestell gezwängt und so für das Volk präsentabel gehalten.

Monika Staszak krönt ihr nuancenreiches Rollenporträt mit einer bewegenden Abschiedsrede. Dass ihr Stimmklang viel schöner ist, als es die schrille Aussteuerung glauben macht, ist in den Aufnahmen zu hören, die als Rückblende noch einmal vorüberziehen.

Der mikrofonierte Streicherklang wirkt immer wieder etwas mickrig, ansonsten aber liefert Philip van Buren mit Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters und der Piu Piu Band eine solide Begleitung für das Musical ab, das auch dank der ausgezeichneten Chöre einmal mehr beim Musical-begeisterten Publikum zündet.

Vorstellungen am 2., 3. und 4. März jeweils um 15 Uhr. Am 22., 25. und 26. März, jeweils um 19.30 Uhr. Aufführungen auch im April und Mai.

Von Juan Martin Koch
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