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Wissenschaftler Markus May erklärt, wieso die Mittelaltersaga "Game of Thrones" Millionen von Menschen fasziniert

"Die Serie trifft in besonderem Maße den Zeitgeist"

München
erstellt am 06.08.2018 um 14:55 Uhr
aktualisiert am 03.12.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
München (DK) "Game of Thrones" ist eine der derzeit populärsten Serien – jeder, der sie schaut, beginnt anderen mit seinem Drachen-Halbwissen auf die Nerven zu gehen. Ausgezeichnet mit 38 Emmys basiert die Serie auf der Romansaga „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin, die mehr als 60 Millionen Mal verkauft und in 45 Sprachen übersetzt wurde. Kein Wunder, dass auch die Wissenschaft längst auf "Game of Thrones" aufmerksam geworden ist. Markus May, Professor am Institut für Deutsche Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, beschäftigt sich seit Langem mit der Phantastik.
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Game Of Thrones - Das Lied von Eis und Feuer
HBO Enterprises/dpa
München

Fantasy als Genre fand er nie so richtig spannend – bis ihm sein Schwiegersohn die erste Staffel von "Game of Thrones" empfohlen hat. Seitdem hat ihn die Serie nicht mehr losgelassen – 2016 erschien sein Band "Die Welt von ,Game of Thrones‘", der mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet wurde. Im Interview erklärt er, was die Zuschauer an "Game of Thrones" fesselt.

Herr May, haben Sie eine Lieblingsserie?
Markus May: Was man als gute Serie empfindet, ist natürlich auch immer subjektiv. Meine Lieblingsserie ist „Breaking Bad“ – für mich eine der besten Serien überhaupt.

Was macht eine gute Serie aus?
May: Meines Erachtens hat eine gute Serie einen Bezug zu Gegenwartsphänomenen, sie stellt eine Geschichte mit guten erzählerischen Mitteln dar, sie hat starke Charaktere – sonst bleibt man nicht dran. Außerdem gibt sie Auskunft über die Probleme unserer gegenwärtigen Zeit. „Breaking Bad“ zum Beispiel ist natürlich auch ein Kommentar auf den Niedergang der Mittelschicht in den USA. „House of Cards“ – eine andere Serie, die ich sehr schätze – ist ein Statement auf die Probleme der Machtgewinnung und den Machterhalt innerhalb des amerikanischen Systems. Man kann fast sagen, dass die Realität die Serie eingeholt hat. Ich glaube, eine Serie mit einem Präsidenten à la Donald Trump hätte man vor ein paar Jahren nicht ernst genommen. Man hätte gesagt, das würde nie passieren.

Wie erklären Sie sich den weltweiten Erfolg von „Game of Thrones“?
May: Das hat mehrere Gründe. Zum einen behandelt die Fantasy ja immer universelle Themen, das heißt Konflikte in Familien, in politischen Verbänden oder innerhalb gesellschaftlicher Gruppen. Und zum anderen geht es auch um die ewigen Fragen, die die Menschheit beschäftigen – zum Beispiel das Verhältnis von Gut und Böse – wobei dieses Verhältnis bei „Game of Thrones“ sehr stark problematisiert wird. Und es geht auch um das Verhältnis des Individuums zum Kollektiv. Außerdem hat die Serie Schauwerte und Figuren, die überall funktionieren, zum Beispiel der Drache. Und dann kommt hinzu, dass die Gegenstandsbereiche, die „Game of Thrones“ bearbeitet, eben auch von einer zunehmenden internationalen Aktualität zeugen. „Game of Thrones“ stellt uns eine globalisierte Welt der Krise vor. Die Serie trifft damit in besonderem Maße unseren Zeitgeist.

Was ist aktuell an der Mittelalter-Saga „Game of Thrones“?
May: Das Verhältnis von Macht und Gerechtigkeit ist ein Thema, das uns doch sehr intensiv beschäftigt – sowohl in der Serie als auch in der realen Welt. Aktuell ist auch die Frage nach der Legitimation und Begründung von Herrschaft. Ein Beispiel: In „Game of Thrones“ greift die Königstochter Daenerys Targaryen die Städte der Sklavenbucht an, um einen Befreiungskampf für „westliche Werte“ zu führen. Das erinnert doch sehr stark an die Kreuzzüge, die Amerika schon seit etwa 20 Jahren in Afghanistan oder im Irak führt. Was „Game of Thrones“ ganz deutlich zeigt, ist: Egal wie gut gemeint eine Agenda sein mag, sie stößt doch immer wieder an ihre Grenzen und rüttelt an den Grundlagen der eigenen Moralitätsvorstellungen. Hier ist die Serie sehr modern.

