Mittwoch, 17. Oktober 2018
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Zum Jubiläum der Zeitschrift "Das Gedicht" demonstrieren Dichter in München

Poeten für Menschenrechte

München
erstellt am 26.10.2017 um 18:57 Uhr
aktualisiert am 26.02.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
München (DK) Dieses Flugblatt enthält keine politischen Parolen, sondern Verse und Gedichte. Anton Leitner hält einen Stapel der DIN-A4-Flyer in der Hand und verteilt sie auf dem Münchner Marienplatz an Passanten. Der 56-Jährige hat eine gelbe Amnesty-International-Weste übergestreift, aber er tut auch an diesem sonnigen Nachmittag das, was er sich zur Lebensaufgabe gemacht hat: Lyrik unter die Menschen bringen.
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München: Poeten für Menschenrechte
Protest für die Poesie: Der iranische Autor Said liest auf dem Münchner Marienplatz, neben ihm hält Anton Leitner das Plakat. - Foto: Jerabek
München

Dieses Mal ist es Poesie mit politischer Note.

Zum 25. Geburtstag seiner Zeitschrift "Das Gedicht" hat der Verleger und Schriftsteller aus Weßling zusammen mit seinem Poeten-Kollegen Ludwig Steinherr und Amnesty International eine Dichter-Demo für Menschenrechte und Meinungsfreiheit organisiert. Fast 20 Autoren aus dem In- und Ausland trommelten sie dafür zusammen. Beginnend mit Melanie Arzenheimer aus Eichstätt, der Präsidentin der Münchner Literatenvereinigung "Turmschreiber", tragen sie reihum Gedichte vor. Ein knappes Dutzend dieser Texte ist auf dem Flugblatt zu finden.

Es ist eine bunt gemischte Dichtertruppe: von der 20-jährigen Jana Mathy aus Heidelberg bis hin zum 70 Jahre alten Said, dem Ex-Präsidenten des PEN-Zentrums Deutschland. Leitner rezitiert auf Bairisch, der russisch-irische Autor Anatoly Kudryavitsky aus Dublin auf Englisch, beim Wiener Performancekünstler Semier Insayif fließen ein paar arabische Wörter mit ein. Die Gedichte kreisen um Themen wie Unterdrückung und Fremdenfeindlichkeit, um Zivilcourage und Menschenwürde. Es sind Verse, die aufrütteln wollen, zuweilen aber auch schmunzeln lassen.

Leitner hat es sich zur Aufgabe gemacht, keine abgehobene, sperrige Lyrik zu verbreiten, sondern möglichst viele Menschen anzusprechen. "Unsere Zeitschrift hat immer auch zu gesellschaftlichen Themen Stellung genommen", begründet der Herausgeber im Gespräch mit unserer Zeitung die Dichter-Demo. "Wir können Poesie nicht nur im Elfenbeinturm betreiben, sondern müssen auch hinausgehen und auf die Leute zugehen."

Trotz des Trubels auf dem Marienplatz gelingt es, die Neugier von ein paar Dutzend Passanten zu wecken. Immer wieder bleiben Frauen und Männer stehen und hören sich ein paar Verse an. Einige unterschreiben auch die ausliegenden Amnesty-Petitionen für Meinungsfreiheit in der Türkei und die Abschaffung der Todesstrafe in Ghana.

Dem Glockenspiel um 17 Uhr am Rathausturm lauscht zwar eine um ein Vielfaches größere Menge als den Gedichten, Steinherr zeigt sich trotzdem sehr zufrieden mit dem Publikum auf dem Marienplatz. "Wir hatten gedacht, dass wir viel mehr ins Leere lesen", ruft er ins Mikrofon.

Anschließend ziehen die Dichter ins Literaturhaus weiter - zur großen Lesung aus dem Jubiläumsheft von "Das Gedicht" mit rund 60 Autoren. Die mehr als 220 Seiten starke Ausgabe steht unter dem Motto "Religion im Gedicht", 145 Lyriker aus 17 Nationen fassen darin ihre Beziehung zum Göttlichen in Verse.

Leitner macht keinen Hehl daraus, dass es immer schwieriger wird, die Lyrik-Zeitschrift am Leben zu halten. Trotzdem will er noch ein paar Jahre weitermachen und dann einen Nachfolger finden. Die Arbeitsplatzbeschreibung, die in Leitners Editorial zum neuen Heft zu lesen ist, klingt allerdings wenig verlockend: "Ich arbeite wie ein Berseker, verzichte weitgehend auf Urlaub, entnehme kein Gehalt aus meinem Betrieb und habe einige Menschen in der nächsten Umgebung, die mich nach Kräften unterstützen."

Von Petr Jerabek
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