Donnerstag, 17. Januar 2019
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Mit dem "Spielzeitcocktail" startete das Stadttheater Ingolstadt in die neue Saison - Publikumspreis geht an Sascha Römisch

"Lassen wir die Fantasie an die Macht!"

Ingolstadt
erstellt am 23.09.2018 um 18:22 Uhr
aktualisiert am 23.09.2018 um 22:20 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Am Anfang stand ein Abschied: Denn nach zwei Jahren verabschiedeten sich Sebastian Eilers und sein SETanztheater aus Ingolstadt.
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Claus Woelke
Ingolstadt
Zwei Jahre lang hatte die freie Tanzcompagnie aus Nürnberg im Rahmen der "Doppelpass"-Kulturstiftung des Bundes gemeinsame Projekte mit dem Stadttheater Ingolstadt erarbeitet - etwa in der hintersinnigen Produktion "Frank Stein & Family" im Jungen Theater oder in drei spannenden Choreografien ("Friend", "Schwanensee X. 0", "Robolution") für den Futurologischen Kongress. Doch die staatlich geförderte Kooperation von freien Gruppen aus allen Sparten und festen Theaterhäusern ist auf einen Zeitraum von zwei Jahren begrenzt. Noch einmal ließ man am Samstagabend die Arbeiten in Bildern Revue passieren, noch einmal standen die Tänzer auf der Bühne. "Wir haben eine tolle Zeit hier gehabt", meinte Sebastian Eilers. Dann: Vorhang.

Zuvor hatte Intendant Knut Weber das Publikum nach der Sommerpause zum "Spielzeitcocktail" begrüßt. Ein langer, heißer Sommer sei es gewesen, in dem man einen Klimawandel miterlebt habe - "nicht nur, was das Wetter, sondern auch was die politische Situation betrifft". Eine Antwort des Theaters sei, Haltung zu zeigen. Eine andere ein befreiendes Lachen mit einem komödiantischen Spielplan zu ermöglichen. Weber gewährte einen Blick zurück (knapp 150.000 Zuschauer in der vergangenen Spielzeit) und nach vorn (die Entscheidung für den Neubau der Kammerspiele steht an) und dankte vor allem für das "wunderbare, sagenhafte Buffet", das die Besucher gestiftet hatten. Denn statt eines Eintrittspreises wird zum "Spielzeitcocktail" ein kulinarischer Beitrag fürs Buffet erhoben, das nach dem Kunstgenuss gemeinsam von Publikum und Theatermachern verspeist wird.

Ein Auszug aus Georg Büchners Lustspiel "Leonce und Lena" läutete den Abend im Großen Haus ein. Enrico Spohn im Frack jonglierte mit schwarzen Handschuhen aus Prinz Leonce Langeweile-Suite: "Alles hat seine Geschichten. " Premiere ist am kommenden Samstag, gleiche Zeit, gleicher Ort. Einen Tag vorher hat bereits "Emmas Glück" Premiere, ein skurriles Märchen über die existenziellen Fragen des Lebens nach dem Roman von Claudia Schreiber, das in einer musikalischen Fassung von Heiner Kondschak auf die Studiobühne kommt. Neuzugang Sarah Schulze Tenberge und Patrick Schlegel präsentierten daraus eine kurze Szene. Wie bereits in früheren Jahren war Heiner Kondschak auch als Moderator des "Spielzeitcocktails" zugange. Natürlich gab es auch diesmal Elefanten-Vierzeiler, dazu kurios-kurze Gedichte mit überlangen Titeln und Witze über Jazzmusiker.

Weiter ging es mit 68er-Feeling zu heißen Luftgitarrenriffs, mit Victoria Voss als Hildegard Knef und einer Drei-Minuten-Comic-Fassung der Nibelungensage samt Wallkürenritt. Ob schwarzhumoriges Loriot-Gedicht (Ulrich Kielhorn zu "Frohes Fest") oder durchgeknallte Märchenstunde (Peter Greif zu "Eine Woche voller Samstage"), ob missglückte Aufklärungsgespräche zwischen Vater und Sohn (Michael Amelung und Benjamin Kneser zu "Was heißt denn hier Liebe") oder eine kurze Lesung aus "Kleiner Mann was nun? " (die Theaterfassung von Luk Perceval nach dem Roman von Hans Fallada steht ab Februar 2019 auf dem Spielplan), ob Operettenseligkeit aus "Frau Luna" oder aufrüttelnde Worte "Gegen den Hass" (Mia Constantines Projektentwicklung nach dem Essay von Carolin Emcke eröffnet die Spielzeit im Jungen Theater) - in höchst fantasievollen musikalischen und szenischen Häppchen wurde der neue Spielplan präsentiert. Ganz nach dem Motto: "Fantasie an die Macht! "

Ein Highlight war sicherlich das Video, das Appetit auf David Spicers herrlich britische Komödie "Gras drüber" machen sollte, die am 12. Oktober im Kleinen Haus ihre deutschsprachige Erstaufführung erlebt. Darin geht es um eine Froschfarm, die als Tarnung für eine Cannabis-Plantage vorhalten muss. Am Samstagabend gab es dazu einen Schwarz-Weiß-Film à la Edgar Wallace, samt Frosch mit Maske und einem unterbelichteten Kommissar.

Running Gag des Abends aber war Marc Simon Delfs als trauriger Clown mit seiner Werbung für die "Arabische Nacht" von Roland Schimmelpfennig - ein sommernächtlicher Beziehungsreigen um Begehren, Eifersucht und Mord, der in einen Hochhaus spielt.

Tobias Hofmanns fulminante Band setzte wunderbare musikalische Akzente und bat zum großen Finale und "Fantasy" von Earth, Wind and Fire noch mal das ganze Ensemble auf die Bühne. "Kommen Sie ins Theater, lernen Sie uns kennen, seien wir neugierig aufeinander", hatte der frisch gekürte Publikumspreisträger Sascha Römisch zuvor die Zuschauer beschworen. "Lassen wir die Fantasie an die Macht!"
 

Ausgezeichnet!

Berührend waren in der vergangenen Spielzeit seine Rollen in „Hiob“ und im „Besuch der alten Dame“. Aber er hat schon viel gespielt – tragikomisch, hinreißend, fies, bitterzart: Alain in „Gott des Gemetzels“, Oscar im „Seltsamen Paar“, Mephisto in „Faust II“, die Titelrolle in „Dantons Tod“, Joe im „Ende des Regens“, Norman in „Ladies Night“, sämtliche Rollen in „Per Anhalter durch die Galaxis“ und und und: Seit 30 Jahren ist Sascha Römisch Ensemblemitglied des Stadttheaters Ingolstadt. Am Samstagabend ist er  mit dem Publikumspreis   ausgezeichnet worden. Dotiert ist der Preis, über den die Zuschauer per Stimmzettel entscheiden,  mit 3000 Euro, die vom Rotaryclub Ingolstadt-Kreuztor gestiftet werden. Dessen Präsident Eugen Kloos überreichte dem Schauspieler Scheck und silberne Anstecknadel. Die Laudatio hielt Donald Berkenhoff. In seiner sehr persönlichen Erwiderung erinnerte Römisch an verstorbene Wegbegleiter und dankte dem Publikum, dem Theater und vor allem seiner  Frau Ingrid Cannonier: „Sie ist das beste und schönste Geschenk, das ich auf dieser Welt bekommen habe.“
 
Anja Witzke
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