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Zwischen allen Stilen und Ideologien

Neuburg
erstellt am 11.03.2018 um 18:38 Uhr
aktualisiert am 12.03.2018 um 07:25 Uhr | x gelesen
Neuburg (DK) Das neue Festival NeuburgMusik liebt die Gegensätze: Zu hören gab es fantasievolle Mozart-Sinfonien, ein elektrisierendes Violinkonzert von Thomas Adès, eine Uraufführung von Markus Stockhausen als Performance, Kammermusik und ungewöhnlichen Jazz.
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Mozart Plus 

Virtuosität pur: Augustin Hadelich spielt das Violinkonzert von Thomas Adès.
Mattick
Neuburg
Eigentlich verblüffend, wenn in einem Konzert, bei dem zwei berühmte Mozart-Sinfonien auf dem Programm stehen, ausgerechnet ein Violinkonzert aus dem Jahr 2005, das die meisten Zuhörer noch nie gehört haben, den bei weitem meisten Beifall des Publikums erhält. Was mag das für Konzert sein?

Die kleine Überraschung trug sich beim Eröffnungskonzert des Festivals NeuburgMusik zu. Das Konzert stammt aus der Feder der Briten Thomas Adès (Jahrgang 1971). Auf dem Podium standen das Münchener Kammerorchester unter der Leitung von Clemens Schuldt, die Violine spielte der Supervirtuose Augustin Hadelich. Nun: Das Konzert ist ein Feuerwerk, es ist so hochemotional, so schräg melodiös, so düster und mitreißend, dass man vergisst, dass es sich hier um zeitgenössische, um avantgardistische Musik handelt. Sie klingt bei aller Modernität auch nicht wirklich experimentell, sondern eher so, als wäre sie die letzte stilistische Verästelung der Romantik des 19. Jahrhunderts. Der emotionalen Wucht kann man sich kaum entziehen, wenn im Kopfsatz Geige, Streichorchester und schräge, dunkle Bläser gegeneinander ankämpfen. Höhepunkt ist der langsame Satz, der wie eine tiefgründige Trauermusik daherkommt, in der die Geige sich gegen Fortissimo-Schläge des Orchesters wehren muss, in der sich Spannung aufbaut, bis sie sich in einer gewaltigen Geigen-Eruption vor tiefsten Basstönen gewaltig entlädt. Und der Schlusssatz? Ein abenteuerlicher, verstörender, archaischer Tanz. Hadelichs Virtuosität ist kaum zu überbieten, der Klang seiner Geige so triefend, so berstend vor Intensität, vor wuchtiger Lautstärke, dass einem schier die Worte ausgehen, das noch zu schildern. Sicher, die Blechbläser triumphierten gelegentlich brutal, überdeckten fast die Geigentöne. Aber gerade dieser eigentlich hoffnungslose, erbitterte Kampf um die Töne, machte dieses Drama so ergreifend. 

Moderne kann aber auch ganz anders klingen: Traumschön, zerfließend, wie ein endlos wogender Zustand. Per Nørgårds „Voyage into the golden screen“ wirkt wie ein Abbild einer ruhigen Meereslandschaft mit rhythmisch flutenden Wellen, tröpfelnden Harfenklängen, rauschendem Schlagwerk, fern grollendem Klavier. Aber ein bisschen ist diese Musik leider – so kongenial sie vom Münchener Kammerorchester auch gestaltet wurde – ein kühles Experiment in angewandter Mathematik.

Ganz anders die beiden Mozart-Sinfonien KV 338 und KV 543. Schuldt leitet sie mit lässiger Hand, im Klang angelehnt an vibratoarm musizierende Originalklang-Ensembles, in den Tempi nicht überhetzt und im Ausdruck elegant, voller opernhafter, witziger Effekte. Ein Mozart, der Spaß macht.

 

Duojazznight Inside Out

Gefestigte Beziehung: Markus Stockhausen (Trompete) und Florian Weber ergänzen das Festival mit Jazzklängen.
Erl
Neuburg
Markus Stockhausen und Florian Weber sind ein Traumpaar. Würde man die musikalische Verbindung des Trompeters und des Pianisten auf eine Lebenspartnerschaft übertragen, wären sie wohl aktuell gerade in jener Phase, in der das Vertrauen zueinander gefestigt und das Prickeln in der Beziehung noch frisch ist. Ihnen gehört die DuoJazzNight Inside Out am Samstagabend. Das Publikum im Stadttheater Neuburg – ein paar mehr hätten noch Platz gehabt – hört und spürt diese kreative Schaffensphase. Beide sind WDR-Jazz-Preisträger, beide komponieren, und auch in ihren Notenwerken liegen viele Gemeinsamkeiten. 

