Sonntag, 18. November 2018
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Christian Stückl inszeniert die "Siegfried"-Uraufführung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel in München

Schräger Heldenmythos

München
erstellt am 29.03.2015 um 19:27 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:44 Uhr | x gelesen
München (DK) Wild wabert der künstliche Nebel über den Walkürenfelsen. Geliebt und gemordet, gestritten und gesoffen, gezickt, gelogen und intrigiert wird auf diesem Schicksalshügel ohn’ Unterlass, dass die Fetzen nur so fliegen.
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München: Schräger Heldenmythos
Wüstes, urkomisches Gebräu: Jakob Geßner (Siegfried) und Magdalena Wiedenhofer (Kriemhild) in „Siegfried“ in der Inszenierung von Christian Stückl am Münchner Volkstheater - Foto: Declair
München

Und wenn Siegfried, die Lichtgestalt und der unbesiegbare Recke, den unter dem Gesteinsbrocken versteckten, schnaubenden Monsterdrachen ersticht, dabei das Blut in riesigen Fontänen spritzt und „Sigis“ Spießgesellen das Tier nach Wilderermanier ausweiden, da rockt die Band mit dem beziehungsreichen Namen „Fafnir Club“ das Volkstheater.

Bei Wotan, welch ein wüstes Gebräu hat Christian Stückl als Regisseur aus dieser schrill-schrägen Nibelungen-Persiflage hier zusammengemixt: Comic-Fetzen und Faschingsgaudi, Travestie und Trash, Mummenschanz und Klamauk. Vor allem jedoch ist diese schier überbordende Inszenierung eine pralle Hommage an das Kiefersfeldener Bauerntheater, wo Laienschauspieler zum Gaudium des Publikums in die Vollen gehen und als Knallchargen so grenzenlos naiv agieren dürfen, dass die Kulissen wackeln und die Lachmuskeln überstrapaziert werden.

Nur: Drei Stunden Dauerbespaßung durch eine hemmungslos auf die Bühne geklatschte Trivialschmonzette sind letztlich nicht nur zu viel, sondern auch ermüdend. Die Hälfte hätte es auch getan, zumal diese mit nicht wenigen Zoten durchtränkte, radikal verhackstückte Nibelungen-Paraphrase der beiden Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel einige Durchhänger aufweist. Und manche Szenen sind so witzig auch nicht, wie dies der Intendant des Volkstheaters als Regisseur dieser Soap mit (über-)reichlich Quatscheinlagen zu übertünchen versucht.

Wenn der grimme Hagen (Paul Behren) als Siegfried-Mörder beispielsweise als tapsiges Asterix-Double durch die Gebirgslandschaft stolpert (Bühnenbild und Kostüme: Stefan Hageneier), Magdalena Wiedenhofer mit blondem Langhaar und feuerrotem Schlitzkleid Kriemhild als liebestoll-doofes Partygirl karikiert, Siegmund (Frederic Linkemann) als Operettenkönig in Kapitänsuniform herumstolziert oder (am schlimmsten) Robert Joseph Bartl als kraftstrotzender und blutrünstiger Tunten-Haudegen die Brunhilde verkasperlt, da verwischen sich die Grenzen von der Comedy zum Schmierentheater schon ganz gehörig.

Wenigstens sonnt sich Jakob Geßner ebenso brillant in der Rolle des sportiven Siegfried-Helden zwischen herrlich schnöseligem Muttersöhnchen und laszivem Lover wie der zwergwüchsige Jona Bergander als Alberich eine brillante Studie über die Überlebensstrategien eines Underdogs abgibt. Und die Band schnulzt und rockt dazu zwischen Hildegard Knef und AC/DC, zwischen Mendelssohn-Bartholdys verjazztem „Hochzeitsmarsch“, Richard Wagners „Walkürenritt“ als Hip-Hop-Nummer und fetzigen Kompositionen des „Fafnir“-Bandleaders Tom Wörndl. Zum Schluss verhaltener Jubel des Premierenpublikums für die skurrile Uraufführung, die freilich auch das Zeug zum neuen Kultstück des Volkstheaters hat.

Vorstellungen am 2., 4. und 26. April. Kartentelefon: (0 89) 5 23 46 55.

Von Hannes S. Macher
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