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Gesellschaftskritik und Partystimmung

erstellt am 20.03.2005 um 17:30 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 13:38 Uhr | x gelesen
München (DK) Bevor das Publikum auf den harten Stühlen des zweistöckigen, Shakes-peare`schen "Globe-Theaters" im modernen Kaufhausdesign Platz nehmen darf, um in den leider sichtbehinderten Hartfaserkuben als "Logen" auf das Spielfeld hinabzublicken, turnen, rasen und stolpern Lenas männliche Gouvernante in Frauenkleidern (Kenneth Huber) und die darob reichlich verstört wirkende Prinzessin Lena (Stefanie von Poser) über die Treppen dieses – natürlich symbolisch-atmosphärelosen – "Hoftheaters". Kernige deutsche Sprüche wie "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" oder "Jeder ist seines Glückes Schmied" rauschen dabei dutzendfach über ihre Lippen, um auf das Motto von Georg Büchners letztem Stück "Leonce und Lena" einzustimmen: Einfältig ist die in Normen gezwängte Welt, und noch einfältiger sind die Menschen, die, statt die Normen abzustreifen, in Utopien sich flüchten.
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Folglich schreitet der ebenso amtsmüde wie leicht vertrottelte König Peter vom Reiche Popo (etwas blass: Hubert Bail) in seinem durch die Zuschauergalerien hermetisch abgeschlossenen Reich zwischen Vogelbauer und einem abgewetzten Sessel mit Spitzendeckchen, zwischen maroden Kanzleimöbeln und Kinderklamotten auf der Wäscheleine (Bühnenbild: Nina von Essen) schwadronierend hin und her. Die ungeliebten Regierungsgeschäfte will er seinem Sohn Leonce übergeben. Doch dieser frönt als Softie lieber dem Müßiggang. Ist ja auch verständlich, da sein Herr Papa als Staatsdiener nur ebenso faule wie klugschwätzende Behördenangestellte, phlegmatische Büroschnarcher, larmoyante Aktenumblätterer und marionettenhafte Urkundenstempler hat.

Da flieht der Sturm-und-Drang-Yuppie Leonce (Peter Nitzsche als prinzlicher Schöngeist) mit seinem Freund Valerio (feist und fies: Markus Fennert) in dieser absurden Welt, in der er auch noch auf Vaters Geheiß die ihm unbekannte Prinzessin Lena vom Reiche Pipi heiraten soll, lieber nach Italien. Dort trifft er bekanntlich auf die ebenfalls vor der Hochzeit mit dem ihr unbekannten Leonce geflohene Lena. Klar, dass sich beide unsterblich ineinander verlieben, nach Hause zurückkehren, um stellvertretend für das vermeintlich abwesende Prinzenpaar verheiratet zu werden. Doch als sie ihre Clownsnasen abnehmen, ist ihre wahre Identität gelüftet. Happy End auf der ganzen Linie. Jubel im Popo-Reich – und beim Premierenpublikum.

Hübsch hat Eva-Maria Höckmayr dies alles als Abschlussarbeit ihres Regiestudiums an der Bayerischen Theaterakademie arrangiert. Zwischen einer wehmütig-zarten Liebes- und Verwechslungskomödie und einer Parodie auf Büchners melancholisch-verwehte Vorlage, zwischen einer Satire auf die in die 50er-Jahre verlegte Biedermeiermentalität und einem um pfiffige Einfälle bemühten Schülertheater, zwischen ausgelassener Partystimmung und plumper Gaudi, zwischen gesellschaftskritischen Tönen und absurdem Theater pendelt diese Aufführung im Akademietheater des Prinzregententheaters ständig hin und her. Wenngleich ein roter Faden fehlt, so strotzt diese Inszenierung doch von intelligenten Regieideen und praller Bilderflut. ? Hannes S. Macher

Letzte Aufführung heute um 20 Uhr im Akademietheater München Kartentelefon (089) 21 85 19 70.

Donaukurier
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