Sonntag, 15. Juli 2018
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Deutlich politischer: Chris Boettcher begeistert mit seinem Programm "Freischwimmer" bei den Ingolstädter Kabaretttagen

Ein stimmenvoller Abend

Ingolstadt
erstellt am 15.04.2018 um 17:56 Uhr
aktualisiert am 15.04.2018 um 17:57 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) So viel Prominenz auf einer Bühne hat man selbst in Ingolstadt selten: Von Trump, Merkel und Seehofer über Hansi Hinterseer und Peter Maffay bis hin zu Olli Kahn und Loddarmaddäus - alle sind sie dabei.
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Hohes Unterhaltungsniveau: Chris Boettcher trat mit seinem neuen Programm im Ingolstädter Festsaal auf.
Hohes Unterhaltungsniveau: Chris Boettcher trat mit seinem neuen Programm im Ingolstädter Festsaal auf.
Foto: Woelke
Ingolstadt
Natürlich. Denn ohne die wunderbaren Parodien wäre ein Auftritt von Chris Boettcher ja nur die Hälfte wert.

Dabei bräuchte der gebürtige Ingolstädter die Hilfe der großen Namen (und Stimmen) eigentlich gar nicht, um für Lacher zu sorgen, das wird am Freitagabend im nicht ausverkauften Festsaal des Stadttheaters gleich zu Beginn der Show klar. Aus dem Off kündigt er einen vierstündigen Zyklus über die endlose Ödnis der kaukasischen Steppe an, der auf traditionellen Instrumenten gespielt werde, entschließt sich dann aber dankenswerterweise doch spontan dazu, wie angekündigt sein neues Programm "Freischwimmer" zu präsentieren.

Als Chris Boettcher die Bühne betritt, hat er also bereits ein lachendes Publikum vor sich. Und das wird sich im Laufe des mehr als zweistündigen Programms auch nicht ändern. Der Comedian schafft es, das Unterhaltungsniveau konstant hoch zu halten, erlaubt sich keinen Durchhänger. Wobei er ja Alternativen hätte: "Wenn's bei mir mal nicht mehr läuft, schreib ich Texte für Grönemeyer. " Natürlich demonstriert er gleich überzeugend, dass er das wirklich draufhätte.

Ja, in die deutschen Rockmusiker kann sich Boettcher hineinversetzen, er kennt sogar ihre geheimsten Wünsche: Udo Lindenberg möchte endlich mal ohne Hut in die Öffentlichkeit gehen, Peter Maffey seine Harley ohne Stützräder fahren und Herbert Grönemeyer nicht mehr knödeln. Die Lösung für alle drei: Einfach mal freischwimmen - "mach die Merkel-Raute und sei tiefenentspannt", rät Boettcher. Und: "Freu dich über Fußball, auch wenn du Fan von 1860 bist. "

Womit wir schon beim nächsten Schwerpunkt des Abends wären: dem Fußball. Nicht ganz neu, aber immer wieder lustig ist es, wenn sich Jogi, Olli, Franz und (am Telefon) der Loddar in der Herrentoilette des VIP-Bereichs im Stadion treffen. "Gute Freunde, die kann man kaufen", singt die Lichtgestalt, und Olli Kahn bekommt diesmal sogar sein eigenes Lied namens "Immer dieser Druck".

Natürlich thematisiert Chris Boettcher, der nicht mehr als sein Keyboard und einen Gesundheitshocker (beides in Kuhfleckenoptik) auf der Bühne braucht, wie üblich die unterschiedlichen Denkweisen von Mann und Frau, Dschungelcamp und Shopping Queen oder die Songtexte von Andreas Gabalier, aber in seinem neuen Programm geht es auch verstärkt um politische Abgründe. Um das "neue, schöne Österrechts" zum Beispiel, um Diesel-Software, nordkoreanische Raketen oder auch die US-Waffengesetze. In die Vereinigten Staaten müssten gar keine islamistischen Terroristen kommen, singt Boettcher in "The American Way" (vielleicht seinem nächsten Mitklatschhit) mit Trump-Stimme: "Uns braucht keiner erschießen, wir machen das schon allein. "

Der US-Präsident ist ziemlich oft in Boettchers Show vertreten. So bekommt er in seinem bekannten Lied "Bockfotzngsicht" eine eigene Strophe, ebenso wie der türkische Präsident Erdogan - diese Zeilen singt Boettcher dann mit Merkel-Stimme. Manchmal scheint er auszutesten, wie weit er gehen kann, wo die Grenzen des guten Geschmacks liegen. Darf man schon Witze über #MeToo machen, indem man der Bundeskanzlerin unterstellt, sie sei traurig, weil sie unter diesem Hashtag keinen Eintrag schreiben könne. Der Applaus ist hier etwas verhalten, aber von echter Empörung keine Spur. Boettcher, der trotz seiner mittlerweile 54 Jahre noch immer wie ein großer Lausbub wirkt, darf das.

"Der Applaus ist das Brot des Künstlers - darum bin ich so schlank", sagt er irgendwann in diesen äußerst vergnüglichen Zweieinviertelstunden im "Kleinod altbayerischer Barockbaukunst", wie er als echter Schanzer das heimische Stadttheater treffend bezeichnet. Nach diesem Abend im Rahmen der Ingolstädter Kabarettage müsste Chris Boettcher wohl eher einige Kilo zugelegt haben.

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Bernd Hofmann
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