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"Falten reißen spielen": Noch bis Sonntag findet das Internationale Papier- und Figurentheaterfestival in München statt

Papier der Stoff, aus dem die Träume sind

München
erstellt am 20.10.2017 um 20:49 Uhr
aktualisiert am 19.02.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
München (DK) Was ist Glück? Beispielsweise eine Nadel im Heuhaufen finden. So wie Johannes das gleich zweimal passiert ist. Für David ist Glück, mit seiner Familie in einer Jurte zu wohnen - auch ohne fließend Wasser. Für Klaus ist Glück, Hampelmänner zu schnitzen. Glück kann vielgestaltig sein. Es gibt sogar Glücksforscher, die sich intensiv mit der Materie befassen. Und die haben herausgefunden, dass mehr Geld nicht automatisch zu mehr Glück führt. Über das Glück sinnieren Johannes Volkmann, David Schuster und Klaus Vogt an diesem Vormittag in der Pasinger Fabrik, wo das Märchen "Hans im Glück" auf dem Spielplan steht. So hat man dieses Märchen allerdings noch nie erlebt. Nicht nur weil die drei Schauspieler es nach einem kleinen Bühnenstreit in einer anderen Fassung präsentieren - hier lässt sich Hans nicht übers Ohr hauen, vielmehr tut sich mit den Besitzern von Pferd, Kuh, Gans und Schleifstein zum Nutzen aller zusammen -, sondern weil die drei beim Erzählen ein ganz besonderes Material nutzen: Papier.
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München: Papier   der Stoff, aus dem die Träume sind
Foto: DK
München

Seit das Nürnberger Papiertheater 1995 gegründet wurde, spielt dort das Papier in den Inszenierungen stets eine Hauptrolle. Schon allein deshalb darf das Ensemble beim Internationalen Papier- und Figurentheaterfestival "Falten - reißen - spielen", das noch bis Sonntag in München stattfindet, nicht fehlen. Insgesamt 14 Produktionen aus fünf Ländern zeigen, was man mit Papier so alles anstellen kann - von der großen Oper auf klitzeklein-barocker Papierbühne über Pop-up-Zeitungsgeschichten bis zum Märchenspiel mit Live-Malerei.

Beim Papiertheater Nürnberg wird das Papier ganz spielerisch mit einbezogen. Zunächst mal gibt es eine kleine Buchstabenimprovisation zum Glück. Dann wird die Spielfigur Hans aus dem großen weißen Papierquadrat ausgeschnitten - und das kleine rechteckige Fenster, das so entsteht, wird zur Minibühne auf der Bühne: Hier wechseln Pferd, Kuh, Gans und Schleifstein mit Handschlag den Besitzer. Und die Leinwand wird nicht nur fürs Schattenspiel verwendet, sondern tatsächlich auch als Bildträger. Wenn Johannes, David und Klaus ihre eigene Version von "Hans im Glück" erzählen, dann wird der neue Hof mit Tieren und Schleiferwerkstatt von hinten mit Wasserfarbe aufs Papier gezeichnet. Was von vorn so aussieht, als würde das Bild von Zauberhand gemalt. Verblüffend ist das. Witzig. Wunderschön. Klar, dass das Publikum (vom Kindergarten bis zur 2. Klasse) begeistert ist.

Papiertheater ganz anderer Art gibt es dagegen im Bürgerpark Oberföhring zu sehen. Denn dort wird einer Kunstform neues Leben eingehaucht, die lange vor der Erfindung von Fernseher und Spielkonsolen vor 200 Jahren in den heimischen Wohnzimmern gepflegt wurde. Man spielte Märchen, Dramen, ganze Opern nach - auf einer winzigen Bühne aus Papier und mit zehn Zentimeter großen Helden, die man zuvor in mühevoller Arbeit aus großen Bögen ausgeschnitten und auf Karton geklebt hatte. Je größer die Ambitionen der Regisseure, desto verblüffender die Wirkung fürs (familiäre) Publikum: Man experimentierte mit Beleuchtung, Musik und Spezialeffekten.

Mit dem Ersten Weltkrieg geriet das Papiertheater in Vergessenheit, erst seit ein paar Jahrzehnten erleben wir eine Art Renaissance dieser Kunstform. Man begann mit Reprints alter Bögen, traf sich zu kleinen Festivals. Heute gibt es im deutschsprachigen Raum etwa 30 bis 35 Papiertheaterspieler, von denen jeder einen ganz eigenen Zugriff hat - und spezifische Spielideen entwickelt.

Das Papiertheater Joli aus Vilsbiburg etwa hat neben Agatha Christies berühmtestem Krimi "Die Mausefalle" und einem Auszug aus Boccaccios "Decamerone" beispielsweise auch Miniaturen in der Bauchladenbühne im Programm. So präsentierte Jochen Dybdahl-Müller am Donnerstagabend unter lautem Gelächter eine Kurzversion vom Hosianna-grantelnden "Münchner im Himmel". Bei Gabriele Brunsch vom Papiertheater Kitzingen muss es hingegen ganz still sein, damit ihr Bilderbuchtheater Wirkung entfalten kann. Sie hatte das Märchen "Kalif Storch" nach Wilhelm Hauff mitgebracht, für das sie alle Figuren und Kulissen mit kühnem Strich und witzigen Details selbst gefertigt hat. Und mit "Es war einmal ..." taucht man ein in orientalische Ornamentik.

Robert Jährig aus Heringsdorf hatte für die Nachmittagsvorstellung ebenfalls ein Märchen gewählt: "Das Feuerzeug" von Hans Christian Andersen. Das zeigte er in der Original-Papiertheaterszenerie von vor 120 Jahren, mit Zauber und Zunder, Monsterhunden und Höhlen voller Gold. Nach dem Spiel gewährte er auch einen Blick hinter die Kulissen, erzählte von den Anfängen seiner Spielleidenschaft mit Jules Vernes "Reise um die Erde in 80 Tagen" und von seinen Plänen, dieses Stück zum zehnjährigen Bühnenjubiläum 2019 wieder aufs Programm zu setzen. Seine Produktion "SOS - Italia" über den Absturz des Luftschiffs "Italia" während einer Expedition zum Nordpol 1928 steht am Wochenende auf dem Programm des Münchner Festivals.

Ulrich Chmel holt das Papiertheater dagegen ins Heute. Sein Stück "Imagination" basiert auf bekannten Werken von Künstlern wie René Matisse, Piet Mondrian, Niki de Saint-Phalle und Oskar Schlemmer. Auf seiner winzigen Bühne zerlegt er die Bilder in einzelne Elemente, fügt sie neu zusammen, lässt sie tanzen im Schwarzlicht zum elegisch-elektronischen Sound von Karlheinz Essl - oder bringt sie zum Verschwinden. Das alles mit der Spieltechnik des Papiertheaters. Kleine Welt, große Wirkung!

Infos und Karten zum Festival: https:'faltenreissenspielen.com.

Von Anja Witzke
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