Dienstag, 18. Dezember 2018
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Raphaela Gromes ist Solistin beim Audi-Weihnachtskonzert - Im Interview spricht sie über Ängste und die Freude an der Musik

"Kunst ist für mich eine Art Gottesbeweis"

Ingolstadt
erstellt am 06.12.2018 um 21:43 Uhr
aktualisiert am 06.12.2018 um 21:45 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Seit die Cellistin Raphaela Gromes 2011 den Musikförderungspreis des Konzertvereins Ingolstadt gewonnen hat, ist die junge Musikerin fast schon Dauergast in der Donaustadt. Sie war Gast bei den Audi-Sommerkonzerten und spielte unter der Leitung von Kent Nagano und im Abonnement des Konzertvereins. Außerdem trat sie zusammen mit der Audi-Bläserphilharmonie auf.
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Raphaela Gromes gastiert am 14. Dezember beim Audi-Weihnachtskonzert im Audi-Forum.
Raphaela Gromes gastiert am 14. Dezember beim Audi-Weihnachtskonzert im Audi-Forum.
Sony
Ingolstadt
Am 14. Dezember, 20 Uhr, ist die Münchner erneut in Ingolstadt, diesmal zusammen mit dem Georgischen Kammerorchester unter der Leitung von Ruben Gazarian. Sie spielt im Rahmen des Audi-Weihnachtskonzerts im Audi-Forum Ingolstadt, unter anderem Weihnachtslieder, bearbeitete Arien von Gioachino Rossini und das D-Dur-Cellokonzert von Joseph Haydn. Im Interview spricht Raphaela Gromes über Lampenfieber, ihre Arbeit als Sony-Exklusivkünstlerin und ihre Ängste und Freuden an der Musik.

Frau Gromes, wie wichtig ist es zu üben? Haben Sie heute zum Beispiel bereits geübt?
Raphaela Gromes: Diese Frage habe ich in meiner Kindheit relativ häufig gehört. Sie verursacht bei mir sofortigen Schweißausbruch. (lacht) Nein, ich habe heute tatsächlich noch nicht geübt, da meine beste Freundin zu Besuch bei mir ist.

Wieviel Üben ist denn gut, notwendig und gesund?
Gromes: Ich passe das Üben sehr dem Anlass an. Wenn ich viele Konzerte mit unterschiedlichen Programmen vor mir habe, dann übe ich auch sehr viel, bis in die Nacht hinein. Wobei: Zwischen vier und fünf Stunden kann ich hochkonzentriert arbeiten. Aber danach beginnt alles weh zu tun. Mehr zu üben ist also im Grunde für mich nicht sinnvoll.

Wie genau bereiten Sie die Konzerte vor? Gibt es Raum für Spontaneität?
Gromes: Alle Details festlegen - auf keinen Fall. Wenn ich ein Stück einstudiere, beschäftige ich mich sehr genau mit der Biografie und dem Werk des Komponisten. Natürlich auch mit den Noten. Ich studiere das Stück ein, bis ich zu wissen glaube, was die Botschaft des Komponisten ist. Ich begreife mich ja als Vermittler zwischen Komponisten und Publikum. Wenn ich weiß, wie ich auf meine Weise dieses Stück gestalten will, lasse ich mir immer noch Freiräume für spontanes Agieren.

Hängt das auch mit Ihren musikalischen Partnern zusammen?
Gromes: Natürlich. Wenn diese Momente kommen, derentwegen wir alle Musiker geworden sind, dieser Moment des Flows, in dem man aufhört zu denken, absichtslos spielt, eigentlich "gespielt wird", dann denkt man nicht mehr daran, was man verabredet oder eingeübt hat. Das Publikum spürt das und wirkt geradezu übernatürlich daran mit.

Wann ist ein Konzert wirklich gelungen?

Gromes: Wenn es zu diesen "Flow-Momenten" kommt, ist es natürlich ganz und gar perfekt. Mein Ziel ist immer, dass ein Dialog zwischen dem Publikum und uns entsteht. Und wenn ich darstellen kann, was der Komponist wollte und gleichzeitig mich selber noch ausdrücken kann, dann ist das für mich ein gelungenes Konzert.

