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Ingolstädter Künstlerin Christine Fuchs über das bayernweite Festival "Kunst & gesund"

Klingende Röntgenstrahlen

Ingolstadt
erstellt am 11.04.2018 um 21:51 Uhr
aktualisiert am 11.04.2018 um 22:22 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Bücher auf Rezept gibt es in Landsberg am Lech. Bobingen plant eine Million Poems für alle. In Königsbrunn schnitzt man Kunstvolles in und aus Obst. In Erlangen hört man nicht nur klingende Röntgenstrahlen, dort dreht sich auch alles um den Hut von Joseph Beuys. Traunreut zeigt originale Objekte des Künstlers aus der Sammlung Murken. Und in Ingolstadt kann man ein Frankenstein-Depot besuchen.
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Fotos: Clement/Klotzeck
Ingolstadt
  Heute startet das bayernweite Festival "Kunst & gesund", das in 21 Städten und 106 Veranstaltungen bis Ende Juni der Frage nachgeht, welchen Einfluss die Kunst auf die Gesundheit des Menschen hat. Angeboten werden Ausstellungen, Workshops, Vorträge, künstlerische  Mitmach-Aktionen, Schulprojekte und Theateraufführungen.

Zudem richtet sich der Literaturwettbewerb "Poesie statt Pillen" an den schreibenden Nachwuchs.  "Wir wollen eine breite öffentliche Diskussion zum Thema Gesundheit und Künste führen", sagt Festivalleiterin Christine Fuchs. Die promovierte Juristin und Bildende Künstlerin ist seit 2003 Geschäftsführerin und Projektleiterin von "Stadtkultur", dem Netzwerk bayerischer Städte.

Frau Fuchs, wie kamen Sie auf die Idee zu diesem Festival "Kunst & gesund"?

Christine Fuchs: Für mich als Künstlerin und für viele Künstler ist es naheliegend, dass  künstlerisches Tun etwas mit der eigenen Gesundheit zu tun hat. Bisher hat die Kulturpolitik die  positive Wirkung der Kunst auf die Gesundheit allerdings zu wenig beachtet.


Welchen Einfluss hat Kunst auf die Gesundheit der Menschen?

Fuchs: In den 80er-Jahren wurde die Gesundheitswirkung, die aus der Kunst selbst herauskommt, intensiv besprochen. An erster Stelle ist Joseph Beuys mit seiner Sozialen Plastik zu nennen, der mit seiner Kunst in alle Gesellschaftsbereiche hineinwirkte. Er inszenierte sich ja auch selbst als ein Schamane, sprach von der heilsamen Wirkung der Kunst, von Transformation. Damit stand er in einer langen Tradition von Künstlern. In den 80-ern entstanden auch erstmals künstlerische Therapien. Und aus den Kunst-, Musik- oder Theatertherapien liegen mittlerweile einige Forschungsergebnisse vor - über deren positive Wirkung auf den Seelenhaushalt, aber auch auf den gesamten Organismus, auf Herz und Kreislauf, auf das Immunsystem. Kunst wirkt sich aktiv und passiv aus: Singen wie Musik hören, selbst schreiben wie lesen, malen wie Bildbetrachtungen sind in vielfältiger Weise gesundheitsfördernd. Wir kennen doch auch die Wirkung von Farben auf den Kreislauf. Wir wissen, dass Blau beruhigt, dass Rot aktiviert. Das wird mittlerweile ganz gezielt eingesetzt. Eine Ärztin in Bobingen behandelt ihre Patienten beispielsweise mit Literatur - und hat ein Buch darüber geschrieben. Daneben geht es natürlich auch um die Verarbeitung von Krisen, Traumata, Stress durch Kunst. Wir wollen mit diesem Festival auf die vielen verschiedenen Facetten aufmerksam machen.


Was wollen Sie mit dem Festival erreichen?

