Donnerstag, 21. Juni 2018
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Werke von Schubert und Mayrhofer in Neuburg

Eine starke erste Festivalrunde

Neuburg
erstellt am 12.03.2018 um 19:24 Uhr
aktualisiert am 12.03.2018 um 21:27 Uhr | x gelesen
Neuburg (DK) Der Abschluss ist in gewissem Sinne wieder eine Rückkehr an den Ausgangspunkt der beiden Kammermusikabende. Zwei Oktett-Konzerte fanden im Rahmen des Festivals NeuburgMusik statt. Startpunkt der musikalischen Erkundungstour war am Samstagabend das berühmte Septett von Beethoven, dann sprang die Konzertdramaturgie zur Uraufführung von Markus Stockhausens experimentellem "Perspectives of Perception", ging weiter zu Jörg Widmanns Oktett, das sich motivisch an Schubert und Beethoven orientiert, um am zweiten Abend mit einem weiteren populären Klassiker des Genres zu enden, Schuberts gigantomanischem Oktett, das ebenfalls eine explizite Auseinandersetzung mit dem Beethoven-Vorbild ist.
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Der zweite Abend begann jedoch mit einem zeitgenössischen Werk, mit Gregor A. Mayrhofers "Lageder Oktett" aus dem Jahr 2017 - ein Exkurs in ganz andere Klangregionen. Denn der junge Komponist knüpft keineswegs an das Oktett-Schaffen von Beethoven und Schubert an, die klassische musikalische Tradition leuchtet dennoch in ganz anderer Weise in seinem Werk auf.

Das kleine Stück startet markant mit einem Pizzicato. Dann umkreisen die Musiker einen Grundton, den sie schwingen und mäandern lassen, bald rasen Glissandi durchs Klangfeld wie fliegende Bomben. Es dauert lange, bis die Musik zwischen flüsterleisem, geräuschhaftem Flageolett und geheimnisvoll-dramatischem Tremolo zu einem fast romantischen Motiv findet, sich sehr plötzlich aufbäumt zu wagnerianischer Wucht. Das alles ist stimmungshafte, bildhafte Musik, Musik, die wir heute gut begreifen können, weil wir ähnlich karge Klänge aus der Filmmusik kennen.

Aber was für ein Gegensatz zur weichen, verbindlichen und melodienseligen Tonsprache des Schubert-Oktetts! Die Solisten des Münchener Kammerorchesters spielten beide Werke mit gleicher Leidenschaft. Aber vielleicht gelang ihnen der Schubert noch ein wenig emotionaler: Faszinierend etwa die liedhafte Melancholie des zweiten Satzes, der muntere Rhythmus des "Allegro vivace", das Romantisch-Sehnsüchtige des Variationensatzes, der volkstümliche Witz des Menuetto und die Verve des Schlusssatzes. Die musikantische Freude übertrug sich unmittelbar auf das Publikum, das vor Begeisterung kaum aufhören wollte, das Ensemble mit Bravorufen zu feiern.

In der Tat: Dem künstlerischen Leitungsteam mit dem Klarinettisten Stefan Schneider, dem Bratscher Kelvin Hawthorne und dem Neuburger Komponisten Tobias PM Schneid ist eine grandiose erste Festivalrunde geglückt. Gelungen ist zum einen das Konzept der Konzertreihe: Die Konfrontation von Tradition und Avantgarde lässt erspüren, wie sehr auch zeitgenössische Werke Formmuster und Gedankengut der Klassik und Romantik aufgreifen und verarbeiten. Die Konzerte waren spannend, vor allem aber eine Schule des Hörens - auch dank der zahlreichen Einführungen. Und dann, zum anderen, die Interpreten: Ein besser geeignetes Ensemble für die Musik zwischen Klassik und Gegenwart als das Münchener Kammerorchester lässt sich wahrscheinlich auch weltweit kaum finden. Die Trumpfkarte des Festivals allerdings war der Solist: Augustin Hadelichs geradezu akrobatische, expressive Deutung von Thomas Adès' genialem Violinkonzert "Concentric Paths" geriet zur einsamen Sternstunde. Ein starker Start für das Festival. Es verdient, im kommenden Jahr fortgesetzt zu werden.

Von Jesko Schulze-Reimpell
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