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Das Lichtstrom-Festival in Ingolstadt begeistert tausende Besucher – und zeigt, wie richtige Kunst als Publikumsspektakel funktioniert

Helle Nächte

Ingolstadt
erstellt am 28.09.2014 um 21:12 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:44 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Es lebt! Das Haus in der Cranachstraße 47 lebt! Dass es die Weimarer Villa Dürckheim ist, ein 1912 erbautes Palais, das später die Kreisverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit beherbergte, erfährt man freilich erst durch Nachrecherche. Sehen kann man, in der schummerigen Kühle eines Kasemattengewölbes, in langsamen, gleichwohl lichtdurchzuckten Einstellungen: Treppenhäuser.
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Ingolstadt: Helle Nächte
 
Ingolstadt

Fensterrosetten. Türschwellen. Stiegenfolgen. Und man hört: Rauschen und Rattern, Knistern und Keckern über den seltsam bedrohlichen Bildern. Mit der Kamera haben die jungen Künstler Ludwig Berger und Michael Kugler das Wesen das Hauses eingefangen, haben das flackernde Licht seiner Neonröhren achtfach verlangsamt, das mit Richtmikrofonen aufgenommene Rauschen in den Heizungsrohren oder das Knacken des Gebälks vielfach verstärkt hinzugefügt zu diesem wunderbaren kleinen Video. Eine Preziose!

Fotostrecke: Licht-Strom-Festival

 

Freilich braucht es eine Weile, die auf dem Lichtstromfestival im Ingolstädter Klenzepark zu sehen. Nicht nur, weil an beiden Abenden lange Besucherschlangen vor den Kasematten mindestens eine halbe Stunde Wartezeit zur Folge haben, nicht nur, weil davor der Weg durchs wuselige Vollgedränge von jungen Leuten, Familien mit Kindern, Freundinnengruppen, verliebten Paaren und ergrauten Kunstfans im gesamten Park ebenfalls seinen Tribut verlangt. Sondern weil an jeder Wegesecke, im Dunkeldicht der Bäume, im Exerzierhaus, auf dem Spielplatz, sogar im großen Brunnen und natürlich am Turm Triva erst einmal frei Zugängliches, machtvoll Leuchtendes, wild Flirrendes das Auge lockt, Aufenthalt erfordert, Staunen macht. Licht! Strom! Kunst! Unglaublich.

Mit einem in jeder Hinsicht großen Festival haben die Ingolstädter Stadtwerke zum eigenen 100. Geburtstag ihre Stadt beschenkt. Und sich selbst den Gefallen getan, als künstlerische Leiterin die fabelhafte Cendra Polsner zu engagieren: eine renommierte, mehrfach studierte Künstlerin, so präzis wie kreativ, in der Licht-, Video- und Medienkunst verhaftet, und, wie sich zeigt, bestens vernetzt mit den Größen und Talenten dieser Genres.

Über 20 Künstler hat Polsner eingeladen, Profis aus München, Hamburg, Regensburg, aber auch aus Ingolstadt und der Region. Wie den Lichtwahnsinnigen Markus Jordan, dessen „Digiland“ zu den aufsehenerregendsten Arbeiten im Genre „Lichtkunst“ gehört. Hunderte von Quadratmetern hat Jordan im Halbrund um den Turm Triva mit geometrischen Rastern weißen Bands bedeckt, Hügel und Flächen geformt, eine Art Schirm mittig gesetzt. Und nun schimmert jeder Zentimeter – und sind zum Vergnügen Aller Besucherzähne, -mützen, -schuhe leuchtend weiß. Denn mit einem Großaufgebot von Schwarzlichtscheinwerfern taucht Jordan seine Arbeit erst ins rechte Licht.

Überhaupt Turm Triva! Hier ist es spektakulär, hier haben die großen Medienkunst-Meister ihren Auftritt! Der Münchner hiltmeyer inc. bespielt die Außenwand des Turms mit farbgewaltigen Taktungen, die sich auf die Architektur beziehen und zugleich – Assoziationen seien erlaubt – scheint's Geschichte und Zukunft dieses kriegerischen Festungsgebäudes aufleuchten lassen. Die Hamburger incite begeistern am ersten Abend im Turm mit lauten Pulsungen von Bild und Ton, die Stuttgarter Hammerhaus bezirzen am zweiten mit einem audiovisuellen Stelldichein aus Schwebeklang und fließenden, kletternden Formen; sehr urban das alles! Und der Regensburger Ralf Maria Oberleitner macht während der gesamten Zeit mit einem wundersamen aufwendigen Videomapping, mit Bögen und rotierenden Formen darin, die Infanteriemauer in nie gesehenem So-Sein sichtbar.

Kaum hat man sich von diesem Festivalszentrum losgerissen, warten schon andere Sensationen. Im Wäldchen neben dem Bachlauf hat der Münchner mit dem Namen 507 nanometer ein hinreißend poetisches, gleichwohl dunkel geheimnisvolles Werk geschaffen: Riesige Lichtröhren blinken und blitzen auf zwischen Stämmen, dumpf und lockend brüllt, wispert, dröhnt dazu der Wald. Die schönste Station auf dem Weg zum Exerzierhaus, das seinerseits dem Interaktiven vorbehalten ist. Publikumsrenner hier: Die bunten „Wings“ aus Licht der Münchnerin Betty Mü, in die der Gast vor der Videoleinwand quasi schlüpfen und durch eigene Bewegung seine Engelsflügel schwingen lassen kann.

Und schließlich doch: Die Kasematten. Das am ausführlichsten angeschaute Werk darin ist vermutlich das von Cendra Polsner selbst – beim langen Warten vor der Tür hat man besten Blick auf dieses Zauberspiel sich taktender Strukturen aus Licht auf zartem Transparentgewebe. In dem der eintretende Gast schließlich lichtdurchpulst verschwindet: In die Kühle, und in Entdeckungen, kleine und große. Eine Stehlampe mit Schnüren. Ein Gewölbe, ganz von flackerndem Video-Feuer (Krieg? Hölle? Aber ach, es ist so kalt!) ausgefüllt. Alfred Kurz’ scheinbar leerer Raum mit schmuddeliger Bank, eine versteckte Neonröhre indes zeigt jedes winzige Detail. Rotleuchtende Kieselsteine. Ein elegantes Lichtobjekt. Die wunderbare Cranachstraße. Dann wieder hinaus. Und alles von vorn. Es ist Licht. Es ist Strom. Es ist Kunst.

Von Karin Derstroff
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