Ein Teil des Erfolges liegt mit Sicherheit auch an den Charakteren der Serie.
May: In „Game of Thrones“ gibt es verschiedene Rollenmodelle, die an zeitgenössische Diskurse anknüpfen – zum Beispiel die starken Frauen. Es gibt viele weibliche Figuren, die sich einem traditionellen Rollenverständnis verweigern. Sie versuchen, ihre eigene Agenda in einer Welt durchzusetzen, in der das zum Teil sehr schwierig ist. Denken Sie an Brienne of Tarth. Sie möchte keine Dame sein, sondern will kämpfen. Sie schlüpft gegen viele Widerstände in die männliche Gender-Rolle. Eine sehr spannende Figur, wie ich finde. Interessant sind die Charaktere in der Fantasy-Serie außerdem, weil wir vielen Figuren beim Erwachsenwerden zuschauen können. Das ist ein Thema, das der Fantasy-Autor George R. R. Martin sehr deutlich in den Vordergrund stellt.

„Harry Potter“, „Herr der Ringe“, „Game of Thrones“: Fast jeder kennt die Welten aus Zwergen, Elfen und Zauberwesen. Die wenigsten gehen davon aus, dass zu diesen populären Fantasy-Büchern auch intensiv geforscht wird.
May: Als Literatur- und Kulturwissenschaftler beschäftigen wir uns intensiv mit Gegenwartsphänomenen. „Game of Thrones“ ist hierfür ein Beispiel, weil es sehr viel über unsere eigenen Befindlichkeiten aussagt. Deshalb lohnt es sich natürlich, die Serie und die Bücher wissenschaftlich zu analysieren.

2016 haben Sie mit anderen Wissenschaftlern den Band „Die Welt von ,Game of Thrones‘“ herausgebracht. Wie sind Sie an das Thema herangegangen?
May: Dieser Band ist eine Sammlung von interdisziplinären Ansätzen. Ein Politologe schaut auf die Serie mit ganz anderen Augen als ein Mediävist oder ein Filmwissenschaftler. Uns war es wichtig, mit verschiedenen interdisziplinären Perspektiven auf „Game of Thrones“ zu blicken, um zu zeigen, welche unterschiedlichen Erkenntnisse man dadurch gewinnen kann. Zum Beispiel kann man bei der Frage nach der Herrschaftslegitimität einen soziologischen Ansatz, wie zum Beispiel den von Max Weber, anwenden. Auch im Hinblick auf die Erzählweise kann man einen neuen Trend erkennen: den zum horizontalen Erzählen. Das bedeutet, dass man nicht eineinhalb Stunden zielgerichtet eine einzige Geschichte erzählt, sondern eben ein komplexes Gefüge von sozialen und individuellen Interaktionen darstellt.

2019 kommt die achte und finale Staffel von „Game of Thrones“ heraus. Forschen Sie auch weiterhin an der Fantasy-Serie?
May: Die Serie und die Buchreihe beschäftigen mich noch weiter. Im Wintersemester biete ich für den Studiengang Medienkulturwissenschaften ein Seminar zu „Game of Thrones“ an. Ich habe ja bereits im Wintersemester 2015/16 ein Hauptseminar zur Serie und zu den Büchern geleitet, welches bei den Studierenden sehr gut ankam. Dieses Mal steht das „Transmediale Erzählen am Beispiel von ,Game of Thrones‘ und den Büchern ,Das Lied von Eis und Feuer‘“ im Mittelpunkt. Das interessiert mich im Moment besonders: Die Frage, wie verschiedene Medien – Serie und Bücher – denselben thematischen Gegenstand verhandeln.

Das Gespräch führte Xenia Schmeizl.

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Makaber und schräg
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Xenia Schmeizl
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