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Burkhard Wittek geht mit seiner schwer rheumakranken Lebensgefährtin auf den Jakobsweg

Gegen den Schmerz

Nichts
erstellt am 27.01.2015 um 18:49 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:44 Uhr | x gelesen
Nichts ist schwerer, als den ersten Schritt zu gehen. Den ersten Schritt, der noch im Kopf stattfindet. Wage ich es, mich auf ein mir unmöglich scheinendes Vorhaben einzulassen – oder zögere ich zu lange? So lange, bis mich der Mut doch noch verlässt
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Nichts: Gegen den Schmerz
Wenn schon das Losgehen ein unfassbar großer Schritt ist: Die schwer rheumakranke Annelie und Burkhard Wittek - Foto: oh
Nichts

Wie schwer eine Entscheidung wie diese sein kann, beschreiben Burkhard Wittek und seine Lebensgefährtin Annelie auf den ersten Seiten von „Rheuma. Jakobsweg – Muy bien!“. Einfühlsam, intensiv und hart, denn sie verschweigen auch die bitteren Momente nicht. Seit Jahrzehnten leidet Annelie an einer schweren Polyarthritis mit Lupus und ist gewohnt, wie gelähmt zu Hause herumzusitzen und wenig bis nichts zu wagen, nur um die Schmerzen zu vermeiden. Und nun kommt er, der Partner und Bewegungsmensch, der Reisebuchautor und begeisterte Fernwanderer – und will sie auf den Jakobsweg locken.

Eine Irrsinnsidee für sie, zunächst völlig indiskutabel, und doch ein Gedanke, der sie nicht mehr loslässt. In kleinen Dosen, auf therapeutischen Kurzwegen, wie er es nennt, machen sich die beiden schließlich auf den Weg. Ein Weg, der von beiden viel abverlangt. Von ihr die Selbstdisziplin, die Eingeschränktheit des eigenen Körpers zu überwinden. Von ihm insbesondere die Gelassenheit, als Prellbock für die emotionalen Wirbelstürme seiner Partnerin herhalten zu müssen.

Langsam, ganz langsam kommen sie voran, mal sind es nur drei, dann wieder sechs Kilometer. Doch plötzlich spürt Annelie, dass der Körper immer mehr mitspielt, dass er akzeptiert, was seine Besitzerin ihm aufzwingt. Ein Gegenentwurf zur bisherigen Situation, als der Körper alles dominierte und Annelie gehorchte.

Die Strecken werden länger, die Tage heißer und Annelie hat ein neues Ziel: „Ich muss mein Gepäck wieder selbst tragen. Ich muss versuchen, dass ich das irgendwann hinbekomme.“

Schritt für Schritt wächst die Rheumakranke aus ihrer passiven Rolle heraus – und schildert das in der ausführlichen „Tageserkenntnis des Rheumatikers“, das den Abschluss jedes Kapitels bildet. Den Löwenanteil des Textes verfasst Burkhard Wittek, für den ein Traum in Erfüllung ging, als er seine Partnerin für die Reise gewinnen konnte. „Sie hat ein neues Leben, eine neue Zuversicht gewonnen, die sie seit Jahren nicht mehr gekannt hatte“, sagt er. Schon aus diesem Grund hat sein neues Buch für ihn eine ganz besondere Bedeutung: „Es will all jene auf den Jakobsweg entführen, die sich nichts mehr zutrauen. Es will zeigen, wie es geht, dass man wieder seinen eigenen Weg gehen kann.“ Eine Botschaft, die ankommt. „Rheuma. Jakobsweg“ ist ein faszinierendes, Respekt einflößendes Buch. Es macht Mut, egal in welcher Lebenslage. Auf jeden Fall lesenswert.

Burkhard Wittek: Rheuma. Jakobsweg. Muy bien! Wiesenburg-Verlag. 271 Seiten, 24,80 Euro.

Von Gerhard von Kapff
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