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Der Bildhauer und Objektkünstler Stephan Huber zeigt seine sehr persönlichen Landkarten in München

Der Welt eine Ordnung geben

München
erstellt am 22.01.2015 um 19:22 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:44 Uhr | x gelesen
München (DK) Generationen von Schülern haben den Diercke-Weltatlas in der Schulbank studiert. Die farbig voneinander abgesetzten Länder, die Struktur der Gebirgszüge, die Strömungen in den Meeren – all dies waren Themen von Erdkundestunden, und der 1952 geborene Künstler Stephan Huber erinnert sich mit Freude daran: „Der Atlas hat meine Fantasie befreit – er war die Rettung meiner Schulzeit!“ Mit dem Finger auf der Landkarte reiste er damals durch die riesigen Weiten von Sibirien – und seit den späten 1990er Jahren entwirft er seine eigenen Karten.
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München: Der Welt eine Ordnung geben
Imaginäre Welten: Stephan Huber entwirft Karten, in denen subjektive Erlebnisse zu Landschaftsmerkmalen werden - Foto: Huber/VG Bild-Kunst
München

Jetzt zeigt die Münchner Eres-Stiftung in ihren Galerieräumen eine Auswahl aus dem „Stephan-Huber-Weltatlas“, der inzwischen auch im Hirmer-Verlag München erschienen ist.

Wandgroß sind die Landkarten, die Huber auf der Grundlage von amerikanischen Militärkarten erstellt. Es sind riesige Collagen, minutiös ausgeschnitten und passgenau zusammengeklebt. Was auf den ersten Blick aussieht wie Meeresströmungen und Kontinente, wie Stadtpläne und Seenplatten, entpuppt sich beim Lesen der Beschriftungen als erfundene Karte, in die persönliche Erlebnisse und Lieblingsbücher, aber auch historische Ereignisse, religiöse und politische Bezüge eingetragen werden. „Alice im Wunderland“ und „Der kleine Prinz“ sind als Gewässer dargestellt, eine der „Inseln der Heroen“ ist nach dem Philosophen Theodor W. Adorno benannt, in der „Geographie der Liebe“ werden Tristan und Isolde ebenso wie Romeo und Julia verortet.

Das Ganze entbehrt nicht der Ironie, hat aber auch bitterernsten Charakter. So sind auf dem „Globus der Gewalt“ Gewalttaten des 20. und 21. Jahrhunderts eingezeichnet – ob Folterungen, Beschneidungen oder Kindersoldaten. Dieses Objekt kommt regelmäßig von Ausstellungen zurück ins Atelier, wo es von einer Vielzahl von Helfern weiterbearbeitet wird, um etwa die aktuellen Januar-Attentate in Paris zu vermerken. Mitten im Meer sind nach Hubers Vorstellung die „Inseln des Islam“ und die „katholische Insel“ Nachbarn. „Religionen sind der Horror“, bekundet er auf Nachfrage. Dennoch gibt er zu: „Was ich mache, ist relativ gottgleich. Die Kartographie ist die abstrakte Darstellung der Welt – da lege ich ein subjektives System drüber.“

Der als Buch gedruckte Atlas hat sogar ein umfangreiches Register, genau wie der Diercke-Weltatlas. Unter K findet man beispielsweise den Kinder-Kreuzzug, kartographiert auf Seite 51 im Quadrat H1. Der Künstler, der 1987 an der documenta 8 in Kassel teilnahm und seit 2004 als Professor an der Münchner Akademie unterrichtet, kommentiert seine Landkarten mit den Worten: „Ich ordne die Welt, sonst würde ich verrückt werden!“

Von Annette Krauß
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