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Ausstellung in der Pinakothek der Moderne: Skizzenbücher sind bis heute wesentlicher Bestandteil künstlerischer Praxis

Das leise, schnelle Zeichnen

München
erstellt am 08.03.2018 um 19:25 Uhr
aktualisiert am 08.03.2018 um 21:14 Uhr | x gelesen
München (DK) Sein Skizzenbuch hat ein Künstler immer dabei. Je nach Format trägt er es unterm Arm, im Rucksack oder ganz diskret in der Manteltasche, um es sogleich hervor zu holen, wenn ein Motiv ihn lockt. Es ist das vielleicht privateste Werkzeug des Künstlers, denn es schult seinen Blick, übt die Hand und hält fest, was seine Augen und seinen Geist fesselt.
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München: Das leise, schnelle Zeichnen
Foto: DK
München

Ein besonderer Genuss ist deshalb, den Künstlern von einst und jetzt über die Schulter zu schauen und einen Blick in ihre Skizzenbücher zu werfen. Dies gelingt in einer kleinen, feinen Schau der Staatlichen Graphischen Sammlung in der Pinakothek der Moderne mit dem verheißungsvollen Titel "SkizzenBuchGeschichte(n)".

Christiane Schachtner hatte die Geduld und das Interesse, sich seit mehr als zwei Jahren in den Bestand von 260 Skizzenbüchern zu vertiefen. Als Einführung ins Thema zeigt sie im Vitrinen-Gang die unterschiedlichen Arten von Büchern: mal mit Spiralbindung, mal als Block oder Heft, die Papiere von feiner Qualität, der Einband in Leder oder Leinen, eine Lasche für den Stift - der lesenswerte Katalog listet auf, welche Geschäfte für Künstlerbedarf in München diese Dinge führten. Bekannt und bis heute bestehend ist das Ladengeschäft der Firma Schachinger, aber viele Geschäfte dieser Art sind in den letzten Jahrzehnten verschwunden, und Papierliebhaber müssen heutzutage in den Papeterien von Frankreich oder Italien auf die Suche gehen.

Historische Fotografien beweisen: Gezeichnet wurde überall - ob auf dem Berggipfel stehend, unter Pinien flanierend oder im Zugabteil, wenn die Landschaft draußen vorüberzieht. Wie vertieft ein Zeichner arbeitet, zeigt ein Blatt von Johann Georg von Dillis: Am Schwabinger Tor schwankt eine Kutsche Richtung Theatinerkirche, aber der Künstler im blau aquarellierten Gewand mit der Pelzmütze auf dem Kopf nimmt keine Notiz davon, er ist am Straßenrand ganz vertieft in seine Skizze.

Dem Gebrauch des Skizzenbuches in unterschiedlichen Lebenslagen geht die Ausstellung in acht Kapiteln nach. Für viele Künstler - vor allem im 19. Jahrhundert - war es ein treuer Reisebegleiter, der auch gegen die Langeweile einer Schiffspassage half. Was dem Künstler damals Gebrauchsgegenstand war, ist heutzutage freilich kostbarer Besitz, der meist im Depot ruht und eben nicht durchgeblättert werden darf. Eine Ausnahme ist diese Ausstellung, die vor blaugrauen Wänden in abgedunkelten Lesevitrinen die festgehaltenen Augenblicke vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte zeigt.

Es gibt aber auch heutzutage noch Skizzenbücher des Alltags: Bodo Rott etwa, Jahrgang 1971, zeichnet unter anderem Menschen in der U-Bahn. Der gebürtige Ingolstädter, inzwischen in Berlin zu Hause, hat erst vor wenigen Wochen in der Harderbastei in Ingolstadt ein breites Spektrum seiner Werke gezeigt. Auch architektonische Details, Maße und Formen wurden in diesen Büchlein notiert - heute werden solche Daten auf dem Handy gesammelt. Carl Spitzweg betrieb kunsthistorische Studien in Feuchtwangen, wo er romanische Fresken analysierte. Eines der ältesten Objekte ist ein Skizzenbuch von FranÃ.ois de Cuvilliés dem Jüngeren von 1770. Er war wie sein Vater Architekt und studierte sozusagen mit der Feder Details von Gebäuden. Dieses Büchlein ist, wie einige andere, als Faksimile ausgelegt - das Durchblättern der Seiten verschafft den Interessierten ein zusätzliches Vergnügen.

Zuweilen ist das Skizzenbuch auch sehr privat. Rudi Tröger und Heinz Butz übten sich im Aktstudium an der Münchner Kunstakademie. Und Franz Marcs "Skizzenbuch aus dem Felde" von 1915 ist ein Zeugnis dafür, welch geschützter Raum ein solches Buch ist. In einem Brief an seine Frau schrieb er: "Bei mir stapelt sich alles bis zur schmerzhaften Müdigkeit im Kopf; aber ich fang jetzt leise an, im Skizzenbuch zu zeichnen; das erleichtert und erholt mich."

Bis zum 21. Mai in der Pinakothek der Moderne, geöffnet täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.

Von Annette Krauß
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