Mittwoch, 16. Januar 2019
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Beschwingt durch die Nacht

Ingolstadt
erstellt am 03.11.2017 um 19:10 Uhr
aktualisiert am 05.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Vielfalt war das Zauberwort bei „Jazz in den Kneipen“ im Rahmen der Ingolstädter Jazztage. Für die Flaneure gab es an fünf Orten Gypsy-Swing, Klezmer oder experimentelle Rhythmen zu hören. Das Publikum ließ sich von Tastenkünstlern, Sängern und Gitarrenvirtuosen mitreißen. Ein Rundgang durch die Nacht.
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Newcomerin mit rauchiger Stimme

Zuerst leise und dann ganz laut: So überraschend war der Einstieg in das Konzert von Hyleen Gil. Nach der anfänglichen instrumentellen Zurückhaltung platzt das Schlagzeug heraus. Die junge Französin hat Sigi’s Almhütte im Biergarten des Mo mit ihrer Musik ganz schnell in eine New Yorker Jazz-Lounge verwandelt. Sie spielt E-Gitarre, und wenn es um die große Liebe geht, singt sie auch mal ohne die Begleitung der Männer und beweist mit rauchiger, voller Stimme ihre Soulkünste. Besonders am Anfang klingt Hyleen ganz gefühlvoll und hält dabei die Augen geschlossen. Erst mit zunehmender Sicherheit öffnet sie sich – wie eine aufgehende Blume – dem Publikum. Die Songs peppiger und funky. Dann bekommen auch der Keyboarder und der Schlagzeuger die Möglichkeit, bei ausgedehnten Soli ihr Können unter Beweis zu stellen. Das Publikum lässt sich anstecken und geht munter mit. Es wird mitgeschnippt, mitgesungen und mitgewippt. Schlussendlich lässt die Band sogar rockige und elektronische Klänge ertönen.

Fotostrecke: Jazz in den Kneipen Gualazzi und Hyleen
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Kleinste Bigband der Welt 


Swing, Swing und nochmal Swing versprechen Marina & The Kats im übervollen Altstadttheater. Ein klein wenig swingt Austria-Slang mit, wenn die quirlige Bandleaderin der kleinsten Bigband der Welt – das behauptet sie – über sich und die zwei Männer an den Saiten spricht. Früher mal hatte sie Angst, dass Swing altbacken klingt, erzählt Marina Zettl. Doch die drei haben ein probates Mittel dagegen: sie spielen Swing genau so, wie sie ihn selber am liebsten hören. Lebensfroh, frisch, mit einer Prise Pfeffer zwischen den Noten und mitreißend dynamisch. Man muss manchmal gut hinhören, um den Swing im aufgefrischten Jugendkleid wieder zu finden. Marina fasst Swing weitläufig, scattet mitunter fröhlich drauflos und wuselt gleichzeitig mit ihren Besen so aufgedreht temperamentvoll über die Snare-Drum wie einst der sprichwörtliche Duracell-Hase. Sie und ihre Gitarristen Thomas Mauerhofer und Peter Schönbauer haben eigene Songs dabei, lenken aber auch Hits wie „Paradise City“ von Guns N’Roses auf ein Swing-Gleis.
 