Musik wird ja immer wieder als kommunikativer Akt verstanden. Haben Sie ein Gespür vom Publikum, wenn Sie da oben auf dem Podium sitzt?
Gromes: Absolut. Es kann schwierig sein, wenn ein Publikum abgelenkt ist, hustet und im Programmheft blättert. Wenn ich merke, dass die Zuhörer ganz offene Ohren haben, kann ich zum Beispiel auch viel subtiler spielen, dann kann ich ganz neue Wege gehen.

Wird man freier und spontaner im Laufe der Jahre?
Gromes: Ich denke schon. Durch die Erfahrung. Wenn man ein Stück zum Beispiel schon sehr oft gespielt hat, bewegt man sich vertrauter im Text.

Wie gehen Sie mit Lampenfieber um?
Gromes: Üben und mich gut vorbereiten. Dennoch bin ich vor besonders großen Konzerten immer aufgeregt. Allerdings: Wenn ich auf der Bühne bin, konzentriere ich mich so stark auf die Musik, dass das Lampenfieber eigentlich verschwindet. Dann rückt alles andere in den Hintergrund. Lampenfieber hat ja auch etwas mit dem Ego zu tun. Wenn es einem nur noch um die Musik geht, dann ist das Lampenfieber wie weggeblasen. Außerdem mache ich oft vor den Auftritten Konzentrationsübungen, Atemübungen oder lese. Das alles hilft mir auch.

Ist das Lampenfieber größer, wenn Sie auswendig spielen?
Gromes: Ja. Die größte Angst ist natürlich die vor dem Blackout. Andererseits ist es leichter, in diesen Flow des Augenblicks zu kommen, wenn man auswendig spielt. Insofern spiele ich tatsächlich lieber auswendig. Ich kann dann noch freier sein. Wenn man Noten dabei hat, ist immer auch dieser Übersetzungsakt dabei, man liest, denkt und setzt um. Man kommt so viel schwerer ins "reine Sein" herein, in dem man wie absichtslos musiziert.

Wann hatten Sie Ihr erstes Konzert?
Gromes: Privat schon mit vier, mein erstes öffentliches Konzert hatte ich dann mit sieben. Meine Eltern haben mich bei einem ihrer Konzerte mit auf die Bühne genommen und ich durfte mit ihnen ein Trio spielen. Mein erstes Konzert als Solist mit Orchester war Guldas Cellokonzert, ich war damals 14. Auf der Bühne zu stehen, ist mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Als Kind war ich übrigens überhaupt nicht aufgeregt. Im Alter zwischen vier und 14 war ich fast jede Woche auf der Bühne und einfach nur stolz, zeigen zu dürfen, was ich gerade gelernt hatte. Da kannte ich noch kein Lampenfieber.

Was hat Sie dazu gebracht, Cellistin zu werden, wie Ihre Eltern?
Gromes: In schweren Phasen meiner Kindheit habe ich bemerkt, wie sehr Musik mir Hoffnung und Trost geben kann. Lebensfreude, Mut weiterzumachen. Musik hat mich in dieser Zeit im Grunde gerettet. Als ich dann bemerkt habe, dass nicht nur das Hören von Musik mir hilft, sondern dass ich auch die Gabe besitze, selber Musik zu machen, als ich anfing zu begreifen, dass das Cello die Stimme ist, mit der ich mich ausdrücke, wurde mir klar, dass es meine Berufung ist.

Sie spielen Konzerte und nehmen CDs auf. Was ist der Unterschied?
Gromes: Meine erste CD war ein Livemitschnitt. Da habe ich mich von der Musik tragen lassen und habe gespielt, wie ich es im Moment empfunden habe. Jetzt bei Sony sind meine Aufnahmen Studioproduktionen, und die sind natürlich anders. Ein Konzert entsteht im Moment und alles geht darum, wie die Musik einmalig in diesem Augenblick entsteht und fließt. Unsere Aufnahmen bei Sony sind bis ins kleinste Detail ausgefeilte, sehr geplante Darstellungen unserer Interpretationen. Man will schließlich eine möglichst perfekte Aufnahme produzieren.

