Samstag, 19. Januar 2019
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Flötistin Dorothee Oberlinger und das Orchester L'arte del mondo beim Konzertverein Ingolstadt

Konkurrenz für Nachtigallen und Rotkehlchen

Ingolstadt
erstellt am 22.11.2018 um 20:18 Uhr
aktualisiert am 22.11.2018 um 20:20 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Die Flötistin Dorothee Oberlinger ist zweifellos eine Virtuosin. Aber was ist damit gemeint? Gegenüber unserer Zeitung erläuterte sie den Begriff kürzlich: "Ich finde es enttäuschend, wenn der Begriff auf Fingerfertigkeit reduziert wird. (... ) Es gibt so viele Komponenten, mit denen man virtuos umgehen sollte. Mit den verschiedenen Klängen oder den verschiedenen Arten der Artikulation."
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Arie für Flöte: Dorothee Oberlinger und das Ensemble L?arte del mondo im Festsaal.
Arie für Flöte: Dorothee Oberlinger und das Ensemble L?arte del mondo im Festsaal.
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Ingolstadt


Besser hätte die Musikerin ihr Wirken auf dem Konzertpodium kaum beschreiben können. Und doch: Es greift viel zu kurz. Denn die elegante, sympathisch lächelnde Frau ist ein Phänomen, das mit Worten kaum zu beschreiben ist.

Sie muss nur die Blockflöte an die Lippen setzen, und sofort ist das Publikum wie verzaubert - als wäre sie der Rattenfänger von Hameln. Die Blockflöte ist eigentlich ein schwieriges Instrument mit nur sehr geringen Möglichkeiten des Ausdrucks: Sie ist leise, die Dynamik äußerst begrenzt, wenn man stärker bläst, verändert sich schnell die Tonhöhe. Aber für Oberlinger scheint all das kein Problem darzustellen.

Was ihr Virtuosität bedeutet, zeigt sich vielleicht am deutlichsten beim schwersten Stück, dem C-Dur-Konzert von Antonio Vivaldi, quasi dem Rausschmeißer des Abends. Die Virtuosität dieser Musik ist jeden Augenblick spürbar: Was für eine Anstrengung, die endlosen Sechzehntelketten zu spielen - Vivaldi hat sie komponiert, als müsste ein Holzbläser niemals Atem holen. Wie flink die Läufe dahinrauschen, welch atemberaubende Schnelligkeit. Und welchen Sinn Oberinger für Theatralik besitzt, wenn sie kurz vor dem Ende des Schlusssatzes plötzlich unterbricht, schalkhaft in den Saal blinzelt, und eine letzte, koboldhafte Entladung ungehemmter Fingerfertigkeit dem Publikum entgegenschleudert. Da vergisst man fast schon, dass es sich hier um eine Piccoloflöte handelt, da ist schon mehr Tierreich, Vogeltirilieren zu vernehmen als geschliffenes Handwerk. Eine Virtuosität bricht sich da Bahn, die alle Schulfertigkeit transzendiert. Das ist grandios.

Aber die eigentliche Sensation ist der langsame Satz. Hier geht es nicht um schnelle Töne - und doch um höchste Virtuosität. Wie ungeheuer schön und kraftvoll Dorothee Oberlinger ihr Instrument strahlen lässt - als wäre es eine Arie für Flöte. Und was für Zwischentöne zu hören sind. Wie hypnotisiert achtet man auf die kleinsten klanglichen Veränderungen.

Kaum weniger faszinierend das andere Vivaldi-Konzert: "La notte". Hier ist die Imaginationskraft der Künstlerin immens. Man spürt förmlich, wie Ruhe sich über die Landschaft senkt, wie der Schlaf überwältigt. Und plötzlich, mit ungezügelter Wucht, Albträume hereinbrechen, später süße Fantasien sich entspinnen. Oberlinger spielt das mit mitreißender Leidenschaft.

Kaum minder hinreißend das harmonisch etwas verquere F-Dur-Konzert von Giuseppe Sammartini und die bearbeitete Fassung des Orgelkonzerts F-Dur von Georg Friedrich Händel. Staunend erregend die expressive Kraft dieser Künstlerin, lange Melodielinien mit höchster Spannung zu formen, Girlanden voller verzwickter Verzierungen die Motive umranken zu lassen. Und wie elegant die Überleitung von Godfrey Fingers "Ground" zum Händel.

Aber auch die Musiker des Orchesters L'arte del mondo sind vorzüglich, etwa der Cembalist, der frei improvisierend Übergänge zwischen verschiedenen Sätzen schafft. Dennoch: So solide die Concerti grossi von Händel und Evaristo Felice Dall' Abaco auch gestaltet sind: Der vom Publikum hymnisch gefeierte Star ist Dorothee Oberlinger. Denn mit ihr bekommt der Begriff Virtuosität eine neue Bedeutungsebene.
Jesko Schulze-Reimpell
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