Nachdenkliche Klezmer-Songs

Andrea Pancur im Swept Away bei Jazz in den Kneipen
Johannes Hauser
Ingolstadt
Klezmer hat viele Facetten: Laut und mitreißend spielen ihn manche Bands, er kann auch nachdenklich und ruhig klingen, so wie bei Andrea Pancur und Ilya Shneyveys im Swept Away. Die Münchner Sängerin und ihr Begleiter an Akkordeon und E-Piano kombinieren jiddische Musik mit bayerischer und allem, was ihnen sonst gefällt, und schaffen so einen poetischen Mix. Schade nur, dass diese Art der Musik nicht in den Rahmen von „Jazz in den Kneipen“ passen will. Der Raum ist viel zu groß für das Duo, das gern einen netten Schwatz mit dem Publikum hält. Die Atmosphäre will sich nicht so recht aufbauen im halb vollen Swept Away, wo sonst oft Reggae- oder Funkbands spielten. Dabei sind Pancurs Ideen und Stimme gut: Aus dem Merkspruch für die Nebenflüsse der Donau wird ein Klezmer-Song. Sie jodelt zu einem Stück der jiddischen Künstlerin Beyle Schaechter-Gottesman. „Alla fiera dell’est“ dichtet sie um zu „Aufm Markt in Obergiesing“. All das wäre in einem intimen Rahmen besser angekommen.
 

Charmanter Saitenderwisch


Was Joscho Stephan mit seiner Gitarre in der Neuen Welt veranstaltet, ist schlichtweg sensationell. Man weiß ja, dass Gypsy-Swing-Gitarristen durch die Bank virtuose Instrumentalisten sind, Joscho Stephan aber spielt Läufe, die man bisher eigentlich für unspielbar hielt. Wenn er ein Stück vollendet, geht nach einer Phase ungläubigen Staunens erstmal ein Raunen durch den Saal, bevor euphorischer Beifall losbricht. Und noch etwas hebt Stephan eindeutig über seine Genrekollegen hinaus. Er erweist zwar auch dem Übervater Django Reinhardt seine Reverenz, belässt es aber nicht dabei, sondern öffnet die Gypsy-Swing-Nische hin zum Rock, zur Klassik, zum Pop, spielt Jimi Hendrix, zitiert Led Zeppelin und Rimsky-Korsakov. Ja, wenn dieser Saitenderwisch, der auch noch charmant und mit knochentrockenem Humor mit seinem Publikum plaudert, seine Ideenkiste öffnet und die Finger über den Steg rasen lässt, erschließen sich dem Gitarrenfan neue Horizonte. Sogar dem, der meint, schon alles gesehen zu haben. 


Temporeicher Grenzgänger


Cornelia Hammer
Ingolstadt
Grenzgänger tun der Kunst, der Literatur und der Musik gut. Sie beleben die Stile, entwickeln Neues. Vor allem, wenn sie Raphael Gualazzi heißen. Der italienische Pianist und Sänger – der als Exot beim ESC 2011 für Italien den 2. Platz holte und im Vorfeld des Wettbewerbs als „Diamant auf dem Wühltisch“ bezeichnet wurde – eroberte die Besucher im voll besetzten Diagonal vom ersten Ton an. Der 35-Jährige aus Urbino, der sein neues Album „Love Life Peace“ präsentierte, ist ein Meister des Stilmix. Er lässt sich von Jazz, Soul, Blues, Klassik oder einem Hauch Canzone inspirieren. Daraus entwickelt er mit Fantasie, enormer Energie und leidenschaftlicher Experimentierfreude sowie einer Portion Humor und Sinn für quirlige und verblüffende Sequenzen seine Stücke und Arrangements. Mal aberwitzig temporeich, mal cool und abgebrüht, mal ruhig und flirrend. Für sein facettenreiches Spiel hatte er den virtuosen Bassisten Anders Ulrich und einen famos agierenden Gianluca Nanni an den Drums an seiner Seite. Großer Applaus!
 


Weiteres Programm der Ingolstädter Jazztage


An diesem Samstag beginnt um 20 Uhr die Jazzparty 2 im NH Hotel, am Sonntag Konzert mit Klaus Doldinger und Max Mutzke im Festsaal (19.30 Uhr). Am Montag Auftritt von Max Giesinger im Festsaal (20 Uhr). Karten bei den DK-Geschäftsstellen oder Restkarten an der Abendkasse. Weitere Konzerte unter www.ingolstaedter-jazztage.de.
Katharina Wirtz, Lorenz Erl, Katrin Poese, Karl Leitner, Kathrin Fehr
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