Muss man anders spielen im Studio?
Gromes: Im Konzert muss man mit viel mehr Power spielen, wenn man die letzte Reihe im Saal noch erreichen will. Das ist für eine Studioaufnahme manchmal einfach zu viel Ausdruck. Die Aufnahmeleiter sagen dann etwa, dass es mal gekratzt hat. Aber eigentlich finde ich es auch gar nicht so schlimm, wenn es mal kratzt, das ist Zeichen der Intensität.

Wie wird entschieden, welche Stücke auf die nächste CD kommen?
Gromes: Das Konzept und die Auswahl der Stücke stammen immer von mir. Die Rossini-CD etwa, gerade erschienen ist, war ebenfalls meine Idee. Ich wollte etwas zurück- und weitergeben, von der Freude, die mir diese Musik gibt und gewissermaßen eine Hommage und einen Dank an Rossini zu seinem Jubiläum 2018 auf die mir bestmögliche Art formulieren, also mit einem Album.

Welche Musik spielen Sie am liebsten?
Gromes: Immer die, mit der ich mich gerade beschäftige.

Welche Musik hören Sie am liebsten?

Gromes: Lieblingsmusik gibt es nicht. Aber Werke, die mich mein Leben lang begleiten, sind die Beethoven-Sinfonien, die Beethoven-Kammermusik, die Klaviersonate. Wagner, Verdi und Rossini sind mir als Opernkomponisten sehr wichtig. Und dann die großen Symphoniker Brahms und Schostakowitsch.

Können Sie sich vorstellen, auch etwas ganz anders zu machen? Cross-over-Musik wie der Geiger David Garrett.
Gromes: Nun, Guldas Cellokonzert spiele ich sehr gerne. Aber sonst: Vielleicht mal als Zugabe-Stück könnte ich mir einen Ausflug in die Rockmusik durchaus vorstellen.

Was war das wunderbarste Konzert, das Sie je erlebt haben?
Gromes: Ich kann es gar nicht auf nur eines beschränken. Drei Konzerte von der letzten Saison mit meinem Klavierpartner Julian Riem sind mir als nahezu perfekt in Erinnerung. Wo die Zeit stillstand, wo ich mich fallen lassen konnte und es aus mir heraus spielte. Das war etwa als Julian Riem den Flügel spielte, an dem Brahms selbst noch komponiert hatte. Ich hatte das Gefühl, in den Geist Brahms' einzudringen.

Was hat Ihnen als Zuhörer in Konzerten besonders gefallen?
Gromes: Zuletzt Teodor Currentzis, der bei den Salzburger Festspielen die erste Sinfonie von Gustav Mahler spielte. Allein sein Orchester MusicAeterna, bei dem die Musiker nicht sitzen, sondern stehen. Diese Musiker, die alle miteinander kommunizieren. Das war der größte Applaus, den ich je erlebt habe. Ich würde ungeheuer gerne einmal mit diesen Musikern zusammenspielen.

Sie sind sehr intelligent, haben ein hervorragendes Abitur abgelegt. Sie hätten auch etwas anderes mit Ihrem Leben anstellen können. Was wären Sie geworden, wenn Sie sich gegen die Musik entschieden hätten?
Gromes: Vielleicht Journalistin oder Juristin. Aber im Moment kann ich mir gar nichts anderes vorstellen. Es ist für mich erfüllend, mich mit Musik zu beschäftigen, diese Kunst ist für mich eine Art Gottesbeweis.

Das Interview führte

Jesko Schulze-Reimpell.


ZUR PERSON
Raphaela Gromes kam 1991 in München als Tochter zweier Cellisten auf die Welt. Mit dem Cellounterricht begann sie im Alter von vier Jahren. 2005 debütierte sie mit dem Gulda-Cellokonzert. Nach Abitur und Cellostudium in Leipzig und München gewann sie mehrere erste Preise bei verschiedenen Wettbewerben. Seit 2015 ist sie Exklusivkünstlerin beim Label Sony Classical. Zuletzt hat sie eine viel gelobte CD mit Arien-Bearbeitungen von Gioachino Rossini herausgebracht.

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