Fuchs: Eine breite Diskussion über ein Wechselverhältnis von Kunst und Gesundheit. Welche Wirkung haben die Künste auf Gesundheit oder Krankheit. Nehmen Sie als Beispiel die Archtitektur. Wie sehen unsere Städte aus. Wie nehmen die Bewohner die Kultureinrichtungen ihrer Städte wahr. Marion Ruisinger, die Leiterin des Medizinhistorischen Museums, hat mir eine ganz interessante Geschichte erzählt. Nämlich, dass man sich in der arabischen Medizin der heilsamen Wirkung der Musik sehr bewusst war. Es gibt Krankenhausgrundrisse aus dem Mittelalter, die im Zentrum einen Orchestersaal hatten. Davon gingen Akustikleitungen in die Behandlungszimmer. Man hat mit der Musik die Kranken beruhigt. Wenn wir heute über Konzerthäuser sprechen, dann werden sie meist als Kulturimmobilien behandelt, als teuere Repräsentationsobjekte. Dass es auch heilsame Orte sein können, finde ich einen spannenden Gedanken, den ich gern in der Diskussion hätte.
Mit der Uraufführung von ?Wasser. Das sensible Chaos? (oben) der Choreografin Minako Seki und des Komponisten und Cellisten Willem Schulz startet das von Christine Fuchs (kleines Foto) organisierte Festival heute Abend in Bad Kissingen. Die Städte Königsbrunn und Augsburg befassen sich mit ?health games?.
Mit der Uraufführung von "Wasser. Das sensible Chaos" (oben) der Choreografin Minako Seki und des Komponisten und Cellisten Willem Schulz startet das von Christine Fuchs (kleines Foto) organisierte Festival heute Abend in Bad Kissingen. Die Städte Königsbrunn und Augsburg befassen sich mit "health games".
Fotos: Clement/Klotzeck
Ingolstadt



Also fordern Sie Kunst auf Krankenschein.

Fuchs: Warum nicht. Es gibt ja auch Yoga oder Kiesertraining auf Krankenschein. In einem Laienchor zu singen oder zu tanzen ist nicht weniger heilsam - für ähnliche körperliche Leiden.


Die Bandbreite der Festival-Beiträge der 21 Städte ist groß. Es gibt sogar Computerspiele zur Gesundheitsförderung. Schließt sich das nicht aus?

Fuchs: Eben nicht. Das Zentrum für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung an der Universität Augsburg befasst sich mit dem Potenzial von Computerspielen zur Gesundheitsförderung. Es gibt "health games" gegen Depressionen. Und solche, die bei Kindern in Krankenhäusern eingesetzt werden, damit sich die kleinen Patienten besser mit ihrer Krankheit auseinandersetzen, indem sie etwa Tumorzellen abschießen. Ein Programm wurde für Kinder mit Asthma entwickelt, die durch das Spiel weniger Medikamente brauchen. Dazu gibt es eine Studie der Universität Gießen. Auch das Gesundheitsministerium investiert in die Forschung von "health games".


Zum Auftakt des Festivals wird das zeitgenössische Tanz-Musik-Stück "Wasser. Das sensible Chaos" der Choreografin Minako Seki heute Abend in Bad Kissingen uraufgeführt. Warum starten Sie dort?

Fuchs: Wir eröffnen in Bad Kissingen, weil es eine Kurstadt ist und bekannt für sein heilsames Wasser und seine prächtigen Anlagen. Wir haben natürlich für den Start des Festivals eine Stadt gesucht, die in besonderer Weise für Gesundheit steht - und das tun Kurstädte. Wasser ist ein Medium das heilt, das reinigt, das klärt - und es verkörpert das lebendige Element am stärksten.


Was lernt man in der Kunstsprechstunde des Münchner Künstlers Wolfram Kastner?

Fuchs: Da lernt man, dass man sich mit den gesellschaftlichen Wunden des Dritten Reichs und den kollektiven Verletzungen der Bücherverbrennungen befassen kann und muss, um diese in einem gesellschaftlichen Verständnis heilen zu können.



Es gibt in Erlangen auch ein besonderes FKK-Programm?

Fuchs: FKK bedeutet hier Fahrrad-Konditions-Kunst. Da werden kranke Fahrräder kunstvoll geheilt.


In Ingolstadt werden Gabriele und Tom Neumaier ein "kleines Frankenstein-Depot" errichten. Was sieht man da? Und wo findet man die Kunst und die Gesundheit?

Fuchs: Das "Frankenstein-Depot" bezieht sich natürlich auf Mary Shelleys Frankenstein-Roman und beschäftigt sich mit unserem heutigen Verständnis von Gesundheit, das ganz stark von der Selbstoptimierung geprägt ist. Getrieben vom Wunsch immer perfekter zu werden, sind wir nicht nur Frankenstein, sondern zugleich auch Monster. Und sehen wird man unter anderem eine kleine Hautadapter-Box, atavistische Selbstporträts, Bodyscans und Dragees zur temporären Erzeugung künstlicher Intelligenz - und ein kleines Gelächter.


Die Fragen stellte Anja Witzke.

Insgesamt gibt es 106 Veranstaltungen mit 185 Künstlern in 21 bayerischen Städten. Das komplette Programm findet man im Internet unter www. kunst-und-gesund. de.

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