„Befreiung“ nennt Stockhausen gleich das erste Stück, und er meint damit das grenzenlos offene Feld, in dem sich die beiden in ihrer Musik bewegen. Die Gedankengänge dieser Freiheit sind zu hören. Sie kommen aus dem Schalltrichter der Trompete und spiegelgleich von den Saiten des Flügels. Der schmucke kleine Konzertsaal ist angefüllt mit vorbehaltloser Anmut im Zusammenspiel der beiden. Wobei Weber ein klein wenig im Nachteil zu sein scheint, denn der Klangumfang des Flügels wirkt trotz aller Virtuosität begrenzt. 
Stockhausens Trompetenklang hingegen scheint keine Grenzen zu kennen. Weder im Tonumfang noch in der Bandbreite der Emotionen, denen er die empfindsamsten Farben gibt. Es sind nicht die gewohnten Klänge des Jazz, die beide in diesem Federspiel mit Tönen ihrem Publikum offerieren. Die „Wild Life Melody“ etwa erklingt hier erstmals vor Publikum, Stockhausen setzt dazu eigens seine Brille auf und schielt noch aufs Notenblatt. Mal umhüllen sie darin die Zuhörer mit einem sinnlich-verträumten Melodienreigen samt tiefgründigen Momenten und wieder rasendem Fingerspiel über die hohen Tasten des Klaviers. Mal zelebrieren sie Töne aus dem Flügelhorn wie Trittsteine über einen spiegelglatten See, über den das Klavier kräuselnde Wellen schickt. 

Auch dem christlichen „Vater unser“ hat Stockhausen Noten gegeben. Anfangs steht noch ein Ton zu jeder Silbe. Doch dabei bleibt es nicht. Beide zerpflücken das Thema in Phrasierungen und lassen schließlich den Klängen genügend Zeit, zur Ruhe zu kommen. Im Publikum entfachen sie am Ende des Abends mit ihrem ganz eigenen, intuitiven Dialog frenetischen Jubel und müssen mit mehreren Zugaben dafür einstehen. 

 

Beethoven Plus

Munterer Beethoven: Solisten des Münchener Kammerorchesters im Stadttheater Neuburg.
Mattick
Neuburg
Es gab ein Zeitalter, als die großen Kammermusikbesetzungen, Septette, Oktette, ungeheuer populär waren. Das war Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Musik für diese Formationen war fast immer unterhaltsamer Natur. Die Komponisten orientierten sich an der Volksmusik, manchmal, in den Harmoniemusiken auch an populären Opernmelodien, und schrieben muntere Sätze ausgehend von Walzern, Ländlern, Menuettes. In diesen Rahmen passt auch das muntere Septett von Ludwig van Beethoven mit seiner freundlichen Melodienseligkeit, die Welten entfernt ist vom humanistischen Anspruch der Sinfonien. 
Die Solisten des Münchener Kammerorchesters spielten im Stadttheater Neuburg die sechs Sätze flexibel und gewitzt, warfen sich die Motive zu, imitierten Phrasierungen, ließen sich im belebten Schlusssatz mitreißen vom Drive der Komposition.

Aber die großen Kammerensembles können auch anders klingen. Zwei Konzerte im Rahmen von NeuburgMusik loten die Möglichkeiten dieser Besetzung aus, ergründen Tradition und Innovation. 
Man kann das musikalische Erbe annehmen – oder ihm ausweichen. Letzteres trifft eher auf die Komposition „Perspectives of Perception“ von Markus Stockhausen zu, die am Samstag uraufgeführt wurde. 
Cello und Kontrabass sitzen auf der Bühne und spielen einen einzigen Ton. Kurz darauf erscheinen die anderen sechs Musiker, Horn, Fagott, Violine, Klarinette und Bratsche, und produzieren tonloses Rauschen. Bis plötzlich alle zu einer Akkordfolge zusammenfinden. Das geschieht immer wieder in dem kurzen Werk: Chaos und Struktur wechseln sich ab, improvisierte Passagen, die das musikalische Geschehen bis an die Grenze des Geräuschhaften erweitern, treten streng geformten Abläufen gegenüber. Genau das macht den Reiz des Werks aus. Dabei wird eine neue Welt erfahrbar, jenseits der traditionellen Klassik, aber auch weit entfernt von Jazz und Pop.

Jörg Widman greift in seinem 2004 komponierten Oktett dagegen die Tradition auf. So klingt der Satz „Intrada“ wie der verfremdete dramatische Beginn einer romantischen Sinfonie und erinnert mit seiner wuchtigen Rhythmik an Beethovens Pathetique-Sonate. Das klingt wie BrahmsBeethovenSchubert durch einen Standmixer gedreht und offenbart dadurch die hochgestimmte Essenz dieser Musik. Das Menuetto wiederum bezieht sich auf heitere Sätze von Beethoven und Schubert. Das „Lied ohne Worte“ reizt den Begriff der Melodie bis an die Grenzen des Möglichen aus. Und das Finale ist ein quirliger Rückgriff auf vergleichbare Sätze der Romantik oder Klassik. Alle drei Werke klangen spannend. Noch reizvoller wurden sie, weil sie zusammen aufgeführt wurden und sich ergänzten.
Jesko Schulze-Reimpell und Lorenz Erl
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